11:26 23 März 2019
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    Berliner Konzept gegen Judenhass: „Das Übel erkannt und benannt“

    © AFP 2019 / Daniel Bockwoldt / dpa
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    Bolle Selke
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    Berlins Senat hat ein neues Landeskonzept zur Weiterentwicklung der Antisemitismus-Prävention erlassen. Es ist das bundesweit erste seiner Art. Sigmount Königsberg, der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, begrüßt das Konzept. Im Sputnik-Interview setzt er vor allem auf Bildung.

    „Es ist zu begrüßen, dass so ein Konzept überhaupt entwickelt und zu Papier gebracht wurde“, sagt Sigmount Königsberg, der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Im Jahr 2017 registrierte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) 947 antisemitische Vorfälle. Und allein im ersten Halbjahr 2018 waren es 527 Vorfälle. Handlungsbedarf besteht also allemal.

    Berlin bekommt einen neuen Antisemitismusbeauftragten

    „Wir haben eine viel zu hohe Zahl von An- und Übergriffen auf jüdische Menschen“, sagte auch Dirk Behrendt, Berliner Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung am vergangenen Dienstag bei der Vorstellung des Konzeptes, das Ziele und Maßnahmen zur Prävention von Antisemitismus benennt.

    Die beschlossenen Maßnahmen beinhalten laut Behrendt zum Beispiel einen neuen Antisemitismusbeauftragten für das Land Berlin. Außerdem solle es neue Beratungsangebote für Opfer antisemitischer Überfälle und eine stärkere Kooperation von Schulen mit außerschulischen Lernorten wie Gedenkstätten geben. Weiterhin sollen menschenfeindliche und antisemitische Einstellungen in einem sogenannten „Berlin Monitor“ erfasst werden.

    „Antisemitismus wird nicht von heute auf morgen verschwinden“

    Königsberg hat sich das Konzept gründlich durchgelesen. Zwar könne man keine Wunder erwarten, denn „der Antisemitismus wird nicht von heute auf morgen verschwinden“. Doch viele Maßnahmen würden langfristig wirken, wie beispielsweise die Ausbildung und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Der Antisemitismusbeauftragte meint:

    „Was wichtig ist, ist, dass hier ein Zeichen gesetzt wird, dass hier Maßnahmen ergriffen werden und dass der Senat gezeigt hat: Ihm ist das jüdische Leben in dieser Stadt wichtig. Das ist zu begrüßen.“

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    „Wir haben Handlungsbedarf“

    In der Vergangenheit sei Antisemitismus hierzulande verleugnet worden, berichtet Königsberg:

    „Das ist überwunden, das ist vorbei. Oder man hat es als Problem von Randgruppen abgetan, wie von muslimischen Extremisten oder Rechtsradikalen. Da finde ich es ehrlicher, wenn der Senat sagt: Wir haben in der gesamten Gesellschaft ein Problem. Wir haben Handlungsbedarf. Wenn man ein Übel erkennt und benennt, ist schon der erste Schritt getan, um es zu bekämpfen.“

    Junge Menschen erreichen

    Der Fokus von Königsberg liegt besonders im Bereich Schule, Bildung und Erziehung. Man müsse junge Menschen – Kinder und Jugendliche – erreichen und denen vermitteln, dass ein diskriminierungsfreies Leben notwendig sei, damit sich alle wohlfühlen. Er betont:

    „Das ist der Punkt, wo im Prinzip die Weichen für das ganze spätere Leben gestellt werden. Das sind auch die Maßnahmen, von denen ich mir am allermeisten verspreche. Von den Bereichen, die auf Stärkung der Lehrer, auf Weiterentwicklung und auf antisemitismuskritische Bildung zielen, erhoffe ich mir langfristig am meisten.“

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    Antisemitismus erkennen

    Aktuell gibt es Besserungsbedarf an den Berliner Schulen, was den Umgang mit Antisemitismus angeht, weiß Königsberg zu berichten. Lehrer würden selber diskriminieren oder gar antisemitische Ressentiments haben und weitergeben. Oft würden Lehrerinnen und Lehrer gar nicht erst erkennen, wenn es sich um einen antisemitischen Vorfall oder um Antisemitismus handle. Es werde dann bagatellisiert und gesagt, es sei ein Konflikt. Der Beauftragte der jüdischen Gemeinde weiß aber:

    „Antisemitismus ist kein Konflikt, sondern es geht hier um Machtausübung und Gewalt. Der eine will sich des anderen Schülers ermächtigen. Man muss Antisemitismus ganz deutlich von Mobbing beispielsweise unterscheiden. Das müssen die Lehrer auch erkennen und benennen können. Letztendlich müssen sie auch intervenieren können, es muss ihnen das Handwerkszeug gegeben werden, einzugreifen.“

    Aus Sprechstunden an Berliner Schulen wisse er, dass vielen Lehrern die Kenntnis fehle, wie sie da agieren sollen, weil sie sie nie erworben haben.

    Gesamtgesellschaft ist gefordert

    Damit sich die Situation in Berlin bessere, sei aber nicht nur die Politik, sondern die Gesamtgesellschaft gefordert. Jeder einzelne müsse intervenieren. Königsberg erwartet nicht, dass sich jemand in Gefahr begibt, doch die allermeisten hätten Smartphones mit Videofunktion. So könnte ohne weiteres ein Video aufgenommen werden, wenn man Zeuge eines Angriffs ist. Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde Berlin erklärt:

    „Man kann dann mir oder der RIAS diese Videos zukommen lassen. So gibt es die Möglichkeiten, diese Menschen aus der Anonymität herauszuholen. Das ist nämlich auch sehr wichtig, dass es nicht irgendwelche anonymen Täter sind, sondern dass die Menschen ein Gesicht haben.“

    Das komplette Interview mit Sigmount A. Königsberg zum Nachhören:

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    Tags:
    Judenhass, Projekt, Maßnahmen, Konzept, Antisemitismus, Deutschland