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    Regierungstruppen haben Mittagspause während Straßenkämpfen in Berlin am 11. März 1919

    Wie die Gewalt zur Geburtshelferin der Weimarer Republik wurde und wem sie diente

    © Foto: National Archives and Records Administration / Underwood and Underwood
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    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (31)
    111015
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    Im März vor 100 Jahren lieferten sich erneut militärische Einheiten in Berlin bürgerkriegsähnliche Kämpfe: Auf der einen Seite revolutionäre Arbeiter und Soldaten, auf der anderen präfaschistische Freikorps im Auftrag der Regierung. Damit hat sich eine Tagung in Berlin beschäftigt, die ebenso auf die globale Situation 1919 geblickt hat.

    Am Vormittag des 12. März 1919 starb die Berliner Schülerin Helene Slovek – erschossen von dem Freikorps-Soldaten Max Marcus. Die 12-Jährige hatte den Fehler gemacht, am Fenster der elterlichen Wohnung in der Langen Straße in Berlin-Lichtenberg zu stehen, als ihr Mörder mit anderen Soldaten seiner Einheit die Straße nach Aufständischen absuchte.

    Diese hatten sich in der Gegend Tage zuvor Schießereien mit den Freikorps geliefert, die im Auftrag der MSPD-geführten Regierung Berlin besetzten. Marcus fackelte den Berichten nach nicht lange, als er durch die Straße rief: „Straße frei, Fenster zu!“ Das Mädchen im dritten Stock des Hauses konnte nicht schnell genug reagieren, bevor der tödliche Schuss sie im Kopf traf.

    Bereits 1920 hatte Emil Julius Gumpel in seinem Buch „Zwei Jahre politischer Mord“ (1922 neu: „Vier Jahre politischer Mord“) auf den Fall aufmerksam gemacht. Darin hatte er alle ihm bekannten politischen Morde seit dem 9. November 1918 aufgeführt. 100 Jahre später erinnerte in Berlin der irische Historiker Mark Jones an den Mord an dem Mädchen. Er geht darauf auch ausführlich in seinem 2016 veröffentlichten Buch „Founding Weimar. Violence and the German Revolution of 1918/19“ (deutsch 2017: „Am Anfang war die Gewalt“) ein.

    Rücksichtsloses Vorgehen

    Jones schilderte anhand der Aussagen von Gumpel und von ihm selbst gefundener Akten im Landesarchiv Berlin, was am 12. März 1919 geschah. Die Zeugen hätten sich noch ein Jahr später in ihren Aussagen vor allem an die Entsetzensschreie der Mutter des ermordeten Mädchens erinnert. Der Historiker sprach darüber am Samstag auf einer Veranstaltung der Berliner Linksparteinahen Stiftung „Helle Panke“ zum Thema „Die zweite Revolution? – Das Frühjahr 1919 in Deutschland und Europa“.

    Der Mörder des Mädchens habe an dem Tag zwei weitere Menschen getötet, schreibt Jones in seinem Buch. An dem Abend des 12. März 1919 habe er außerdem noch den Bahnarbeiter Alfred Musick erschossen. Der war einem ersten Erschießungskommando der Freikorps verletzt entkommen. Dann sei er aber ausgerechnet von Marcus verhaftet worden, der ihn von hinten erschoss, wie Jones in Berlin berichtete.

    Der Fall sei ein Beispiel für die Gewaltgeschichte der Weimarer Republik, meinte der Historiker. In seinem Buch schreibt er von einem „makabren Muster“: Zwischen den Festnahmen von Aufständischen und ihrer Erschießung habe meist ein längerer Zeitraum gelegen. Dabei hatte der zugrundeliegende Schießbefehl von Reichswehrminister Gustav Noske (MSPD) vom 9. März 1919 gelautet: „Jede Person, die mit der Waffe in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“

    „Es war nicht nur Noske“

    Laut Jones gaben in den konkreten Fällen einzelne Offiziere der Freikorps die jeweiligen Mordbefehle mündlich. Damit sei zum Gefangenenmord aufgerufen worden, so der Historiker Dietmar Lange in seinem Buch „Massenstreik und Schießbefehl“ über die Ereignisse vor 100 Jahren in Berlin. Die Freikorps hätten den Noske-Befehl sehr frei ausgelegt und auch zahlreiche Zivilisten ermordet, so Lange. Er nahm ebenfalls an der Konferenz teil und moderierte die Beiträge.

    Für Jones handelt es sich bei dem Schießbefehl vom selbsternannten „Bluthund“ Noske um mehr als dessen persönlichen Erlass. „Es war nicht nur Noske“, sagte der Historiker, „es war nicht sein Schießbefehl, sondern es war der Schießbefehl der Weimarer Republik.“ Diese sei auch durch die Gewalt im Frühjahr 1919 begründet worden. Wer verstehen will, wie es von den Hoffnungen des 9. November 1918 zum 9. November 1938, der faschistischen „Reichskristallnacht“ in Deutschland, kam, müsse auf den 9. März 1919 schauen.

    Die Ereignisse im März vor 100 Jahren waren Ausdruck einer anwachsenden Enttäuschung unter den Arbeitern in Deutschland über die Politik der neuen Regierung unter Führung der Mehrheits-Sozialdemokratie. Der Historiker Sebastian Haffner beschrieb die damalige Situation in seinem Buch „Die verratene Revolution“ von 1969, das heute unter dem weniger deutlichen Titel „Die deutsche Revolution 1918/19“ weiter veröffentlicht wird, als Bürgerkrieg. Den habe aber die grausame Gegenrevolution geführt, während die Revolution von 1918 gutmütig gewesen sei.

    Gärende Revolution

    Die Unzufriedenheit mit den politischen und sozialen Ergebnissen seit dem November 1918 hatte zu Beginn des Folgejahres zu Streiks in den deutschen Bergbau- und Industrieregionen wie Oberschlesien, Ruhrgebiet und Mitteldeutschland geführt. Der Historiker Axel Weipert schreibt in seinem Buch über die Berliner Rätebewegung 1919/20 von einer „Zweiten Revolution“. Was im November 1918 begonnen hatte, sollte weitergeführt und die damaligen Forderungen über den Kaisersturz hinaus endlich erfüllt werden: Die Schwerindustrie sollte sozialisiert, das Rätesystem dauerhaft verankert sowie der alte Militarismus entmachtet werden.

    Berlin als politisches Zentrum sowie als damals größter Industriestandort in Europa sei entscheidend gewesen, erklärte Weipert auf der Tagung am Samstag. Doch der Generalstreik in der Hauptstadt begann erst am 3. März 1919, nachdem in den anderen deutschen Regionen längst gestreikt wurde. Und er kam erst auf Grund des Drucks der Arbeiter an der Basis zustande, während vor allem die Gewerkschaften und die Funktionäre der MSPD mit allen Mitteln bremsten. Der weitere Verlauf in Berlin ist in Weiperts Studie ebenso wie im Buch seiner Fachkollegen Lange, Jones und Haffner nachzulesen.

    Dazu gehört der Einmarsch von Freikorps des Generalskommandos unter Walther Freiherr von Lüttwitz ab dem 4. März 1919 – nach einem Einmarschplan vom 31. Januar 1919. Diese Einheiten aus Restbeständen der vormaligen kaiserlichen Armee wurden spätestens im Januar im Umland Berlins aufgestellt. Die neue Regierung, eigentlich durch die Revolution an die Macht gekommen, konnte mit dieser nichts anfangen und suchte zuverlässige Truppen, um sie zu zerschlagen. Verantwortlich war der MSPD-Politiker Noske. Aus den Freikorps wurde später die neue Reichswehr gebildet.

    Widerstand der Arbeiter

    Erst das Auftauchen der Truppen im Auftrag der Regierung habe zu den ersten bewaffneten Auseinandersetzungen mit Arbeitern sowie eigentlich loyalen Berliner Soldaten und Matrosen der Volksmarinedivision geführt, so die Historiker. Gerade Letztere seien auf die Seiten der Aufständischen gewechselt, nachdem sie von den Freikorps angegriffen wurden.

    Gegen die generalstabsmäßig vorgehenden und gut ausgerüsteten Freikorps, die selbst Artillerie wie Minenwerfer sowie Flugzeuge einsetzten, hatten sie keine Chance. Schnell wurden die Aufständischen den Berichten nach vom Zentrum in die Ostberliner Bezirke abgedrängt. Besonders in Lichtenberg kam es zu Kämpfen. Denen folgte nach dem Sieg der Regierungs-Truppen der „Weiße Terror“, unter anderem mit Massenexekutionen, wie der Historiker Lange schreibt. Auch unbeteiligte Zivilisten wie die zwölfjährige Helene Solvek gehörten zu den Opfern der enthemmten Freikorps-Soldateska.

    Wendepunkt der deutschen Geschichte

    Dieser konterrevolutionäre Gewaltausbruch ist für den Historiker Jones ein „Wendepunkt in der deutschen Geschichte“, wie er am Samstag erklärte. „Mitte 1919 war der deutschen Revolution das Genick gebrochen“, hatte 50 Jahre zuvor Sebastian Haffner die Ergebnisse beschrieben. „Die SPD regierte jetzt einen bürgerlichen Staat, hinter dem als wirklicher Machtträger die von ihr herbeigerufene Gegenrevolution stand.“

    Den Preis dafür beschreibt der Historiker Stefan Bollinger in seinem Buch „November ’18 – Als die Revolution nach Deutschland kam“: „Die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe seit dem November 1918 kosten mindestens 5.000 Menschen das Leben, mehrheitlich die Gegner der Regierung, der Freikorps, der faschistischen Banden. Viele der Opfer, vielleicht die Mehrzahl, sind aber auch unbeteiligte Zivilisten, die zwischen die Fronten geraten.“

    Bollinger verweist darauf, dass vor allem die Regierungsseite Falschinformationen und —nachrichten, die heutigen „Fake News“, gezielt einsetzte, um die Gegner zu diffamieren und die eigene Gewalt zu begründen. Da machte auch der sozialdemokratische Reichwehrminister Noske mit, als er seinen Schießbefehl erließ. Fakt sei, „dass die entmenschte Soldateska mordet, wehrlose Gefangene und Parlamentäre erschießt, erschlägt. Trotz unzweifelhafter Straftatbestände bleiben die Täter straffrei oder kommen mit Bagatellstrafen davon.“

    Globale Aufstände ohne Weltrevolution

    Bei dem interessanten und umfangreichen Rückblick 100 Jahre später im Rathaus von Berlin-Lichtenberg, also an historischem Ort, wurde über den Berliner Tellerrand hinausgeschaut. So beschrieb der Historiker Sebastian Zehetmair die revolutionären Ereignisse in München und Bayern 1918/19. Klaus Wisotzky schilderte, wie meist spontan und unkoordiniert die Streikbewegung im Ruhrgebiet ausbrach, während Mario Hesselbarth die entsprechenden Ereignisse im damaligen Mitteldeutschland beschrieb.

    Der Historiker Marcel Bois leitete die Tagung ein
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der Historiker Marcel Bois leitete die Tagung ein

    Fachkollege Marcel Bois hatte zu Beginn auf die globalen Folgen des ersten Weltkrieges hingewiesen. Der habe in zahlreichen Ländern politische sowie gesellschaftliche Zusammen- und Umbrüche verursacht. Der britische Historiker Simon Webb berichtete über die sozialen Kämpfe und Aufstände in Großbritannien 1919. Die führte zur Angst der Regierung in der Downing Street Londons vor einer Revolution. So seien in Glasgow und Liverpool Soldaten, Panzer und im zweiten Fall sogar das stärkste britische Schlachtschiff eingesetzt worden, um die Aufstände zu unterdrücken.

    Die kurze Geschichte der Räterepublik in Ungarn 1919, einschließlich des Terrors beider Seiten, erzählte der Historiker Belá Bodó. Er beschrieb ebenso, wie damals in dem südosteuropäischen Land der bis heute wirkende Antisemitismus aufkam und seitdem als Erklärungsmuster für alle Probleme Ungarns dient. Über den „revolutionären Rausch“ in den „roten Jahren“ 1919/20 in Italien sprach Pietro Di Paola.

    Publikation geplant

    Zum Abschluss beschrieb der Filmemacher und Publizist Klaus Gietinger die Rolle der Volksmarinedivision in den Berliner Märzkämpfen. In einem gerade erschienen Buch entreißt er die „Blauen Jungs mit roten Fahnen“ dem Vergessen.

    Die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz

    Die Vorträge, zu denen die von Gisela Notz über die linke Frauenpolitik vor 100 Jahren und von Mirjam Sachse über das damals entstandene Frauenleitbild von der „Staatsbürgerin“ gehörten, werden von der Stiftung „Helle Panke“ in ihrer Publikationsreihe veröffentlicht.

    Noch bis zum 5. Mai dieses Jahres informiert die Ausstellung „Schießbefehl für Lichtenberg – Das gewaltsame Ende der Revolution 1918/19 in Berlin“ über die historischen Ereignisse. Zu sehen ist sie im „Museum Lichtenberg im Stadthaus“.

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (31)
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