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09:13 18 Oktober 2019
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    Ein Blick auf den Baikalsee in der Region Irkutsk

    „Stolz der ganzen Welt“: Über eine Million Russen stoppen Fabrikneubau am Baikal

    © Sputnik / Yurii Kaver
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    Die Proteste gegen den Bau einer chinesischen Fabrik am Baikal haben sich gelohnt: Das Gericht in Irkutsk blockierte das Bauprojekt bereits, Ministerpräsident Dmitri Medwedew ließ die Einhaltung der Öko-Standards prüfen. Sputnik sprach mit dem Schutzengel des Baikals Jekaterina Juderewskaja darüber, wie es um den See wirklich bestellt ist.

    Am Sonntag haben in dutzenden Städten Russlands Kundgebungen zum Schutz des Baikal-Sees und gegen den Bau der umstrittenen Fabrik der chinesischen Firma „Aquasib“ zur Trinkwasserabfüllung stattgefunden. Allein in Irkutsk sollen sich circa 3000 Demonstranten versammelt haben. Zugleich haben über 1,1 Million Menschen eine Petition gegen die Verschmutzung des Baikals sowie den „Verkauf von Volkseigentum“ an Chinesen auf der Kampagnenplattform change.org unterschrieben. Hauptadressat der Petition war von Anfang an der Oberbürgermeister der Region Irkutsk, Sergej Lewtschenko, und das Ministerium für Bodenschätze Russlands.

    „Das Thema ist jetzt sehr akut geworden“

    Und die Unruhen haben sich gelohnt. Nun hat das Kreisgericht in Irkutsk der Klage der Umweltstaatsanwaltschaft von West-Baikal stattgegeben und entschieden, das Projekt im Dorf Kultuk im Süden des Baikals zu stoppen. Mitte März hatte der russische Regierungschef, Dmitri Medwedew, das Ministerium für Naturressourcen mit der Prüfung beauftragt, ob der Betrieb die ökologischen Standards befolgt. „Dieses Thema ist jetzt sehr akut geworden. Ich bekomme viele Aufrufe zur Lösung in sozialen Netzwerken“, so Medwedew.

    Einige Experten bestreiten, dass „Aquasib“ dem Baikal schaden würde. Wie kann eine Wassereinlassstation den See verschmutzen? Ursprünglich sollte die Fabrik in 400 Meter Tiefe Wasser entnehmen und die Menge von etwa 190 Millionen Liter pro Jahr nicht überschreiten, was keine dramatischen ökologischen Auswirkungen mit sich bringe.

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    „Der See wird von Lebewesen bewohnt, selbst in den Bodensedimenten“, kontert die Leiterin der Öko-Assoziation „Die Gemeinschaft vom Baikal“ aus Irkutsk, Jekaterina Juderewskaja, im Sputnik-Gespräch. Leidenschaftlich setzt sie sich für den Schutz des mit 1642 Metern tiefsten Sees der Welt ein. „Die gesamte Öko-Kette sowie die Talowski-Sümpfe mit der seichten Stelle, wo die Fabrik gebaut werden sollte, sind wie ein Kindergarten für Fische. Die arktische Maräne, Äschen und andere Fischarten des Baikalsees legen dort die Eier“, erklärt Jekaterina. Sie habe das ursprüngliche staatliche Öko-Gutachten für „Aquasib“ gesehen und erachte es als oberflächlich – besonders bezüglich der auf der Roten Liste stehenden Arten. Es werde nun von der Umweltstaatsanwaltschaft ebenso vor Gericht angefochten.

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    Laut der Baikal-Schützerin ist selbst die Zuteilung des föderalen Grundstückes für den Neubau fraglich gewesen, denn die Bewohner von Kultuk hätten von den angeblichen öffentlichen Anhörungen im Jahre 2015 nichts mitbekommen. „Offenbar war das Dokument gefälscht“, meint Jekaterina. 

    „Der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“

    Schon jetzt hält der Oberbürgermeister von Irkutsk, Sergej Lewtschenko, das Projekt wegen der enttarnten Umweltverstöße für „aussichtslos“. Auch Jekaterina glaubt zu 99 Prozent, dass es am Ende nicht zustande kommen wird.

    „Ich stelle nun offiziell die Frage, wie viele derartige Betriebe am Baikalsee überhaupt gebaut werden dürfen. Ob wir einen mit wassersaugenden Fabriken gespickten See sehen wollen oder ein Weltnaturerbe der Menschheit, einen Stolz der ganzen Welt und einen strategischen Versorgungsraum mit Süßwasser“.

    Sie appelliert auch an das Verständnis jener deutscher Bürger, die die „kraftvolle Schönheit der Baikalnatur mit eigenen Augen gesehen haben und ihre Ambitionen für deren Schutz zu schätzen wissen“. 

    Vor kurzem tauchten in der Lokalpresse Berichte auf, wonach mit Erdöl vergiftete Fische im einzigen dem Baikalsee entspringenden Fluss Angara entdeckt worden sein sollen. Laut Jekaterina Juderewskaja ist das dem chemischen Unternehmen „Usoliekhimprom“ zu verdanken, dessen Produktionsorte nun im Rahmen des nationalen Projektes „Ökologie“ demerkurisiert, also vom Erdöl gereinigt werden. Hingegen werde der Baikal weiter mit kaum gereinigten Abwässern von den 157 am Ufer liegenden Siedlungen und der Baikal-Flotte verschmutzt. Die Probleme will die Expertin am 29. März mit dem Minister für Naturressourcen und Ökologie, Dmitri Kobylkin, besprechen. „Selbst bei einer der fünf schon bestehenden Fabriken zur Trinkwasserabfüllung sind kürzlich grobe Verstöße gegen die hygienischen und epidemiologischen Auflagen verzeichnet worden“, so Jekaterina. Alle anderen Fabriken sollen nun ebenso der Kontrolle der Umweltstaatsanwaltschaft unterliegen. „Im Grunde genommen war die neue Fabrik in Kultuk der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, schloss die Expertin.

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    Tags:
    Naturressourcen, Ökosysteme, Abwässer, Süßwasser, Verschmutzung, Ökologie, Umweltschutz, Petition, Umwelt, UNESCO, Dmitri Medwedew, Baikal-Region, Baikalsee, Irkutsk, Russland