11:43 23 März 2019
SNA Radio
    Ein Mann sitzt auf dem Brunnen (Archivbild)

    „So viele Jahre sind es nicht mehr“: Rentner kämpft vor Gericht um seine Wohnung

    © Sputnik / Alexej Kudenko
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Liudmila Kotlyarova
    35659

    Der 89-jährige Rentner Rudolph Kluge aus München will seine Mietwohnung nicht verlassen - und geht vor Gericht. Der Vermieter will ihm wegen Eigenbedarf kündigen. Kluges Anwalt meint, dass sein Mandant ein Härtefall sei und deshalb bleiben dürfe. Sputnik sprach mit dem Mieterbund Bayern, womit der Rentner nun rechnen könnte.

    Seit 44 Jahren wohnt Kluge in den drei Zimmern in der Kafkastraße, erst mit seiner Frau, seit ihrem Tod vor vier Jahren alleine. Die Vermieterin hatte ihm noch im Februar 2019 wegen Eigenbedarfs gekündigt, er hatte aber der Kündigung widersprochen. Seit Montag befasst sich das Amtsgericht mit seinem Fall.

    Es geht darum, dass die Eigentümerin nun die Wohnung für ihren Sohn benötigt. Der 36-jährige Informatiker lebt gerade bei seinem Vater und empfängt dort regelmäßig seinen zweijährigen Sohn, der sonst bei der Mutter wohnt. Die Wohnung seiner Mutter wäre perfekt, doch den bejahrten Mieter würde ein Auszug schwer treffen.

    Hilfe sucht Rudolph Kluge beim Mieterverein München und beim Pfarrer seiner Gemeinde. Dieser unterstütze den Rentner, der über keine Internetverbindung verfügt, und drücke ihm Wohnungsanzeigen aus, berichtete münchen.tv. Er ist schon seit gut einem Jahr auf der Wohnungssuche — bislang vergeblich. „Die meisten haben sich nicht gemeldet“, sagte Kluge am Montag vor Gericht in München, wo die Räumungsklage verhandelt wird. So schlimm scheint die Lage auf dem Münchner Wohnungsmarkt zu sein.

    >>> Andere Sputnik-Artikel: Rentner soll seine Wohnung für Flüchtlinge räumen – „Das ist doch Kokolores“ <<<

    Der Anwalt des Rentners, Emil Kellner, ist überzeugt, dass Kluge deshalb ein Härtefall sei und bleiben dürfe, auch weil er in der Nachbarschaft fest verwurzelt sei und viele Freunde habe. Der 89-Jährige hat nur einen Wunsch: „Dass ich noch hier wohnen bleiben darf, so viele Jahre sind es ja nicht mehr“.

    „Rentner in München leiden gerade oft unter Eigenbedarfskündigungen“

    „Es gibt in Gesetzesregelungen Modernisierungen, wo Alter ein Härtegrund ist“, kommentiert Syndikusanwältin und Geschäftsführerin des DMB Landesverband Bayern e. V., Monika Schmid-Balzert, gegenüber Sputnik. „Bei den Eigenbedarfskündigungen steht aber Alter nicht als Härtegrund drin.“ Das Amtsgericht müsse daher die Interessen abwägen.

    Sie persönlich fände es menschlich und richtig, wenn ein Mann mit 89 Jahren nicht umziehen müsste. Der habe doch sein Umfeld und seine Infrastruktur, die bei mangelnder Mobilität höchst wichtig sei. All dies gelte für das Gericht als Kriterien gegenüber dem Eigenbedarf. Es komme darauf an, welche Interessen das Gericht höher bewertet. „Wir hoffen, dass das Verfahren mit einer Einigung enden wird, weil gerade Rentner in München unter Eigenbedarfskündigungen leiden“, sagt Schmid-Balzert. Es gebe nicht umsonst das Stichwort „Graue Wohnungsnot“. Der Mieterbund vermittle aber keine Wohnungen.

    >>> Andere Sputnik-Artikel: „SPD entdeckt ein Herz für die armen Rentner“ – Mit Grundrente gegen die AfD? <<<

    Welche Alternativen hätte dann ein Rentner wie Rudolph Kluge? „Er kann sich natürlich für eine Sozialwohnung bewerben, aber dafür braucht man eine gewisse Einkommensgrenze, über der man nicht liegen darf“, kommentiert die Expertin weiter. Außerdem seien die Wartelisten ewig lang. Die Menschen, die akut von der Räumung bedroht seien und den Prozess verlieren könnten, würden bevorzugt behandelt, aber es gehe nicht schnell, und in ihrer Erfahrung sei es so, dass die Leute dann aus München wegziehen oder am Stadtrand landen müssten. Das sei schlimm für die wenig mobilen Menschen.

    Soll der Rentner laut dem Gerichtsurteil ausziehen, dann bekommt er eine Räumungsfrist bis zu einem Jahr. Die Wohnung muss er sich aber selber suchen.

    Eine Lösung wäre es, findet Schmid-Balzert, wenn der Vermieter den Mieter bei der Wohnungssuche unterstützen würde, indem er einen Makler auf seine Kosten bemühen würde, oder wenn der Vermieter bereit wäre, die Differenzmiete zu bezahlen. Aber dazu müsse sich der Vermieter bereit erklären. Der Richter könne nur die Verhandlungen führen und eine Einigung vermitteln. Das Gericht entscheide nur, ob der Mieter bleiben darf oder gehen muss.  Eine Vermittlung bei der Wohnungssuche durch das Gericht komme nicht in Frage.

    Wie es weitergeht, will das Gericht am 5. April entscheiden. Bis dahin darf Rudolf Kluge in seiner Mietwohnung bleiben.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Räumung, Wohnungsnot, Amtsgericht, Pfarrer, Gerichtsurteil, Miete, Sozialwohnung, Wohnung, Rentner, München, Bayern, Deutschland