Widgets Magazine
14:56 14 Oktober 2019
SNA Radio
    Besucherinnen der Messe für Integration der Flüchtlinge in Hamburg am Stand der medizinischen Branche (Archivbild)

    Stunk auf der Station – Migranten in Krankenhäusern unter Wert beschäftigt

    © AFP 2019 / dpa / Markus Scholz
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    152160
    Abonnieren

    Rivalität und Abneigung: In deutschen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen herrscht Unzufriedenheit. Aus dem Ausland angeworbene Fachkräfte und deutsches Personal sind sich nicht grün. Die Gründe sehen die zerstrittenen Lager in kulturellen Unterschieden, gar Rassismus – die wahren Ursachen liegen aber andernorts, so eine Studie

    Immer mehr Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen stellen Fachleute aus dem Ausland ein. Prognosen zufolge wird die Zahl der pflegebedürftigen Menschen auf etwa 3,4 Millionen im Jahr 2030 ansteigen und somit auch der Bedarf an Pflegekräften. Bei dem heutigen Versorgungsniveau werden in Zukunft etwa 517.000 Pflegefachkräfte fehlen, schildern die Autoren einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung die Problemlage.

    >>>Deutsche Sorgen: Angst vor Zuwanderung glimmt weiter und Angst vor Gewalt sinkt<<<

    Derzeit arbeiten rund 62.500 Pflegefachkräfte aus dem Ausland in deutschen Einrichtungen, das sind etwa sechs Prozent aller Pflegekräfte, errechnete die Welt am Sonntag basierend auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Viel zu wenig, um des Pflegenotstands Herr zu werden, denn es fehlen mehr als 36.000 Kräfte. Gesundheitsminister Jens Spahn will im Rahmen seiner „Pflege-Strategie“ auch das Anwerben von geeignetem Personal in anderen Ländern ankurbeln.

    Zweifel am Erfolg solcher Anwerbungsaktionen hat Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe:

    „Bei den Arbeitsbedingungen hierzulande muss sich Deutschland im Ländervergleich ganz hinten anstellen, denn deutsche Kliniken sind für […] Pflegefachpersonal im Vergleich zu britischem, skandinavischem, niederländischem oder schweizer Standard nicht der attraktivste Arbeitgeber. Die umworbenen Arbeitskräfte haben in der Regel akademisches Ausbildungsniveau […] und werden verantwortungsvoll eingesetzt und entlohnt.“

    Die „Grundpflege“, wie Hilfestellung beim Essen und das Waschen der Patienten, ist im Ausland für Pflegefachkräfte eher ungewöhnlich, denn traditionell kümmerten sich Angehörige oder Spezialpersonal darum. Vielmehr übernehmen sie oft Management- und Behandlungsaufgaben, die in Deutschland Medizinern vorbehalten sind, haben einen Uni-Abschluss.

    Sprengstoff im täglichen bundesdeutschen Pflegealltag

    Für die Studie befragte Migranten gaben an, „unter Wert“ arbeiten zu müssen. Sie fühlten sich von Informationen ausgeschlossen, von Vorgesetzten schlechter behandelt. Der Umgang auf den Stationen sei oft von Rivalität und Abneigung geprägt.

    Nicht selten bildeten sich zerstrittene Lager. So würden Sprachkenntnisse hierarchisch instrumentalisiert: Wegen der Sprachbarriere bekämen hochqualifizierte Neuankömmlinge oft geringere Arbeiten zugeteilt, weil diese angeblich im stressigen Arbeitsalltag nicht voll einsetzbar seien. Uni-Abschlüsse würden als „praxisfern“ abgetan. Dies seien symbolische Kämpfe um die Macht gegenüber den neu Hinzugekommenen, so die Studie.

    Die Unterschiede in Ausbildung und der gewohnten Arbeitsteilung zwischen medizinischem Personal, Pflege- und Hilfskräften, würden als kultureller Unterschied, das schwierige Arbeitsklima als Rassismus empfunden.

    Dabei handele es sich aber um ein Missverständnis, „Kulturalisierung“ genannt, so die Forscher. Hinter den Konflikten steckten lediglich fachliche Fragen, was die die Lager nicht erkennen würden.

    Werden die Spannungen nicht gelöst, so reagieren Zugewanderte oft mit dem „Exit“: Sie wechseln die Einrichtung, steigen ganz aus der Pflege aus, gehen zurück in die Heimat. Da dies nicht zielführend ist, präsentieren die Autoren von der Goethe-Universität Frankfurt/Main auch Ideen und Erfahrungsberichte zur Konfliktlösung:

    Unabhängige Coaches zur Beratung, Mentor-Programme, mehr Zeit für fachlichen Austausch, multikulturelle Feste. Fraglich ist nun, woher das Pflegepersonal an Kliniken und Altersheimen die zeitlichen Ressourcen für die zu bewältigende Integrationsaufgabe nehmen soll.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Zuwanderer, Nothilfe, Migration, Flüchtlinge, Asylbewerber, Ungleichheit, Migranten, Medizin, Deutschland