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13:19 20 Juli 2019
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    Rap-Fans während eines Konzerts (Symbolbild)

    Was geht ab, Bratans und Sestras?

    © AP Photo / MTI, Janos Marjai
    Gesellschaft
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    Yulia Fedorova
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    Das russische Wort „Bratan“ dürfte mittlerweile vielen Rap-Fans geläufig sein. Schließlich sind Deutsch-Rapper mit osteuropäischen Wurzeln seit Jahren ein fester Bestandteil der Musik-Kultur. Dabei benutzen die Künstler russische Wörter nicht nur wegen des coolen Klangs – für sie repräsentieren sie einen Teil ihrer Kultur und ihrer Herkunft.

    „Ich denke einfach, dass viele sich damit identifizieren können, weil mittlerweile alles so gemischt ist und jeder möchte natürlich auch seine Wurzeln, sein Herkunftsland und vielleicht seine Traditionen ein bisschen einbringen“, erklärt die deutsch-russische Rapperin SLY im Sputnik-Interview. Ihrer Meinung nach sei “Russisch […] eine deutlich melodischere Sprache als Deutsch und klingt eigentlich in Liedern tatsächlich besser als Deutsch”, deswegen “[..] lohnt es sich, die russische Sprache in die Lieder einzubauen”.

    SLY

    25,1 Tsd. Abonnenten (Instagram @sly.sc

    SLY, die einzige Frau in unserer Übersicht, wurde im Gegensatz zu anderen Rappern mit slawischer Herkunft direkt in Deutschland geboren. Im Privatleben auch Sylvie genannt. wuchs sie in München auf. Dennoch fließt in ihren Adern russisches Blut, sagt sie stolz. Mütterlicherseits stammt ihre Familie aus Moskau. Mit der russischen Metropole verbindet sie ziemlich viele Erinnerungen: Spaziergänge im Zentrum Moskaus oder die heißen Sommermonate mit den Großeltern und dem Hund auf der Datscha. Zu ihrer Kindheit gehören außerdem russische Kinderfilme und Bücher, darunter „Tscheburaschka“,Der Zauberer der Smaragdenstadt“ oder „Hase und Wolf“.

    Wenn sie in Russland ist, fühle sie sich „teilweise eher als Deutsche und wenn ich hier (in Deutschland, Anm. d. Red.) bin unter Leuten, die auch russisch sprechen, dann fühlt man sich eher als Russin.“. So verbindet die Musikerin beide Länder und Kulturen in sich.

    Bevor sie durch das „aggressiv“ erscheinende, bei Jugendlichen aber beliebte Rap-Battle-Turnier „JBB“ bekannt wurde, begann Sylvie mit „friedlicherer“ klassischer Musik. Sie ging sieben Jahre lang auf eine Musikschule und komponierte ab dem 12. Lebensjahr eigene Melodien am Klavier. “Mit 16 habe ich meinen ersten Track mit Text geschrieben (auf Englisch), dann kam eine lange Pause bis Januar 2017”. Als Spaß gedacht und ohne große Erwartungen, schaffte es das erste Video von SLY in die Qualifikation für das JBB-Videobattleturnier. In diesem Online-Wettkampf erreichte sie auf Anhieb das Viertelfinale.

    Aus dem SLY-Repertoire:

    In weniger als zwei Jahren hat die junge Frau bereits mehrere Tracks und Musikvideos veröffentlicht. Im Lied “Warm up” wurden dem Text nicht nur einzelne russische Wörter hinzugefügt, Sylvia schrieb gleich eine ganze Strophe in ihrer Muttersprache. “Aktuell sitze ich an dem nächsten Song dran, der einen Teil hat, der russisch ist. Der ist zwar kleiner als der deutsche Teil, aber da ist auf jeden Fall was Russisches dabei”.

    Obwohl sie vorrangig in der deutschen Rap-Szene präsent ist, beschränkt sie sich darauf, sondern verfolgt die russischen Kollegen, z.B. Scroodgee. “Er macht was sehr spezielles, mit dem würde ich auf jeden Fall gerne zusammenarbeiten, falls es sich ergeben sollte”.

    Im Sputnik-Interview erzählt SLY noch mehr über ihre Herkunft, ihre Karriere, über den Stellenwert der russischen Sprache und Musik in ihrem Leben.

    Capital Bra

    2,6 Mio. Abonnenten (Instagram @capital_bra

    Letztes Jahr stellte der Rapper mit seinen Liedern sieben Rekorde auf. Obwohl 1994 in Sibirien geboren, betrachtet Capital Bra die Stadt Dnepropetrowsk in der Ukraine als seine Heimat. Wladislaw Balowatsky, so sein bürgerlicher Name, zog mit sieben Jahren mit seiner Mutter nach Deutschland. Schon als kleiner Junge schrieb er Texte und nahm früh an Battle-Rap-Veranstaltungen teil. Anfang 2016 veröffentlichte Capital Bra sein Debütalbum.

    Wladislaw will als Künstler unpolitisch zu bleiben und keine scharfen Aussagen treffen, aber er bedauert die gegenwärtigen Krise zwischen Russland und der Ukraine. Eine Ausnahme ist ein Song, den er am Anfang seiner Karriere Russlands Präsidenten Wladimir Putin widmete.

    Wie Sylvie vergisst auch Wladislaw trotz seiner langen Zeit in Deutschland seine Wurzeln nicht und streut immer wieder russische Ausdrücke in seinen Texten ein. Der Clip zum Lied „One Night Stand“, wo der Rapper seine schöne und gerechte Geliebte auf Russisch anspricht, hat bereits auf Youtube 68 Millionen Aufrufe gesammelt. Dieser Erfolg bestätigte Wladislaw darin, weiterhin Russisch in seine Kunst einfließen zu lassen, zu hören in den Liedern „Vogel“ und „Prinzessa“.

    Aus dem Capital Bra-Repertoire:

    Olexesh

    776 Tsd. Abonnenten (Instagram @olexesh

    Olexesh und Wladislaw sind sich nicht unbekannt. Zusammen haben sie Raplieder mit teilweise russischen Texten geschrieben. Olexesh heißt mit dem bürgerlichen Namen Olexij Kossarew und wurde 1988 in Kiew geboren. Er zog 1994 mit seiner Mutter nach Deutschland. Einen deutschen Pass besitzt er trotzdem noch nicht und nennt die Ukraine seine Heimat. Im Allgemeinen beschreibt sich Olexij als slawisches "Allerlei", da er ukrainische sowie weißrussische Wurzeln hat und er russisch spricht. 

    Anfangs war es schwer für den Rapper, aber es gelang ihm, einen Vertrag bei dem Musikabel „385ideal“ abzuschließen und vom Subway-Azubi zum Rap-Superstar zu werden. Nicht nur der Titel seines Debütalbums ist russisch: „Nu eta da“ (zu Deutsch: „Ja, das schon“). Auch den Song „Nu pogodi“  („Na warte“) schrieb Olexesh in seiner Muttersprache. In einem Interview mit Hiphop.de schließt Der Rapper nicht aus, dass er auch künftig Songs auf Russisch veröffentlichen wird.

    Aus dem Olexesh-Repertoire:

    Der Russe

    3 Tsd. Abonnenten (Instagram @bongboy82

    Wenn man „den Russen“ interviewen möchte, sollte man Geld bereithalten. Sonst bleibt er ziemlich introvertiert, was Medien betrifft. Deswegen kennt man den wirklichen Namen des Rappers nicht und weiß generell kaum etwas über seine Biographie. Es ist bekannt, dass er mit einem der bekanntesten deutschen Rapper, Sido, befreundet ist und trotz seines Künstlernamens ein Ukrainer wie Capital Bra und Olexesh ist. Ein gleichnamiges Profil auf Instagram lässt das Geburtsjahr 1982 vermuten. Im Jahr 2016 veröffentlichte er ein Album und zwei Clips, die zusammen über eine Million Aufrufe auf YouTube erhielten. In einem Doppel-Clip zu den Liedern „Der Russe“ und „Bong Song" erzählt der Rapper von seinem entspannten Leben: „Immer wenn ich Hunger habe, ess ich ‘ne Soljanka, und dafür bin ich Mama so dankbar“. Zwei weitere Details werden auf seiner offiziellen Webseite sichtbar: „Der Russe“ liebt Russland und findet die NATO-Osterweiterung nicht cool.

    Aus dem Der Russe-Repertoire:

    Sun Diego aka SpongeBozz

    335 Tsd. Abonnenten (Instagram @spongebozz)

    Wie „Der Russe“ hielt Dmitrij Chpakov, 1989 in Chernovtsy geboren, anfangs seine wahre Identität geheim. Jahrelang fragte man sich, wer sich unter dem „Schwammkopf“-Kostüm aus der gleichnamigen Fernsehserie verbirgt. 2017 veröffentlichte der Rapper den Track „Wory w sakone“ („Diebe im Gesetz“). Das Intro zum Lied nahm der Rapper aus dem Repertoire der russischen Sängerin Ljubow Uspenskaja. Letztlich kam heraus, wer sich hinter der Zeichentrickfigur verbarg und mit verstellter Stimme rappte – der bekannte Musiker „Sun Diego“. Inzwischen greift Dmitrij auf seinen alten Künstlernamen zurück, doch den unteren Teil seines Gesichts zeigt er immer noch nicht.

    Lange Zeit war Dmitrij auf der verschiedenen Battle-Rap-Plattformen aktiv und zählt mittlerweile zu den besten Künstlern der deutschen Rap-Szene. Es ist bemerkenswert, dass er im Gegensatz zu anderen Rappern mit slawischen Wurzeln eigentlich Russisch ohne Akzent spricht. Dmitrij ist der Gründer und Besitzer des Musik-Labels „Bikini Bottom Mafia". Auf dem Label versammelt er gleichgesinnte deutschsprachige Rapper, die ihre Karriere als Battle-Rapper begannen und deren Muttersprache ebenfalls Russisch ist.

    Aus dem Sun Diego aka SpongeBozz-Repertoire:

    Juri

    72,7 Tsd. Abonnenten (Instagram @checkmichjuri

    Juri heißt mit zweitem Namen Abdul und hat väterlicherseits afghanische Wurzeln. Der junge Mann mit den schwarzen Haaren und der dunklen Haut wurde in Wolgograd geboren. Wie sein Kollege und Labelchef Sun Diego berichtet, war er überrascht, als Juri ihn in akzentfreiem Russisch begrüßte.

    Sein erstes Album „Bratans aus Favelas“ hat vier Wochen an der Spitze der deutschen Albumcharts gestanden. Genau wie Capital Bra widmete Juri einen seiner ersten Songs bei dem Label „Bikini Bottom Mafia“ dem russischen Staatschef Wladimir Putin. Das Lied wurde in Zusammenarbeit mit Scenzah aufgenommen.

    Aus dem Juri-Repertoire:

    Scenzah

    37,6 Tsd. Abonnenten (Instagram @scenzahofficial

    Das dritte Label-Mitglied Sergei Fast wurde 1986 in Kasachstan geboren und kam wie seine Kollegen noch als Kind nach Deutschland. In dem Lied „Heimatlos“ erzählt er die schwere Geschichte seiner Familie und wie sich deren Leben nach dem Umzug entwickelte. Im Refrain wechselt der Rapper ins Russische und wendet sich an seine Heimat. Sein Leben möge sich verbessert haben, aber die Sehnsucht nach dem Gefühl der Heimat endet nicht.

    Aus dem Scenzah-Repertoire:

    Die Hip-Hop-Kultur hat sich in der deutschen Musikindustrie fest verankert und gewinnt jedes Jahr an Popularität. Angesicht der slawischen Herkunft vieler Rapper könnte es gut sein, dass das deutsche Publikum bald das ein oder andere russische Wort lernt.

    Das komplette Radio-Interview mit SLY zum Nachhören:

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    Tags:
    Fans, Rap, Russisch, Kultur, Deutschland