05:21 20 April 2019
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    Mein Kampf von Hitler

    „Mein Kampf“ auf polnischer Bühne aufgeführt

    © AP Photo / Matthias Balk/dpa
    Gesellschaft
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    Im Warschauer Powszechny-Theater ist die erste Aufführung eines Schauspiels unter dem Titel „Mein Kampf“ über die Bühne gegangen. Das Bühnenstück wurde nach dem gleichnamigen Buch Adolf Hitlers benannt.

    Der Regisseur Jakub Skrzywanek verfolgt damit das Ziel, zu zeigen, wie akut die vor 90 Jahren von Hitler formulierten Ideen und Postulate heutzutage sind. 

    Der Regisseur hat nach seinen Worten Zitate aus dem Buch des „Führers“ so zusammengesetzt, dass das Publikum Parallelen zwischen Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg und dem jetzigen Polen bemerken kann, wo die Machthaber ziemlich tolerant gegenüber Äußerungen faschistischer Ansichten sind. Skrzywanek will zeigen, dass der Faschismus eine Ideologie sei, die eine Renaissance erleben könnte, wenn sie durch effiziente Propaganda begleitet werde.

    Aber worum handelt es sich in dieser Situation: etwa um eine künstlerische Provokation? Eine Provokation zwecks Werbung für einen jungen Regisseur? Oder soll dadurch die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Problem der Hasssprache gelenkt werden, die in der Gesellschaft immer häufiger zum Ausdruck kommt? Und dadurch zum Problem der Verwandlung des Hasses in konkrete Aktionen?

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    Die Diskussion zu diesen Fragen begann noch lange vor der Erstaufführung – und sorgte für großes Interesse des Publikums: Alle Karten für die Premiere von „Mein Kampf“ waren ausverkauft.

    Einem Sputnik-Korrespondenten ist es gelungen, das Schauspiel zu sehen und mit dem Regisseur zu sprechen, der seine Idee erläuterte. Skrzywanek zufolge  hat er Hitlers Sprache und Ideen analysiert und sich gefragt, wie viele Worte eigentlich nötig waren, damit der Holocaust möglich wurde – und wie viele Worte jetzt nötig wären, damit sich diese Geschichte wiederholen könnte.

    „Wir sprechen über Hass. Warum kommt der Hass in unserer Gesellschaft so stark zum Ausdruck? Nicht nur in der polnischen – das passiert überall in der Welt. Und da stellt sich diese prinzipielle Frage. Wenn wir keine Ähnlichkeit zwischen „Mein Kampf“ und den heutigen Ereignissen bemerken,  dann weiß ich nicht, was für Anstöße wir brauchen, um endlich aufzuwachen“, so der Regisseur.

    Der Sputnik-Korrespondent wollte auch die Zuschauer fragen, was sie von dem neuen Schauspiel halten, aber viele wollten nicht mit ihm sprechen, als sie seine Kamera sahen. Diejenigen aber, die sich bereit zeigten, ihre Eindrücke zu schildern, gaben zu, dass das Schauspiel sie beeindruckt habe und zum Anlass zum Nachdenken geworden sei.

    „Es war hervorragend, die Schauspieler haben sehr gut gespielt – das könnte ein wirklich großes Schauspiel werden“, sagte ein älterer Mann.

    Ein anderer Zuschauer sagte: „Dieses Schauspiel ist eine Art Warnung. Es ist erschreckend, dass Hitlers Texte aus dem öffentlichen Raum noch nicht entfernt worden sind, dass es sie immer noch gibt und dass sie laut gesprochen werden. Dieses Schauspiel wird bei verschiedenen Gemeinschaften gut ankommen, unter anderem bei Neonazis, die Hitler immer noch für ihren Führer halten. Das ist nicht auszuschließen.“

    Ein bejahrtes Ehepaar diskutierte in der Lobby emotional über das gesehene Schauspiel. Die Dame gab zu: „Ich habe Angst davor. Ich rede nicht gerne über solche Themen, denn ich habe die faschistische Besatzung überlebt.“

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    Auf die Frage, ob dieses Schauspiel nach ihrer Meinung Neonazis zu intensiveren Handlungen provozieren könnte, weil darin Hitler zitiert wird, sagte sie: „Leider könnte das passieren. Da muss man sehr aufpassen.“

    Jemand fragte überrascht: „Haben Sie jemals Neonazis im Theater gesehen?“

    Bei der Premiere gab es keine Nazis. Doch was ist, wenn sie irgendwann zu einer anderen Aufführung kommen und ihre Lieder singen werden?

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    Tags:
    Aufmerksamkeit, Diskussion, Warnung, Hass, Theater, Mein Kampf, Propaganda, Adolf Hitler, Polen