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16:45 21 Juli 2019
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    Ausschreitungen von Linksradikalen während des G20-Gipfels in Hamburg (Archivbild)

    „Gewalt machen, weil die Linken so gefährlich sind“? Experten zum Moscheen-Angriff

    © AFP 2019 / dpa / Axel Heimken
    Gesellschaft
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    Liudmila Kotlyarova
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    Der Terroranschlag auf die Moscheen in Neuseeland entspricht laut dem Extremismus-Forscher Hajo Funke der Tradition des weißen Rassismus, verbunden mit den Argumenten der „Identitären Bewegung“. Dies soll keine Reaktion auf die Massenmigration oder Linksextremismus, sondern ein eigenständiges Phänomen sein. Sputnik sprach mit dem Experten.

    Im neuseeländischen Christchurch ist es am 15. März zu bewaffneten Angriffen auf zwei Moscheen mit mindestens 50 Todesopfern gekommen. Zuvor hat der Attentäter ein Manifest veröffentlicht, in dem er unter anderem zum Mord an Bundeskanzlerin Angela Merkel, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem Bürgermeister von London, Sadiq Khan, aufruft.

    Mit weiteren Details aus dem Manifest hat sich der Extremismusforscher vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Dr. Bernhard Weidinger, eingehend beschäftigt. Ihm zufolge greift das Manifest Rahmungen auf, die in Europa inzwischen in den politischen Mainstream eingezogen sind. „Es sei ein Krieg der Kulturen im Gange; über „mass immigration“ und die höheren Geburtenraten von MigrantInnen finde ein Austausch der Bevölkerung statt, der die angestammte Population zur Minderheit im eigenen Land zu machen drohe“, schreibt er in seinem Gutachten.

    Rassenkrieg als Ziel?

    Für Dr. Hajo Funke von der Freien Universität Berlin, den Rechtsextremismusforscher und Migrationexperten, sei der Vorfall in Neuseeland von der Tradition des weißen Rassismus. Deren Apologeten seien von paranoiden, verschwörerischen Ideen „einer Umvolkung“ besessen, und würden glauben, mit ihren terroristischen Taten andere anzustacheln, wie etwa in den USA.

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    In einem Sputnik-Gespräch verweist der Experte darauf, dass der vermutliche Attentäter im Moscheen-Fall US-Präsident Donald Trump unterstütze sowie das Massaker von Anders Breivik in Oslo. Außerdem unterstütze er die faschistisch-rassistischen Ideen von Radovan Karadžić gegen die Muslime in Bosnien sowie das rassistische Attentat von Dylan Ruf aus Charleston. „Solche Fanatiker sind darauf gerichtet, Nachahme-Taten zu vollziehen und bürgerkriegsähnliche Zuspitzung in den Ländern ‘der Weißen’ zu fördern“. Der Attentäter von Neuseeland identifiziere sich als Europäer und begegne der vermeintlichen Zerstörung Europas mit einem Rassenkrieg, so Dr. Funke.

    „Keine Reaktion auf die Migration, sondern ein eigenes ideologisches Phänomen“

    Bernhard Weidinger macht weiter in seinem Gutachten deutlich, dass der Attentäter den neurechten Gruppierungen wie der „Identitären Bewegung (IB)“ nahe liege. Schon der Titel des Manifests, „The Great Replacement“, greife die maßgeblich von dieser Gruppe verkündeten Mythos des „Großen Austauschs“ der Bevölkerung auf. „In mehreren der im Manifest verwendeten Slogans klingt identitäre Rhetorik wieder: „Europe for Europeans“ (Europa für die Europäer), „Retake Europe“ (Europa zurückerobern), „Europa rises“ („Europa wacht auf“) u. a.“, schreibt Dr. Weidinger. „Der identitäre Slogan „You only die once“ („Du stirbst nur einmal“), der die aus dem historischen Faschismus bekannte Todessehnsucht bzw. —faszination wiedergebe, kehre in dem Manifest in der Aufforderung „embrace death“ („Umarme den Tod“)  wieder.

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    Es gehe um rassistische Gewaltstrukturen, kommentiert Dr. Funke weiter gegenüber Sputnik, die schon längst bestehen würden. Er glaubt zudem nicht, dass diese eine Gegenreaktion auf die Massenmigration seien, sondern ein eigenes ideologisches Phänomen darstellen würden. Eines der letzten Beispiele sei der NSU-Terror gewesen, der zwischen 2000 und 2007 den Mord an neun Menschen, unter anderem mit Migrationshintergrund, zu verantworten hätte.

    „Sie missbrauchen die Erfahrung der Gewalt des IS* und glauben, dass sie selbst in dieser Weise gewalttätig sein sollen“, so Dr. Funke. „Aber dies ist keine Aufschaukelung, sondern diese Gruppen haben ihre eigene Ideologie entwickelt schon seit Jahrzehnten, in den USA sogar seit den 20er Jahren mit dem Ku-Klux-Klan“. Die würden Krisenzeichen suchen, um selbst einen Bürgerkrieg zu entfesseln. Dass der Fall in Neuseeland nun eine Gegenreaktion der radikalen Islamisten auslösen könnte, glaubt Dr. Funke ebenso kaum: „Die radikalen Islamisten des IS* sind doch von Russland und den USA bereits geschlagen“. 

    Was, wenn der Haftbefehl beim Prozess in Chemnitz aufgehoben wird?

    Am Montag hat der Prozess um den Totschlag in Chemnitz begonnen. Dass das Gericht den Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Attentäter aus Syrien aufhebt, ist nicht auszuschließen. Auch Hajo Funke geht davon aus, dass es nicht zur Verurteilung kommt. „Die Umstände der Tötung sind unklar und nicht ausreichend ermittelt. Der Rechtsstaat muss ermitteln und tatsächlich Indizienbeweise vorgehen“. Übrigens: Die sächsische Regierung, Polizei und der Innenminister sollen laut ihm mit den gewaltbereiten Rechtsextremen anhand von rechtsstaatlichen Mitteln härter umgehen.

    Woher aber kommt dieser „neue“ gewaltbereite Rechtsextremismus? Hajo Funke meint: „Deutschland hat diesen im verstärkten Maße seit den 90ern. Es ist teilweise das Erbe der Rechtsextremen in der DDR, teilweise westdeutsche neonazistische Kader, die nach Ostdeutschland eingestürzt waren. Es sind auch Folgen von den schwierigen einigungspolitischen Schritten, durch die in den 90ern in den neuen Bundesländern 69 Prozent der bisherigen Arbeitsplätze verloren gegangen sind, ohne dass es ausreichend Ersatz gegeben hat“. Die alten Strukturen hätten dann nicht mehr gegolten, die neuen allerdings auch nicht. „In diesem Vakuum entstand die neue rechtsextreme Bewegung, die nie entscheidend geschlagen worden ist“, so Dr. Funke.

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    Im Hinblick auf  die Gewalttaten der Migranten sowie der Linksextremisten meint er, diese würden keinen dazu legitimieren, selbst Unschuldigen gegenüber Gewalt auszuüben. Auch die Krawalle der Linksextremen, wie etwa in Hamburg 2017 während des G20-Treffens, sei ist kein Argument für die rechtsextreme Gewalt. „Es geht nicht zu sagen: ‘Weil die Linken so gefährlich sind, machen wir auch Gewalt’“, beschließt Funke.

    IS, „Islamischer Staat”, auch Daesh – Terrororganisation, in Russland verboten

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    Tags:
    Rechtsextremisten, Rassenwahn, Migrationshintergrund, Linksextremismus, Muslime, Extremismus, Rassismus, Migranten, Gewalt, Rechtsextremismus, IS, Ku-Klux-Klan, G20, Sadiq Khan, Recep Tayyip Erdogan, Angela Merkel, Bosnien, Chemnitz, Sachsen, Hamburg, Syrien, Deutschland