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18:04 18 August 2019
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    Menschen bei der Teile der Berliner Mauer, Deutschland (Archiv)

    „Verunglimpfung der Ostdeutschen“: DDR-Wirtschaftler kontert Kohl-Berater Teltschik

    © AFP 2019 / Jörg Carstensen / dpa
    Gesellschaft
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    Liudmila Kotlyarova
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    Horst Teltschik soll die Ostdeutschen damit beleidigen, wenn er Ihnen Faulheit und Initiativlosigkeit bezüglich der eigenen finanziellen Lage vorwirft. Dies meint Uwe Trostel, während der Wendezeit stellvertretender Minister in der Staatlichen Plankommission der DDR im Sputnik-Gespräch.

    Für Teltschiks „Freiheit und Bananen“ hat er übrigens seine Argumente bereit.

    Vor kurzem hatte Teltschik, einst Kohl-Berater, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz und BMW-Funktionär, in einem Interview mit Sputnik zur geringen Produktivität Ostdeutschlands gesagt, diejenigen, die über ihr Leben klagen würden, sollten lieber die schonungslose Analyse der wirtschaftlichen Lage der DDR von Gerhard Schürer lesen. „Dann weiß man, dass man diesen Rückstand nicht einmal in 30 Jahren aufholen kann“, so Teltschik.

    Uwe Trostel (l.) und die beiden DDR-Statistik-Experten auf dem Podium
    Uwe Trostel (l.) und die beiden DDR-Statistik-Experten auf dem Podium

    Den unzufriedenen Ostdeutschen empfahl er, nicht nach der Politik zu rufen, sondern sich selbst zu überlegen, welche Initiativen man ergreifen könnte, um die wirtschaftliche Situation voranzubringen. Übrigens sagte er: „Demokratie heißt, dass die Menschen für sich selbst Verantwortung übernehmen. Vor allem die älteren Generationen der DDR dürften es nie gelernt haben.“

    Nun geht Uwe Trostel, jetzt stellvertretende Vorsitzende des Vereins für lebensgeschichtliches Erzählen und Erinnern in Berlin, stark in die Offensive.

    „Horst Teltschik scheint wenig Ahnung von der Wirtschaft der DDR sowie Ostdeutschlands zu haben und beleidigt die Ostdeutschen, wenn er sagt, sie würden nichts tun, um ihr Leben zu verbessern“, erwidert Trostel auf die Äußerungen Teltschiks im Sputnik-Gespräch.

    „Anders als in Westdeutschland wurden bei uns Betriebe demontiert, um einen Teil der von Nazideutschland verursachen Kriegsschäden wieder gut zu machen“.

    Was Teltschik ausblende, seien unterschiedliche Ausgangsbedingungen von West- und Ostdeutschland nach dem Krieg, die noch lange nachgewirkt haben. Erstens erhielt die westdeutsche Wirtschaft mit Hilfe des Marshall-Planes die Möglichkeit, eine hochmoderne Industrie aufzubauen, während in Ostdeutschland infolge der Potsdamer Abkommen Betriebe demontiert wurden“, fährt Trostel fort. Dabei hätten die im Westen stark vertretenen Kohle und Stahl zum westdeutschen Wirtschaftswunder maßgeblich beigetragen, genauso wie die in Ostdeutschland gut ausgebildeten Fachkräfte, die in großer Zahl  bis 1961 und nach 1989 in die BRD gegangen sind und dort zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen haben. 

    „Drittens sollte die DDR als einziges Land die Reparationen für die Kriegsschäden an die Sowjetunion und Polen zahlen“, meint Trostel. Laut den Angaben der zuständigen sowjetischen Regierungskommission hatte die Sowjetunion 72.000 Wagen mit Baustoffen, ca. 3000 demontierte Betriebe, 96 Kraftwerke, 340.000 Werkzeugmaschinen, 200.000 Elektromotoren, 1.335.000 Rinder, 2.300.000 Tonnen Getreide aus der DDR im Wert von 66 Milliarden DM (15,8 Milliarden Dollar) geliefert bekommen. Die Lieferungen aus den westlichen Besatzungszonen in die UdSSR wurden 1949 nach der Gründung der BRD eingestellt.

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    Trostel erinnert sich weiter an die Hindernisse, die der Westen beim Aufbau einer modernen Wirtschaft auftürmte, so beispielsweise auf dem Gebiet der Mikroelektronik.

    „Wir mussten die Mikroelektronik gegen das erbarmungslose westliche Embargo in Bezug auf die Exporte von Hochtechnologien in den Osten durchsetzen. So mussten die unter vielen Anfeindungen leidende DDR und die vom Krieg stark gekennzeichnete Sowjetunion alle wissenschaftlich-technische Entwicklungen selbst vollziehen, ohne normal die internationale Arbeitsteilung nutzen zu können, wie das im Westen selbstverständlich war.“

    Dies sei alles in den Projekten der Rohnstock Biografien wie „Wirtschaft erzählt“, den Berichten der Generaldirektoren („Jetzt reden wir“) aber auch in den höchst spannenden Biografien von nicht-nostalgischen Generaldirektoren der DDR-Betriebe nachgewiesen.

    Viele von diesen haben beide Gesellschaftsordnungen in leitender Funktion erlebt und könne, wie keine anderen, Vergleiche ziehen. Übrigens: Man dürfe die Produktivität von Friseuren, Klempnern und Maurern nicht mit der von hochmodernen Konzernen wie Volkswagen, BMW und Daimler vergleichen. In Ostdeutschland habe immer noch kein einziger DAX-Konzern seinen Sitz.

    „Wir wollten auch die Bananen haben“

    Uwe Trostel hat an dem Schürer-Bericht, den Horst Teltschik erwähnt, als Verantwortlicher in der Plankommission mitgearbeitet. Er verweist nun auf einen Fehler im Bericht, der Schürer nicht bekannt gewesen sein soll. So habe Schürer die Schulden der DDR zu hoch ausgewiesen, weil er das Guthaben Alexander Schalck-Golodkowskis, dem Leiter des Bereiches „Kommerzielle Koordinierung“ der DDR, in Höhe von rd. 20 Milliarden DM vernachlässigt hätte. Trotz aller Probleme: „Laut dem Bericht der Bundesbank zur Wendezeit war die DDR zu keinem Zeitpunkt bankrott, sondern hat alle Zahlungsverpflichtungen termingemäß und in voller Höhe erfüllt.“                                      

    Den Flüchtlingen aus der DDR sei es nicht um die Bananen, sondern um die Freiheit gegangen, meint Teltschik im Sputnik-Interview. Den Ostdeutschen in der Wendezeit dagegen um die Hoffnungen auf bessere Zukunft, so Trostel.

    „Viele glaubten, sie arbeiten so weiter wie bisher, werden aber mit D-Mark bezahlt.“ Er erinnert sich an eine Losung, die zu den Montagsdemonstrationen viele Ostdeutsche gerufen haben: „Kommt die D-Mark nicht nach hier, packen wir und gehen zu ihr.“ Man müsse ganz ehrlich sein: Der Großteil der Bevölkerung wollte auch die Bananen haben.

    „Manche haben es geschafft, aber für viele ist diese Hoffnung auf die große Freiheit und den westlichen Lebensstandard nach ein paar Jahren in Arbeitslosigkeit, Niedriglohnverhältnissen oder gar Harz IV gelandet“, sagt Trostel weiter. Für einige sei es auf bestimmten Gebieten sogar wesentlich schlechter geworden. Monatelange Wartezeiten in den Polikliniken hat es nicht gegeben.“

    In seiner Bewertung blendet Herr Teltschik leider auch völlig aus, dass durch das Wirken der Treuhand auch solche Betriebe platt gemacht wurden, die in der Marktwirtschaft gute Chancen gehabt hätten, wodurch die soziale Lage Ostdeutscher wesentlich günstiger gestaltbar war. Dass viele Ostdeutsche von Freiheit und Demokratie nicht so viel halten und die AfD nun an Gewicht gewinnt, ist laut Trostel gut erklärbar.

    Sobald die Bundesregierung auf den Protest reagiert

    Auf die Frage, ob es nun für die Ostdeutschen nicht eine Art Selbstbetrug wäre, alle neuen Hoffnungen auf die AfD zu setzen, antwortet Trostel: „Allerdings muss man verstehen, dass fast alle Spitzenpolitiker der AfD Westdeutsche sind und auch ihre eigenen Interessen verfolgen. Aber fragt man die enttäuschten Ostdeutschen, dann wählen ganz viele die AfD nicht aus Überzeugung oder einer besonderen Sympathie, sondern aus Protest.“ Die meisten Ostdeutschen würden sich gar nicht mit den rechten Gedanken identifizieren, sondern wollen gehört und ernst genommen werden. „Sobald die Bundesregierung auf Interessen der Bürger reagiert, verringern sich auch die Chancen der AfD.“ Momentan wird Trostel zufolge an vielen Dingen vorbeiregiert.

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    Als Beispiel nennt der Ökonom die Tatsache, dass über 70 Prozent der Deutschen sich gegen die Beteiligung der Bundeswehr an Kriegen aussprechen würden bzw. gegen die Aufrüstungspolitik und die Förderung des neuen Wettrüstens. Bis 2025 soll der Nato-Beitrag auf 2,0 Prozent des BIP steigen. Dabei würden 2019 die Rüstungsausgaben der USA mit 716 Milliarden Dollar weit über dasjenige Russland (46 Milliarden Dollar) hinausgehen, selbst Westeuropa gab da sechsmal mehr als Russland aus, betont Trostel (Deutschlands Rüstungsausgaben betragen darunter 44 Milliarden Dollar — Anm. der Red.).

    „Da wirkt Horst Teltschik mit seiner Kritik an der Bundesregierung wegen der Russland-Politik  realistischer.“ Es habe schon mehrere Versuche gegeben, mit den Russen aus einer Position der Stärke umzugehen, betont Trostel im Rückblick auf die Geschichte Hitlers, Wilhelms II. und Napoleons. Vor gut einem Jahr hatte von der Leyen in Bezug auf den Skripal-Anschlag wörtlich gesagt, es sei wichtig, dass „wir aus einer Position der Geschlossenheit und Stärke bereit zum Dialog mit Moskau bleiben“.

    In diesem Jahr feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls, aber die Mauer scheint mitunter weiter da zu sein. Was würde sich „der Ossi“ Uwe Trostel da wünschen?  Zuvorderst natürlich eine wirksame Friedens- und Abrüstungspolitik, dass man mehr auf Greta Thunberg hört, dass die Menschen keine Angst um Arbeitsplatz und Wohnung haben müssen und von ihrer Arbeit anständig leben können und eine ordentliche Rente bekommen. Ganz wichtig wäre, die Unterschiede zwischen Ost und West in der Entlohnung und bei den Renten endlich zu beseitigen. Dazu würde auch gehören, dass mehr Ostdeutsche in wichtige Funktionen in Politik, Staat und Wirtschaft kommen und dort noch vorhandene zweit- und drittklassige Westdeutsche endlich ablösen.

    Unverzichtbar erscheint, dass mehr Erfahrungen der Ostdeutschen bei der Lösung komplizierter Probleme berücksichtigt werden.

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    Tags:
    Generation, Ostdeutschland, Analyse, Lage, Protest, Münchner Sicherheitskonferenz, Horst Teltschik, DDR, UdSSR, Deutschland