09:51 26 April 2019
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    Untersuchung der Folgen der NATO-Bombenangriffe gegen Jugoslawien (Archiv)

    Nato-Uranbomben als Genozidwaffe: Extrem hohe Krebsrate in Serbien

    © AP Photo / Visar Kryeziu
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    Die Luftangriffe der Nato auf Serbien dauerten vom 24. März bis 10. Juni 1999. Nach Einschätzungen der serbischen Behörden wurden dabei rund 2500 Menschen getötet, darunter 89 Kinder, 12.500 wurden verletzt. Die Leiterin der Abteilung für Neuroonkologie des Klinischen Zentrums Serbiens, Danica Grujicic, spricht über die gesundheitlichen Folgen.

    Wie läuft die Arbeit der Kommission bei der serbischen Regierung für die Folgen der Nato-Angriffe?

    Anfang Juni des vergangenen Jahres wurde bei der serbischen Regierung ein Koordinierungsgremium für die Untersuchung der Folgen der Bombenangriffe gebildet. Den Vertrag über seine Einrichtung haben vier Ministerien unterzeichnet – Verteidigungs-, Gesundheits-, Umwelt- und Bildungsministerium.

    Das Projekt hätte von Umweltminister Goran Trivan geleitet werden sollen, doch bislang wurde de facto nichts unternommen. Die Nato führte einen Genozid durch, sie bombardierte bewusst alle Objekte, die als umweltschädlich markiert wurden. Wenn ein solches Objekt vernichtet wurde, kam es zu einer Umweltkatastrophe im ganzen umliegenden Gebiet. Sie wussten Bescheid und bombardierten absichtlich Chemie-Industrieobjekte, Ölraffinerien, Energieproduktionsobjekte. Viel technisches Öl und Giftstoffe gelangten in die Luft, den Boden und das Wasser, etwas blieb vor Ort. Es versickerten Benzin und Ölprodukte, wir wissen, dass in die Donau fünf Tonnen Quecksilber flossen.

    Leider versuchte seit 1999 niemand, die Gebiete um die bombardierten Industrieobjekte zu analysieren. Wir wollen eine echte Forschungsstudie machen und Fakten feststellen. Deswegen habe ich vor, meine Position dem Präsidenten Aleksandar Vucic persönlich darzulegen, ich habe mich bereits für ein Treffen angemeldet.

    Haben Sie sich die Arbeit des Koordinierungsgremiums für die Analyse der Folgen der Bombenangriffe anders vorgestellt?

    Ich habe mir vorgestellt, dass wir auf ständiger Grundlage etwa fünf bis sechs Spezialisten einsetzen, die alle Daten bekommen werden. Zum Koordinierungsgremium gehören Toxikologen,  Menschen, die ihr ganzes Leben an der Militärmedizinischen Akademie Serbiens arbeiteten. Sie wissen sicher genau, welche Stoffe welche konkreten Erkrankungen auslösen.

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    Wir haben die Unterstützung fast aller Kollegen bekommen, die sich mit Onkologie in Serbien befassen. Unmittelbar in das Koordinierungsgremium wurden Dutzend Ärzte sowie Physiker, Chemiker, Biologen und Tierärzte aufgenommen, insgesamt etwa 100 Spezialisten.

    Das Institut für Epidemiologie in Belgrad kann eine Analyse anfertigen und Angaben aus medizinischen Karten vor Ort sammeln. Zudem brauchen wir ein einheitliches nationales Labor, wo die Ergebnisse der Studien aus anderen Laboren des Landes gesammelt werden.

    Um welche Zahl von Betroffenen könnte es Ihres Erachtens gehen?

    Jedes Jahr werden in Serbien mit seinen rund sieben Millionen Einwohnern bis zu 40.000 Fälle onkologischer Erkrankungen diagnostiziert. Laut dem bekannten serbischen Onkologen Prof. Slobodan Čikarić ist das Knochenmark das sensibelste Organ bei der Strahlung. Der Professor analysierte Fünfjahres-Zeiträume – die ersten fünf Jahre nach den Bombenangriffen und die zweiten fünf Jahre. Er stellte fest, dass die Zahl der Erkrankungen mit Leukämie und Lymphom auf mehr als 180 Prozent stieg, die Todesrate stieg auf 200 Prozent. 2007 bis 2012 wurden große Tumore viel aggressiver und traten im jüngeren Alter auf. Die traditionelle Therapie zeigte keine Wirkung.

    Bei uns starben so viele Kinder, dass ich mich fragte, ob wir vielleicht etwas falsch machen. Wir machen wie früher OPs, Strahlentherapie, Chemotherapie, doch nach einem Jahr sterben sie. Man muss analysieren, aus welchen Orten diese Kinder stammen.

    Wir machten Blutproben unserer Mitarbeiter bezüglich von Schwermetallen. Bei einigen von uns liegt die Konzentration des Schwermetalls Thorium um das 1000-Fache über dem Normalwert. Ein Kollege veröffentlichte einen Artikel darüber in einer Fachzeitschrift. Woher kommt das Thorium, wenn wir als gesund gelten? Man sollte Blutproben, Proben von Tumorgewebe machen, nach Teilchen von abgereichertem Uran und anderer Schwermetalle suchen. Das ist der Weg für den direkten Beweis,  dass diese Bombenangriffe kriminell waren.

    Wie sehen die Daten über Krebserkrankungen in Serbien im Vergleich zu europäischen und globalen Kennzahlen aus?

    Unsere Kinder im Alter bis 15 Jahre bekommen onkologische Erkrankungen um das 2,5-Fache häufiger als durchschnittlich in Europa, Erwachsene und Kinder zusammen – fast um das Dreifache häufiger als durchschnittlich in der Welt.

    Handelt es sich nur um Krebstumore und Bluterkrankungen?

    Laut offiziellen Angaben ist die Infertilität bei serbischen Männern um 100 Prozent gestiegen. Zuvor ging es bei den zu behandelnden Paaren bei 40 Prozent um Frauen-Infertilität und bei 20 Prozent um Männer-Infertilität, in den restlichen Fällen war der Grund nicht klar. Jetzt entfallen 40 Prozent auf Männer-Infertilität und nur 20 Prozent bleiben nicht geklärt.

    Im Krankenhaus für Immunologie des Klinischen Zentrums Serbiens gibt es nun keine freien Krankenplätze mehr. Bei vielen jungen Frauen kommt es zur Fehlgeburt, danach stellt sich heraus, dass sie auch an der Schmetterlingsflechte bzw. einer anderen Autoimmunerkrankung leiden wie Antiphospholipid-Syndrom oder rheumatoide Arthritis.

    Die einzige Struktur, die den Zustand der Soldaten nach den Bombenangriffen mit dem abgereicherten Uran verfolgte, war die Militärmedizinische Akademie in Belgrad. Sie beobachteten die Soldaten nur vier Jahre lang, was für die Feststellung der Folgen nicht ausreichend ist. Doch meine Kollegen machten auf genetische Anomalien bei ihren Kindern aufmerksam. Das macht eben das abgereicherte Uran zur Genozid-Waffe – Schaden für Nachkommen.

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    Das heißt, dass jetzt vor allem Kinder bedroht sind?

    Genau, es leiden die künftigen Generationen.

    Viele von den Erwachsenen, die unmittelbar betroffen waren, z.B. jene, die am Aufräumen nach dem Angriff auf den Fernsehsender in Vranje teilnahmen, sind gestorben. Die Nato bombardierte ein ziviles Objekt, den Fernsehsender mit abgereichertem Uran direkt in der Stadt, als ob sie das nicht mit einer einfachen Bombe hätten machen können. Dann dementierte sie den Einsatz von Uran dort, bis unsere Armee dort Fragmente der Bomben fand. Dieser Kampf um Demokratie und Gespräche um Menschenrechte führen dazu, dass wir es sind, die ohne Rechte bleiben.

    Bemerken Sie jetzt Folgen des sozialen und psychologischen Traumas der damaligen Zeit in der serbischen Gesellschaft?

    Natürlich, die Menschen sind enttäuscht, niemand glaubt an positive Änderungen. Ich werde gefragt, wieso habe ich so viel Energie mit 60 Jahren, ich kann mich aber nicht damit abfinden, dass ich besiegt werde, und die Verbrecher sich als Befreier der Albaner präsentieren. Sie haben mit ihren Angriffen und deren Folgen mehr Albaner getötet, als die Serben in der ganzen Geschichte. Wenn jemand für die Verbrechen gegen die Albaner Verantwortung tragen soll, dann sind es der ehemalige US-Präsident Bill Clinton und der ehemalige britische Premier Tony Blair.

    Ich persönlich halte Clinton für einen Mörder. Wir wohnten zwischen dem Generalstab und dem Innenministerium, auf die die Bomben fielen. Wir hätten getötet werden können, nur weil Clinton Slobodan Milosevic, den früheren Präsidenten der Bundesrepublik Jugoslawien, nicht mochte. Sie bombardierten eine Unterstation im Belgrader Stadtteil Bezanijska Kosa, wo der Giftstoff polychloriertes Biphenyl aufbewahrt wurde. Ein Liter vergiftet eine Milliarde Liter Wasser.

    Es gibt auch 80.000 unserer Jungs, die damals im Kosovo dienten. Man muss sie untersuchen und es werden unbestreitbare Beweise vorliegen. Doch das sollte strikt wissenschaftlich und professionell erfolgen, ohne Einmischung der Politik.

    Wir sprechen jetzt von hunderttausenden Betroffenen. Dauert die Verbreitung der negativen Folgen der Bombenangriffe an?

    Wir können ziemlich schnell vorläufige Ergebnisse bekommen – in ein, zwei bzw. drei Jahren. Die Folgen feststellen, die wir nach 20 Jahren haben. Und wie werden sie in 50 bzw. 100 Jahren sein? Die Armee versprach uns, alle Angaben zu den Orten der Bombenangriffe bereitzustellen.

    Da schon 20 Jahre vergangen sind, sind wir vielleicht in der Lage, das aus der Sicht des Gesundheitswesens umfangreicher zu betrachten. Die Angaben, über die das nationale Dr.-Milan-Jovanovic-Batut-Institut für öffentliche Gesundheit verfügt, sind nur relativ präzise.

    Wir wissen aus unserer Praxis, dass viele Menschen einfach nicht zum Arzt gingen. Die Epidemiologen, die die Situation in jeder Region analysieren werden, sollen die Listen der Verstorbenen und die Todesursachn überprüfen, in den Krankenhäusern klären, wer und wann behandelt wurde, dann kann man sagen – „ja, daran sind die Nato-Bombenangriffe schuld“. Wir wissen, dass es heute in jeder Familie in Serbien jemanden mit einer onkologischen Erkrankung gibt, doch sehr wichtig ist, festzustellen, ob es weitere Verseuchungsquellen gibt, denn wir müssen unser Land den nachfolgenden Generationen übergeben.

    Glauben Sie an die Möglichkeit einer Gerichtsklage von einer Gruppe der betroffenen Staatsbürger bzw. des Staates gegen die Mitgliedsstaaten bzw. die Führung der Nato?

    Von einer Gruppe von Staatsbürgern – nicht.  Nur vom Staat. Die ganze medizinische Gemeinschaft muss einbezogen werden. Wenn unsere Studien in hundert internationalen Forschungszeitschriften veröffentlicht werden, wird das bedeutend sein. Dann können Anwälte basierend auf Wissenschaftsangaben eine Klage im Namen des Staates einreichen. Allein bzw. in kleinen Gruppen kann man nichts beweisen.

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    Tags:
    Uranmunition, Unterstützung, Analyse, Krebs, Luftangriffe, Umwelt, NATO, Aleksandar Vučić, Jugoslawien, Serbien