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02:00 22 Juli 2019
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    Jürgen Todenhöfer schreibt in seinem neuen Buch Klartext über die westliche HeucheleiLogo der Leipziger Buchmesse (Archiv)

    Wie der Westen heuchelt und ein Sänger für Frieden mit Russland wirbt – Neue Bücher

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    Tilo Gräser
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    Seit Donnerstag dreht sich in Leipzigs Messehallen und anderen Orten der Messestadt wieder alles um das Buch. Noch bis Sonntag läuft die traditionelle Buchmesse, die wieder viele Tausend Menschen anzieht. Es ist eine der international größten Buchmessen mit einem ganz eigenen besonderen Rahmenprogramm. Russland ist auch immer wieder Thema.

    „Sie werden verarscht!“ So deutlich erklärte Jürgen Todenhöfer am Freitag in Leipzig seinen Zuhörern, was von der angeblichen „russischen Gefahr“ zu halten ist. Der Publizist, Jurist und Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete stellte im Rahmen der Leipziger Buchmesse sein neues Buch „Die grosse Heuchelei – Wie Politik und Medien unsere Werte verraten“ vor. Darin geht es vor allem um das, was er bei seinen Aufenthalten in verschiedenen Krisen- und Kriegsgebieten gesehen und erlebt hat. Doch an dem Abend in Leipzig kam er immer wieder auch ungefragt auf das westliche Verhältnis zu Russland als Beispiel für die Heuchelei.

    Todenhöfer verwies auf die Rüstungsausgaben Russlands, wegen dem die Europäische Union angeblich aufrüsten muss. Den europäischen rund 200 Milliarden Dollar stünden rund 60 Milliarden für das russische Militär gegenüber. „Und der Verteidigungshaushalt Russland geht seit Jahren nach unten“, betonte der Publizist und Ex-Politiker.

    „Und seit Jahren sagen wir: Wegen der russischen Gefahr müssen wir aufrüsten.“ Dem Publikum erklärte er ungewohnt offen: „Sie werden auch in dem Punkt verarscht, Entschuldigung. Amerika gibt in diesem Jahr rund 700 Milliarden Dollar aus.“

    Todenhöfer, Ehren-Oberst der US-Armee, weiter: „Es stimmt einfach nicht, dass Russland für uns militärisch eine Gefahr ist. Das machen wir auch da wieder Amerika zuliebe, weil der Große Bruder sagt: Ja, wir brauchen Euch und Ihr müsst einen Beitrag leisten. Einen Beitrag wozu denn? Zum Irak, zu Syrien, zu Jemen und all den Dingen. Genau dort sage ich: Nein, wir sollten da nicht dabei sein!“

    Eine Kinderleiche als Symbol

    Zuvor hatte er geschildert, was er bei seinen Besuchen im kriegszerstörten Jemen und im vom „Islamischen Staat“ (IS) gesehen und erlebt hat. Das prägnanteste Symbol für die westliche Heuchelei in diesen Fällen sei die mumifizierte Leiche eines Kindes im irakischen Mossul, die zehn Monate nach der Befreiung der Staat von dem Terroristen immer noch unbeerdigt auf den Trümmern eines zerbombten Hauses lag.

    Das zählt für Todenhöfer zu den Gründen, warum die Bundeswehr sich nicht völkerrechtswidrig am westlichen Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) im Irak und in Syrien beteiligen sollte und keine deutschen Waffen mehr an Saudi-Arabien geliefert werden dürften. Das Letzteres erst gestoppt wurde nach dem Mord an dem saudi-arabischen Journalisten Jamal Kashoggi und nicht bereits wegen des vom Westen unterstützten Krieges im Jemen, sei für ihn unfassbar.

    Mit Erinnerungen und Auszügen aus seinem Buch beschrieb der Publizist die „systematische Heuchelei“: „Unter dem Vorwand edler Ziele verfolgt der Westen seit Jahrhunderten eine brutale Interessenpolitik. Weltweit, nicht nur in Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen, Palästina oder im Jemen.“ Auch die antirussische Politik sei ein Beispiel dafür, wie er betonte. Der Grund dafür sei, dass die USA Russland als Gefahr für ihre Vormachtstellung sehen. Die Politik werde von den großen Medien mitgetragen, erklärte er dem Leipziger Publikum.

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    Europas größtes Lesefest

    Der Saal im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig war übervoll, als Todenhöfer fast zwei Stunden sprach und las. Die Veranstaltung gehört zum umfangreichen traditionellen Begleitprogramm „Leipzig liest“ der am Donnerstag gestarteten Buchmesse. Die hat laut offiziellen Angaben an den ersten beiden Tagen etwa 82.000 Besucher verzeichnet.

    „Europas größtes Lesefest“ bietet den Besuchern insgesamt rund 3.600 Veranstaltungen, so dass es manchmal schwerfällt, zwischen den oftmals gleichzeitigen Lesungen und Buchvorstellungen in den Messehallen und verschiedenen Orten in der Stadt auszuwählen. Das Themenspektrum ist dabei so bunt und vielfältig, wie die Bücher und Verlage. Gastland ist in diesem Jahr Tschechien.

    Für Debatten und zum Teil auch Kopfschütteln sorgte, dass zu Beginn der Messe der „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ 2019 der russisch-US-amerikanischen Journalistin und Schriftstellerin Masha Gessen verliehen wurde. Sie erhielt ihn für ihr Buch „Die Zukunft ist Geschichte – Wie Russland die Freiheit gewann und wieder verlor“. Darin beschriebt sie die Lebensläufe von vier Menschen im heutigen Russland, mit denen sie ausführliche Interviews dazu geführt hatte.

    Die russisch-US-amerikanische Autorin und Preisträgerin Masha Gessen bei einem Auftritt auf der Buchmesse
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Die russisch-US-amerikanische Autorin und Preisträgerin Masha Gessen bei einem Auftritt auf der Buchmesse

    Preis sorgt für Unverständnis

    Es gehe um „vier junge Menschen in Russland, die an den Unfreiheiten der Putin’schen Politik leiden, deren Lebenswege an ihr zu zerbrechen drohen“, wie die Jury Gessens Beschreibung des Buches wiedergab. „Der emanzipatorische Aufbruch der neunziger Jahre wird erstickt, wenn nicht gewaltsam bekämpft. “

    Gessen erklärte dazu bei einer Veranstaltung in den Messehallen, sie sehe die russische Gesellschaft als „totalitäre Gesellschaft“ und Russland als „Mafia-Staat“. Dazu gehöre der Anspruch von Präsident Wladimir Putin, dem Land Stabilität zu geben, gerade nach dem Chaos der 1990er Jahre im Namen der Freiheit. Stabilität sei ein „Codewort des Totalitarismus“ sagte Gessen, die sich auf Hanna Arendt und Erich Fromm beruft. Die Jury der Buchmesse meint, es handele sich um „ein wichtiges Buch, unerbittlich, ergreifend und zugleich in seiner Analyse scharfsichtig“.

    Die Wahl von Gessens Buch für den Preis sei „absurd, denn sie bewirkt wie das Buch das Gegenteil von Verständigung“, kommentierte das Tobias Riegel am Donnerstag im Online-Magazin „Nachdenkseiten“. „Das ist ein sehr erstaunlicher Vorgang. Denn scheinbar versteht die Buchmesse jene Verständigung eher als eine „Integration“ durch Feindbildaufbau“, so der Autor. Gessens aktuelles Buch sei „das Gegenteil von verbindend – schließlich wird der europäische Nachbar Russland pauschal als verbrecherischer ‚Mafiastaat‘ gezeichnet“.

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    „Das russische Volk ist größer“

    Auch der Liedermacher Tino Eisbrenner wundert sich über die Preisverleihung, wie er gegenüber Sputnik erklärte. Der Sänger und Texter, der zur DDR-Pop-Band „Jessica“ gehörte, stellte am Freitag in Leipzig sein am Vortag im Nora-Verlag erschienenes Buch „Das Lied vom Frieden – Reisebilder eines Songpoeten“ vor. Darin berichtet unter anderem von seinen Aufenthalten und Konzerten in den letzten Jahren in Russland und 2017 und 2019 auf der Krim.

    Er möchte gar nicht bestreiten, dass es die von Gessen beschriebenen Lebensläufe gibt, sagte der Sänger dazu. „Aber das russische Volk ist noch ein bisschen größer.“ Er wolle auch nicht in Abrede stellen, dass es zahlreiche tragische Schicksale und viele gesellschaftliche Probleme in Russland gebe, bis hin zur Situation von Homosexuellen. Aber Gessen zeichne ein „Schreckensbild Russland“ – „und dieses Buch bekommt den Preis für europäische Verständigung“.

    „Ich glaube, da hat man sich verlaufen – oder es ist so gewollt“, kommentierte das Eisbrenner. Er habe von Menschen, die bei der Preisverleihung an Gessen dabei waren, gehört, dass sie sich erstaunt gefragt hätten, was das mit Verständigung zu tun habe, „wenn wir auf Russland drauf hauen“. „Da müssen wir dafür sorgen, dass ein Gegengewicht entsteht“, war seine Schlußfolgerung.

    Ein Beitrag zu diesem Gegengewicht will Eisbrenner mit seinem Buch leisten. Darin gibt er Begegnungen mit Menschen in Russland wieder, die er bei seinen Reisen und Konzerten traf, darunter auf der Krim. Ebenso sind Übersetzungen von Liedern von Wladimir Wyssotzki und Bulat Okudshawa darin zu finden, die der Sänger bei seinen Auftritten vorträgt.

    Ein Buch gegen die Lügen

    Er will dazu beitragen, dass Russland und das Verhältnis zu dem Land für die Menschen in Deutschland wieder ein Thema wird, erklärte im Gespräch am Verlagsstand, „weil man uns sonst ein X für ein U vormacht“. Es geht für ihn darum, zu verhindern, dass die falsche Sicht, die den Menschen vermittelt wird, auch an die Kinder weitergegeben wird. „Leute, die etwas Positives zu erzählen haben, müssen das erzählen. Das ist die Motivation, dass ich alles aufgeschrieben habe.“

    Wie Stunden später der westdeutsche Publizist und Ex-Politiker Todenhöfer forderte der ostdeutsche Sänger und Liedermacher von den Menschen hierzulande, sich gegen die offiziellen Lügen zu wehren und zu widersprechen. Die Völker hätten keine Konflikte miteinander. „Es sind immer politische Ränkeleien.“ Für ihn sei die entscheidende Frage: „Was nutzt wem?“ Das helfe zu verstehen, warum Dinge politisch und medial so dargestellt werden, wie es geschieht.

    Der Sänger und Texter Tino Eisbrenner mit seinem neuen Buch am Verlagsstand auf der Leipziger Buchmesse
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der Sänger und Texter Tino Eisbrenner mit seinem neuen Buch am Verlagsstand auf der Leipziger Buchmesse

    „Wir müssen hellhörig werden, wenn es gegen eine bestimmte Sache geht“, forderte Eisbrenner auf. Er erinnerte dabei an die Lügen von den irakischen Massenvernichtungswaffen, mit denen der Krieg 2003 gegen den Irak begründet wurde. Danach sei eingestanden worden, dass es diese Waffen gar nicht gab. „Das darf mit Russland nicht passieren“, warnte der engagierte Sänger vor der Kriegsgefahr. Die Menschen sollten nicht weggucken, auch wenn sie ihre Ruhe haben wollen, wünschte er sich.

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    Tags:
    Verständnis, Buch, Gefahr, Terroristen, Leichen, Messe, IS, Wladimir Putin, Deutschland, Russland