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05:37 18 Oktober 2019
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    Weibliche Beschneidung in Ägypten (Archivbild)

    EU will Frauen vor Beschneidung schützen: Warum dieser Brauch so gefährlich ist

    © AP Photo / Nariman El-Mofty
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    Diese schmerzhaften und gefährlichen Operationen werden in vielen Ländern durchgeführt. Ihre Folgen sind manchmal sehr traurig – von Infektionen bis zur Unfruchtbarkeit.

    „Das ist ein barbarischer Brauch und ein ernsthaftes Verbrechen“, erklärte eine Richterin, die zum ersten Mal in der Geschichte Großbritanniens eine Frau, die ihre kleine Tochter beschneiden lassen hatte, zu elf Jahren Haft verurteilte.

    Gerichtsschutz für ein Mädchen

    Im Sommer 2017 wurde in ein Londoner Krankenhaus ein dreijähriges Mädchen mit einer Verletzung der Geschlechtsorgane eingeliefert. Die Eltern behaupteten, ihr Kind wäre gefallen, als es einen Keks holen wollte, und hätte sich an einer Ecke des Küchenschranks gestoßen. Die Ärzte sahen aber sofort, dass das Mädchen einer Prozedur unterzogen worden war, und erstatteten Anzeige.

    Vor einigen Tagen wurde die 37-jährige Mutter des verletzten Mädchens, die aus Uganda auf die Insel gekommen war, zu elf Jahren Haft verurteilt. Laut dem „Guardian“ ist dieses Urteil unerhört für das Vereinigte Königreich. In drei ähnlichen Fällen waren die Angeklagten zuvor freigesprochen worden.

    Nach Einschätzung der Experten der City University of London lebten 2011 ungefähr 137.000 beschnittene Frauen und Mädchen in Großbritannien. Sie alle kamen aus Ländern auf die Insel, wo es diesen uralten Brauch gibt.

    Schwere Verletzungen, schlimme Folgen

    Bei der weiblichen Beschneidung handelt es sich um die vollständige bzw. teilweise Entfernung der Genitalien, um Piercing, Durchstich, Einbrennungen usw.

    Besonders schmerzhaft und gefährlich ist die vollständige Entfernung der Klitoris, der inneren und teilweise äußeren Schamlippen, das Zusammennähen der Vagina, in der dann nur eine kleine Öffnung für Urin und Menstrualblut bleibt.

    Nach Angaben des britischen Nationalen Zentrums für Frauengesundheit kann eine solche Operation äußerst schlimme gesundheitliche Folgen haben. Denn oft wird sie in nichtsterilen Verhältnissen, mit schmutzigen Instrumenten usw. durchgeführt. Und als blutstillendes Mittel werden Kräuter, Asche oder auch Dünger verwendet. Dabei kommt es ziemlich oft zu Blutvergiftung, zur Ansteckung mit verschiedenen Infektionen wie Hepatitis oder Starrkrampf; es besteht das Risiko der HIV-Übertragung usw.

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    In den weiblichen Genitalien gibt es etliche Blutgefäße und Nervenenden. Selbst kleinere Kratzer sind sehr schmerzhaft und können zu Entzündungen führen. Ein beschnittenes Kind kann schlimmstenfalls an Blutverlust sterben.

    Beschnitten werden üblicherweise Kinder im Alter zwischen einigen Wochen und etwa 14 Jahren. Wer dieser Operation noch als Baby unterzogen wurde, kann sich daran wohl gar nicht erinnern. Wer das aber als Teenager erlebt hat, könnte dadurch ernsthaft traumatisiert werden.

    Weibliche Beschneidung kann Ursache von schmerzhaften Geschlechtskontakten oder ausbleibender sexueller Befriedigung werden. Außerdem kann dabei die Harnröhre beschädigt werden, was zu Schmerzen, Inkontinenz und wiederum zu Infizierungen führen kann.

    Kein Organ – kein Problem

    Von weiblicher Beschneidung ist ungefähr seit dem fünften Jahrhundert v. Chr. bekannt. Laut Herodot gab es diesen Brauch in Phönizien, Äthiopien, Ägypten und anderen Ländern.

    Im Jahr 1825 schrieb ein deutscher Chirurg im Fachmagazin „Lanzette“ über die Behandlung von überflüssiger Selbstbefriedigung und Nymphomanie durch Klitoridektomie – Entfernung der Klitoris. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solche Operationen in Frankreich und England quasi massenweise durchgeführt. Es galt damals, dass man damit sexuelle Störungen und dadurch ausgelöste psychische Erkrankungen heilen könnte.

    Allerdings fanden sich auch viele Ärzte, die diese Methode ablehnten. Deshalb wurde der britische Gynäkologe Isaac Baker Brown, Autor des 1866 erschienen Buchs „On the Curability of Certain Forms of Insanity, Epilepsy, Catalepsy, and Hysteria in Females”, heftig kritisiert.

    Besonders lange wurde Klitoridektomie in den USA praktiziert – die letzte Operation dieser Art wurde vermutlich erst 1927 durchgeführt. In heutigen Zeiten werden Frauen in manchen Ländern Afrikas, des Mittleren Ostens und Asiens beschnitten – das verlangen die dortigen Traditionen.

    Im Westen wurde die Gesellschaft auf dieses Problem in den 1980er Jahren aufmerksam, als viele junge Familien und Studenten aus Ländern, wo weibliche Beschneidung Usus war, nach Europa kamen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab es in der Welt 2018 etwa 200 Millionen beschnittene Frauen bzw. Mädchen.

    Alter „Zopf“ gegen Modernisierung

    Ärzte verweisen einstimmig darauf, dass weibliche Beschneidung sehr gefährlich und in keinerlei Hinsicht nützlich ist.

    Forscher von der Buffalo University (USA) befragten im Sommer 1990 zwölf Frauen aus Somalia, die die Ausreise nach Kanada beantragt hatten. Die Hälfte von ihnen war dieser „Prozedur“ unterzogen worden. Manche von ihnen erzählten von starken Blutungen und großen Schmerzen während und nach der Beschneidung, bei der Regel, Schmerzen bei der Harnentleerung usw.

    Zu den „universalen“ Folgen der Beschneidung gehören vor allem Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Im Sudan sollen viele beschnittene Frauen zugegeben haben, nie im Leben einen Orgasmus gehabt zu haben – sie dachten, Sex wäre nur etwas für Männer. Übrigens können beschnittene Männer „nur“ provisorisch Probleme mit der Potenz haben – bei beschnittenen Frauen bleibt die Libido aber gesenkt, und die moderne Medizin kennt noch keine Mittel für die Wiederherstellung der Empfindlichkeit der beschnittenen Geschlechtsorgane.

    Gegen weibliche Beschneidung wird in der ganzen Welt gekämpft, doch die Erfolge sind dabei eher mäßig. In vielen Ländern ist diese „Prozedur“ verboten, aber solche Verbote funktionieren kaum. Aber jüngere Menschen verzichten immer öfter darauf. Kinder afrikanischer Einwanderer in Europa werden normalerweise nicht mehr beschnitten.

    In Italien, Holland und den USA wurden Versuche unternommen, Frauen in Kliniken zu beschneiden, um wenigstens den Gesundheitsschaden zu minimieren. Doch diese Versuche wurden von der empörten Öffentlichkeit unterbunden.

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    Im Dezember 2018 sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass eine private Klinik in Moskau Frauen der Klitoridektomie unterzieht – „aus religiösen oder rituellen Motiven“. Als diese Information bestätigt wurde, wurde die Klinik von der russischen Gesundheitsaufsichtsbehörde verwarnt, mit dem Fall wurde das Ermittlungskomitee beauftragt.

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    Beschneidung, Verletzung, Operation, Schutz, Mädchen, Frauen, Guardian, EU, Uganda, Holland, London, Italien, Großbritannien, USA