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22:16 15 Juli 2019
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    Buchmesse in Leipzig

    Kritik an Einheit und Appell für ostdeutsches Selbstbewusstsein – Neue Bücher

    © AFP 2019 / Sebastian Willnow / dpa
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Die Verhältnisse und Probleme in Ostdeutschland müssen von der bundesdeutschen Politik ernst genommen werden. Das haben mehrere Autoren auf der Leipziger Buchmesse gefordert und auf die ostdeutschen Erfahrungen seit 1989 hingewiesen. Ihre Bücher sind auf große Resonanz gestoßen. Die Buchmesse geht am Sonntag zu Ende.

    Die Ostdeutschen müssen sich wieder mehr Gehör verschaffen und auch mehr gehört werden. Das forderte am Samstag Petra Köpping, die ihr Buch „Integriert doch erstmal uns! Eine Streitschrift für den Osten“ vorstellte. An die Wirkung von Worten in der DDR erinnerte an dem Abend des Tages Friedrich Schorlemmer. Es sei ein Leseland gewesen, wozu auch die offiziell unterdrückte Literatur beigetragen habe. Vieles, was der bürgerbewegte Theologe aus der DDR über die Angst der damals Mächtigen und die Folgen berichtete, klang aktuell, wenn es sich auch in anderen Formen zeigte.

    „1989 haben wir aufgehört, Angst zu haben“, erinnerte sich der Schriftsteller Ingo Schulze, was für ihn ein „großes Erlebnis“ war. Das sei auch heute wieder notwendig, die Angst abzulegen und sich für die eigenen Interessen einzusetzen. Schulze stellte am Sonntag gemeinsam mit Holk Freytag, Präsident der Akademie der Künste Sachsen, das Buch „Gespaltenes Land – Brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag?“ vor.

    von links: Der Schriftsteller Ingo Schulze und Holk Freytag, Präsident des Akademie der Künste Sachsen
    © Sputnik / Tilo Gräser
    von links: Der Schriftsteller Ingo Schulze und Holk Freytag, Präsident des Akademie der Künste Sachsen

    Das, was der Schriftsteller Schulze und der Theatermann Freytag beschrieben und einforderten, klang ähnlich dem, was am Vortag von der sächsischen Integrations- und Gleichstellungsministerin Petra Köpping zu hören war. Die betonte, es gehe ihr vor allem um Verständigung zwischen Ost- und Westdeutschland und dass die Lebensleistungen der Ostdeutschen endlich gleichwertig behandelt werden.

    Keine ostdeutschen Eliten

    Das geschehe immer noch nicht, beklagte sie mit Hinweis auf unterschiedliche Löhne und Gehälter sowie Renten. Zahlreiche Berufsgruppen aus der DDR hätten bis heute das Problem, dass ihre erworbenen Rentenansprüche im vereinigten Deutschland nicht anerkannt werden, so Bergarbeiter, Eisenbahner und andere, aber auch die geschiedenen Frauen aus der DDR.

    Köpping verwies auf die Tatsache, dass nur ganz wenige Ostdeutsche in den Führungsetagen von Unternehmen und Hochschulen zu finden seien, was ebenso für Ministerien gelte. Das sei ein Ergebnis dessen, dass sich westdeutsche Seilschaften breitgemacht hätten, so die aus dem Leipziger Umland stammende Ministerin von der SPD. Sie meinte, dass vielleicht eines Tages über eine Quotenregelung für Ostdeutsche nachzudenken sei.

    Die sächsiche Integrations- und Gleichstellungsministerin Petra Köpping auf der Buchmesse
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Die sächsiche Integrations- und Gleichstellungsministerin Petra Köpping auf der Buchmesse

    Das Buch von Köpping, das erst im Januar dieses Jahres erschien, gibt es schon in der fünften Auflage, wie Verlagschef Christoph Links berichtete. Das zeigt, wie wichtig das Problem der wirklichen Integration der Ostdeutschen in die bundesdeutsche Gesellschaft tatsächlich ist. „Wir müssen unser Selbstbewusstsein selber stärken“, beschrieb die Ministerin ihren Anspruch an die Ostdeutschen. Sie hob hervor, dass die heutigen Probleme in Ostdeutschland die ganze Bundesrepublik beträfen.

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    Westdeutsche mit Verständnis

    Sie erinnerte daran, dass sich für die Menschen aus der DDR seit 1990 „alles verändert“ hat, was im Westen der Bundesrepublik nicht so gewesen sei. Dort müssten die großen Veränderungen im Leben der Ostdeutschen begriffen werden. Bei Lesungen in den westdeutschen Bundesländern erlebe sie große Interesse und Verständnis, berichtete Köpping. Die Menschen dort wüssten oftmals nicht, welche Veränderungen die Ostdeutschen zu bewältigen hatten, und auch, was sie dabei erlebten.

    Wenn sie davon erfahren, würden sie zumeist die entstandene Wut im Osten verstehen. So sei ihr in Bayern gesagt worden: „Also das, Frau Köpping, hätten sie mit unseren Leuten nicht machen können!“ Die Bevölkerung sei schon weiter als die Politik, stellte die Ministerin fest.

    Viele Ostdeutsche hätten sich in den 1990er Jahren gegen die Treuhand und die Zerstörung der Betriebe und ihrer Existenzen gewehrt, aber zu oft habe jeder nur für sich gekämpft und sei dabei allein geblieben. Das habe sich inzwischen verändert, meinte Köpping, die auf das Beispiel der Proteste gegen die geplante Schließung des Siemens-Standortes im sächsischen Görlitz 2018 verwies. Da habe die ganze Region gemeinsam verhindert, dass der Konzern seinen dortigen Standort abbaut.

    Mächtige Worte

    An den Mut jener, die in der DDR sich von den Mächtigen nicht alles gefielen ließen, und auf die Rolle des Wortes dabei, erinnerte später am selben Tag in der Leipziger Innenstadt Friedrich Schorlemmer. Der Theologe war 1989/90 einer der führenden Köpfe in der DDR-Bürgerbewegung und ist eine kritische Stimme in Ostdeutschland geblieben. Er stellte bei einer der rund 3.600 Veranstaltungen des Messe-Rahmen-Programms „Leipzig liest“ sein Buch „Wortmacht und Machtworte – Eine Eloge auf die Leselust“ vor.

    Die Macht der Worte stehe gegen die Worte der Mächtigen, sagte Schorlemmer. Er beschrieb seine Erfahrungen im „Leseland der DDR“, erinnerte an den Umgang der dort Herrschenden mit unliebsamen Worten und das damalige Bedürfnis der Menschen, auch über Literatur mehr über die tatsächlichen Verhältnisse zu erfahren und darüber hinaus zu denken. „Die Mächtigen haben Angst gehabt, ihre Angst zu verlieren“, so Schorlemmer über die Ursachen für die Angst der selbsternannten führenden Partei in der DDR, der SED, vor Büchern, Liedern, Kunstwerken und Filmen, selbst vor Kinderbüchern, die verboten wurden.

    Friedrich Schorlemmer warb in Leipzig für die Lust am lesen und erinnerte an die Macht der Worte
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Friedrich Schorlemmer warb in Leipzig für die Lust am lesen und erinnerte an die Macht der Worte

    Diese Grundproblem von Mächtigen besteht heute noch, worauf Schorlemmer immer wieder hinwies. Er bedauerte, dass Literatur und Lyrik heute nicht mehr so wichtig genommen werden, und dass es Buchhandlungen gebe, in denen keine Gedichtbände zu finden seien. Und sagte: „Was ist aber, frage ich 2019, wenn Menschen das Bedürfnis abhanden kommt, über Grundfragen der Existenz nachzudenken, und wenn ihnen der materielle Wohlstand und das vergnügte Ablenken von allem Ernsthaften genügt?“

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    Ostdeutsches Selbstbewusstsein notwendig

    Schorlemmer erinnerte an ein Motto, dass der Filmregisseur Kurt Maetzig der von ihm weiterentwickelten Defa-Kino-Wochenschau "Der Augenzeuge" voranstellte: „Sie sehen selbst — Sie hören selbst — Urteilen Sie selbst!" Das sei heute genauso gültig, betonte der Theologe. „Nur wer etwas wagt, wird erkennen, welche Kräfte in ihm sind, anstatt sich immer kleinzumachen“, sagte er am Schluss.

    Das beschäftigte auch den ostdeutschen Schriftsteller Ingo Schulze, als er gemeinsam mit dem Theaterdramaturg Holk Freytag das Buch „Gespaltenes Land – Brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag?“ vorstellte. „Wir müssen uns alle, jeder, mehr ernst nehmen, und das, was wir für richtig finden.“ Jeder und jede sollten für das eintreten, was sie für wichtig halten, sowie auch die „eigenen Leute“ immer wieder in Frage stellen.

    Zuvor hatte Schulze, Autor des Romans „Neue Leben“, daran erinnert, dass die Ostdeutschen im Herbst 1989 selber die Chance und die Macht hatten, einen neuen Gesellschaftsvertrag zu verabschieden und umzusetzen. „Wir haben die Macht im Oktober, November, Dezember 1989 erobert und hatten eigentlich alle Freiheiten, damit gut umzugehen. Wir haben aber diese errungene Macht dann doch demokratisch, mit großer Mehrheit, freiwillig an den Bonner Regierungsapparat übergeben.“

    Fehlende reale Einheit

    Es falle ihm schwer, von einer „Vereinigung“ zu sprechen, wo selbst der westdeutsche Verhandlungsführer Wolfgang Schäuble 1990 klar gemacht habe, dass es um einen Beitritt der DDR ging. Der Schriftsteller gestand ein, dass ihm eine veränderte eigenständige DDR lieber gewesen wäre.

    Heute halte er es angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung für notwendig, dass ein neuer Gesellschaftsvertrag ausgehandelt werde, der unter anderem das Recht auf Wohnen und das Recht auf Arbeit einschließe. Dem stimmte Akademie-Präsident Freytag zu, der über seine „große Wut“ sprach, die ihn ihm hochkomme, wenn er durch Ostdeutschland fahre. „Warum wird in diesen Städten nicht investiert, warum sind die Hauptfirmen alle in dem furchtbaren Ruhrgebiet?“

    Aus seiner Sicht ist die Politik mit der Situation überfordert. Und er frage sich, wer denn in Deutschland, einem der reichsten Länder weltweit, wirklich reich sei, wenn hierzulande jedes fünfte Kind in Armut aufwachse. Die Kunst müsse die Gesellschaft ebenso wie die Politik und die Wirtschaft auf die Probleme hinweisen, so der Freytag.

    Die Lesungen zu den politisch orientierten Bücher gehörten zu dem breiten Themenspektrum, dass die Leipziger Buchmesse mit ihrem Rahmenprogramm „Leipzig liest“ auch in diesem Jahr bot. Phantasie und Realität, Literatur und Sachbücher, Politik und Kunst – all das war in den vier Tagen seit Donnerstag an den Ständen und in den Veranstaltungen zu finden. Jeden Tag strömten Tausende zu den Leipziger Messehallen, blätterten in den ausgestellten Büchern, hörten Autoren zu, sprachen mit ihnen. Unterdessen stellten die Verlage den Buchhändlern bereits das geplante Herbstprogramm vor. Am Sonntag ging die Leipziger Buchmesse 2019 zu Ende.

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    Tags:
    Ostdeutschland, Elite, Menschen, Macht, Bücher, Leipziger Buchmesse, DDR, Leipzig, Deutschland