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17:00 18 August 2019
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    Impfschutz (Symbolbild)

    Impfpflicht oder Aufklärung? Neue Masernwelle spaltet die Gemüter

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    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Die Masern sind wieder auf dem Vormarsch und solange die Impfquote nicht weiter steigt, bleiben sie unbesiegt in Deutschland. Ein Ausweg ist die indirekte Impfpflicht sowie Aufklärung, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Impfgegner können dabei übrigens ungeimpft bleiben – sie sind zahlenmäßig nicht relevant.

    2019 sind die Masern wieder auf dem Vormarsch: 170 gemeldete Fälle gab es nach Angaben des Robert-Koch-Instituts allein in den ersten neun Wochen zu verzeichnen. Da es sich bei Masern um eine gefährliche Krankheit mit potentiell tödlichem Ausgang handelt, verfolgt die Weltgesundheitsorganisation bereits seit langem das Ziel, sie in Europa ganz auszurotten. Dicht am Ziel hat sich aber die Krankheit seit Jahren eingependelt und will einfach nicht verschwinden.

    © Foto : RKI

    Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin hat sich deshalb für eine Impfpflicht ausgesprochen. Befürworter einer Impfpflicht gegen Masern finden sich in den Reihen von SPD und FDP. So teilt Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) gegenüber Sputnik schriftlich mit: „Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat kürzlich festgestellt, dass Krankheiten wieder auf dem Vormarsch sind, die bereits als ausgerottet galten. Und dass dies zu den größten zukünftigen gesundheitliches Risiken der Bevölkerung gehört. Daher kann es aus meiner Sicht kein Weiter so geben. Gerade im Hinblick auf Masern sollte die Bundesregierung daher prüfen, wie Menschen besser geschützt werden können – ich befürworte eine Masern-Impflicht.“

    Eine andere Position dagegen vertritt die Grünenpolitikerin Kordula Schulz-Asche in einer Pressemitteilung, die auf die hohe Impfquote hinweist und die Wichtigkeit von Aufklärungsarbeit vor allem bei Erwachsenen sieht, die die Folgeimpfung versäumen und so die Immunität wieder verlieren. „Um die Impfquoten auch bei den Erwachsenen zu steigern, sollte der Öffentliche Gesundheitsdienst in Betrieben aufklären und impfen können. Auch sollten künftig überall Kinderärzte die Eltern impfen dürfen, die mit ihren Kindern zum Impfen kommen“, schreibt sie.

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    Laut einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts beträgt die Impfquote der Zweitimpfung für das Jahr 2016 92,9 Prozent. Das ist ein ausgezeichneter Stand, auch wenn er für das Ziel der Weltgesundheitsorganisation nicht ausreicht. Denn damit es zu keinen Ausbrüchen mehr kommen kann, wird ein Wert von über 95 Prozent benötigt, erklärt Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin gegenüber Sputnik. Denn erst da ist die „Herdenimmunität“ in der Gesellschaft aufgebaut. „Wenn ich eine große Herde habe und ganz viele Mitglieder dieser Herde impfe, dann ist die Wahrscheinlichkeit klein, dass derjenige, der empfänglich ist, weil noch nicht geimpft, zusammentrifft mit jemanden, der tatsächlich Masern hat.“

    Auf dem Weg zu einem masernfreien Deutschland stören dabei laut Rodeck zwei Faktoren. Der erste hat etwas mit Vergesslichkeit zu tun. Denn über 90 Prozent seien zwar impfbereit, aber würden Termine verschieben oder vergessen. Das gilt vor allem für Zweitimpfungen und bereitet den Boden für künftige Masernausbrüche. Acht bis zehn Prozent sind Impfskeptiker und zweifeln am Nutzen der Impfung und der Gefährlichkeit der Krankheit. Diese lassen sich nach Rodecks Erfahrung durch rationale Erklärungen überzeugen.

    Aber sie lassen sich eben auch durch die Laienpresse mit falschen Informationen verunsichern, was der zweite Störfaktor ist. Als Beispiel führt der Generalsekretär den britischen Forscher Wakefield an, der einen Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Autismus hergestellt zu haben meinte. „Der Kollege musste diese Studie zurücknehmen, sie wurde aus dem wissenschaftlichen Journal gestrichen, er verlor seine Approbation und darf als Arzt in Großbritannien gar nicht mehr arbeiten. Es ist im Nachgang auch klar geworden, dass er finanziert wurde von einem Rechtsanwalt, der eine Gruppe von Impfgegnern vertrat, die gegenüber der Firma Ansprüche erheben wollten wegen vermeintlicher Impfschäden“, bemerkt Rodeck dazu. „Eine traurige Geschichte, die dazu führt, dass die Verunsicherung in der Bevölkerung extrem zugenommen hat. Und das wird immer noch erzählt, das wird immer noch kolportiert, das wird immer noch für die Wahrheit genommen. Aber in diesem Fall passt der Ausdruck Fake News wirklich.“

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    Die DGKJ-Lösung für diese beiden Probleme lautet: „indirekte Impfpflicht“ einführen und über Masern verstärkt aufklären. In Italien etwa gibt es seit 2017 eine generelle Impfpflicht, bei der Eltern auch durch Geldbußen sanktioniert werden, wenn ihre Kinder ungeimpft in Kitas und Schulen erscheinen. „Das halten wir nicht für den richtigen Weg“, betont Rodeck. Bei der indirekten Impfpflicht würde der Erzieher oder Lehrer dagegen in Kitas oder Schule das Impfbuch verlangen und bei ungeimpften Kindern freundlich erinnern, dass eine Impfung angeraten wäre. „Die meisten Leute werden wir damit erreichen und damit werden wir unsere Impfquote auch steigern“, ist sich Rodeck überzeugt. „Bei den wenigen, die überzeugte Impfgegner sind, wird das nicht funktionieren. Die werden Wege finden, um sich da herauszumanövrieren, aber das wäre auch nicht mehr so tragisch, weil durch die Herdenimmunität, die wir aufbauen würden, diese wenigen Prozente keine Rolle mehr spielen würden.“

    Der zweite Schwerpunkt ist die Aufklärung über die Schwere der oft verharmlosten Kinderkrankheit. In einem von 1.000 Fällen kommt es immerhin zu einer schweren Gehirnentzündung und es gibt auch das Risiko der Erkrankung SSPE Jahre nach der Masern-Erkrankung. Diese zeichnet sich durch den Abbau von Gehirnfunktionen aus. „Alle Kinder, die davon betroffen sind, haben ein trauriges Schicksal und versterben alle. Wir haben keine Chance, das zu behandeln“, bemerkt der DGKJ-Generalsekretär. Wenn die Menschen so etwas wüssten, würden sie sicher weniger nachlässig mit Masern umgehen.

    Aber hier kommt ein weiteres Problem zum Tragen: „Es gibt die Problematik in unserer Gesellschaft, dass heutzutage nicht mehr sehr genau auch seitens der Presse unterschieden wird zwischen einem seriös recherchierten Beitrag und Meinungen, die man so bekommt über Foren und die sozialen Netzwerke, und die oft auch ungeprüft übernommen werden. Das solle man jedem an die Hand geben, der diese Frage für sich beantworten möchte: Mach dich schlau und zwar mit den richtigen Medien und glaub nicht alles, was irgendeiner da hinausposaunt.“

    Das Interview mit Burkhard Rodeck in voller Länge:

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    Tags:
    Jugendliche, Kinder, Impfpflicht, Masern, Impfung, Weltgesundheitsorganisation (WHO), Deutschland