08:50 20 April 2019
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    Serbische Soldaten während der Gefechte mit der Befreiungsarmee des Kosovo (Archiv)

    Kosovo: „Deutschen Verwandten sagte ich: Euretwegen muss dieses Volk wieder leiden“

    © AFP 2019 / JOEL ROBINE
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    „Die Hölle von Košare“: Während der Nato-Bombenangriffe auf Jugoslawien wurden an der Grenze der serbischen Region Kosovo zu Albanien lange und blutige Gefechte unweit der Grenzkontrollstelle Košare geführt. Sputnik unterhielt sich mit Verwandten eines gefallenen Soldaten.

    Dank der unglaublichen Tapferkeit der überwiegend sehr jungen Grenzschutzsoldaten sind die Gefechte an der Grenzkontrollstelle Kosare für immer in die Geschichte eingegangen, wie auch die Namen der 108 jungen Männer, die aus dem Kosovo nie zurückkehren konnten. Einer von ihnen ist Tibor Cerna aus Debeljaca.

    Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen jugoslawischen und kosovarischen Grenzschützern, die von der „Befreiungsarmee des Kosovo“ unterstützt wurden, hatten noch vor den Nato-Bombardements begonnen. Die jugoslawischen Grenzschützer versuchten, die Waffenlieferungen aus Albanien nach Kosovo zu unterbinden.

    Besonders grausam und langwierig waren die Gefechte unweit des Grenzpostens Kosare: Sie dauerten vom 9. April bis zum Ende der Nato-Operation, also bis 10. Juni an. Die Soldaten, die die Gefechte bei Kosare überlebten und den albanischen Terroristen den Weg versperren konnten, nennen die damaligen Ereignisse „die Hölle von Košare“.

    Die Kämpfer der „Befreiungsarmee des Kosovo“ versuchten, mit ihrem überrumpelnden Angriff die jugoslawischen Soldaten zu einer Antwort zu provozieren sie und ins offene Gelände zu locken, wo sie von den Nato-Fliegern bombardiert werden könnten.

    Am 24. Juni 1998 hatte der junge Ungar aus dem Dorf Debeljaca im serbischen Vojvodina seine Familie und seine Folk-Band verlassen, um seinen Wehrdienst zu leisten. Er wurde in die Region Kosovo geschickt, zunächst nach Pec und dann weiter in den Süden, nach Djakovica an der albanischen Grenze.     

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    Obwohl die militärische Ausbildung der Rekruten ein halbes Jahr dauern sollte, fand er sich nur zwei Monate nach seinem Soldateneid an der Front wieder.

    „Bei der Vereidigung hatten sie schon ‚Skorpione‘ (tschechische Maschinenpistolen, die in den 1980er-Jahren in Lizenz in Jugoslawien hergestellt wurden), und am Tag der Vereidigung waren sie schon zu 100 Prozent bereit, in die Gefechte zu ziehen“, erinnerte sich Tibors Vater Jozef Cerna. „Dank unseren Kontakten konnten wir verhindern, dass er an die Front geschickt wird. Aber er war stur – und eines Tages kehrte er aus dem Kosovo in einem Sarg heim.“

    Junge Kerle, die erst 18 bis 22 Jahre alt waren, kämpften bis zum letzten Blutstropfen um Kosare, wobei ihnen ein Gegner, der zahlenmäßig zehn Mal stärker war, Widerstand leistete. Dabei waren sie Panzer- und Minenangriffen der Nato ausgesetzt und wurden mit Bomben beworfen. Ihre Aufgabe war es aber, um jeden Preis ihre Stellungen zu verteidigen.                                                                                            

    „Sie krochen in diesem Schnee herum, gruben Tunnel und Gruben aus. Sie hatten keine Möglichkeiten, sich zu wärmen. Manchmal hatten sie drei Tage lang kein Essen und Trinken. Manchmal fehlte ihnen die Munition. Für die Armee waren sie so etwas wie ‚Kollateralschäden‘ – man hatte sie längst aufgegeben“, so der Vater von Tibor Cerna.

    An jenem Tag fiel in den Graben, in dem Tibors Kameraden saßen, eine Handgranate. Um ihnen zu helfen, verließ Tibor Cerna sein Versteck – und wurde sofort von einem Scharfschützen angeschossen.

    „Er wollte den Freiwilligen helfen, sie in seinen Graben schleppen, weil sie um Hilfe gebeten hatten. Es gab den Befehl, die Verstecke nicht zu verlassen. Aber Tibor ging ihnen trotzdem zur Hilfe. Er sagte seinen Kameraden: ‚Ihr könnt hier bleiben, ich schaffe das selber.“ Und ging los. Man erzählt, dass er sich selbst einen Verband anlegen wollte und sogar eine Binde hervorgeholt hätte. Aber dann ging er plötzlich in die Knie, weil er keine Kräfte mehr hatte“, erzählte Tibors Mutter Kata Cerna.

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    Tibor war schwer verletzt, aber er konnte noch durchhalten. Doch dann kam ein zweiter Schuss, und er wurde am Hals verletzt. Dank seines Opfers konnte jedoch der Scharfschütze entdeckt und außer Gefecht gesetzt werden.

    „Ich verfüge über Informationen, dass meinen Sohn kein Albaner, sondern ein Söldner getötet haben soll. Ob das wahr ist oder nicht, weiß ich nicht“, sagte Kata Cerna weiter. „Aber man sagt, dass es hier auch ausländische Söldner gegeben haben soll, und dass er von einem solchen Söldner aus einem westlichen Land getötet wurde.“

    Von der Beteiligung ausländischer Kämpfer an den Gefechten um Kosare zeugen auch die offiziellen Angaben über die Verluste der terroristischen „Befreiungsarmee des Kosovo“. Unter den Gefallenen werden zwei Nato-Militärs genannt.

    „Ich bin selbst zu 50 Prozent Deutsche. Und ich habe nach Tibors Tod meinen Verwandten geschrieben: Euretwegen muss dieses Volk wieder leiden, und mit ihm hat auch mein Sohn gelitten. Und es spielt keine Rolle, dass ich keine Serbin bin. Ich wurde hier geboren, wie auch mein Vater und meine Großmutter“, so Tibors Mutter weiter.

    Wenige Tage nach dem Tod von Tibor Cerna begann die jugoslawische Armee eine Gegenoffensive gegen die „Befreiungsarmee des Kosovo“, um ihre Stellungen bei Kosare zurückzugewinnen. Doch die Nato-Fliegerkräfte bewarfen sie mit Streubomben. Mehr als 40 Soldaten wurden dabei verletzt. Acht von ihnen starben später.

    Als Tibor Cernas Leichnam an seine Verwandten übergeben wurde, waren keine hochrangigen Militärs dabei. Er wurde ohne militärische Ehren bestattet. Aber der Staat hat Tibor und seine Kameraden nicht vergessen. Für ihren Mut wurden sie posthum mit Medaillen ausgezeichnet. In Debeljaca wurde für Tibor ein Denkmal aufgestellt.

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    Tags:
    Helden, Gefechte, Terroristen, Krieg, Opfer, NATO, Jugoslawien, Kosovo