08:40 24 April 2019
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    Warum der Westen sein Feindbild Russland pflegt und wozu er es braucht

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    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Russland wird „für alle Todsünden der Welt verantwortlich gemacht“, stellt der Moskauer Publizist Wladimir Miljutenko in der Zeitschrift „Wostok“ fest. Wie er beschäftigt sich auch der Osteuropa-Experte Reinhard Lauterbach in der Zeitschrift „Hintergrund“ mit den Ursachen für die Russophobie des Westens und den Interessen dahinter.

    Gibt es irgendwo unerwünschte Wahlausgänge, Anschläge, gestohlene Daten, Probleme und Krisen, dann kann nur Moskau dahinter stecken. Ob das stimmt oder nicht: Seit geraumer Zeit gilt im Westen in solchen Fällen das Prinzip: „Cherchez le Russe“ – „Suche den Russen“, stellt der Journalist und Osteuropa-Korrespondent Reinhard Lauterbach fest.

    Das Ganze ist Teil der Pflege des Feindbildes Russland, schreibt er in einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Hintergrund“ (1/2019). Darin geht er der Frage nach, „warum es genau dieses Feindbild ist und kein anderes“. Der Westen fühle sich vom „Gespenst der Multipolarität“ gestört, von dem Moskau anhaltend spricht.

    Die einstige Systemfrage sei „seit 1991 erledigt, als die Sowjetunion ihren konkurrierenden Gesellschaftsentwurf aufgab und sich der allein selig machenden Lehre des Kapitalismus anschloss.“ Russland  wolle sich seitdem „in den Weltkapitalismus integrieren“. Das beantworte der Westen aber mit immer neuen Vorbedingungen. Die Folge: „Russland wurde insbesondere durch die Sanktionen auf einen Weg paralleler kapitalistischer Entwicklung mehr gestoßen, als dass es ihn gewählt hätte.“

    Westliche Doppelmoral statt Dialog

    Westliche Kritik an Russland laufe darauf hinaus, dass es dort anders zugehe „als es die idealistischen Verbrämungen imperialistischer Politik verlangen“. Das führe dazu, dass dem Land Dinge vorgeworfen werden, die anderen verziehen oder bei diesen ignoriert werden. So sei das Problem der Korruption in der vom Westen unterstützten Ukraine nicht minder groß. Und: „Notorische Mafiastaaten wie Kosovo oder Montenegro erfreuen sich wohlwollender westlicher Betreuung“, so der Autor. „Korruption stört den Westen also nicht, wenn sie auf der geopolitisch richtigen Seite auftritt.“

    Zu den Vorwürfen gegen Moskau, für Hacker-Angriffe auf fremde Computernetze verantwortlich zu sein, erinnert Lauterbach, das sei das Kerngeschäft aller Geheimdienste – „mit der NSA an der Spitze“. Bundeskanzlerin Angela Merkel, selbst davon betroffen, habe dazu nur gesagt: „Das Ausspähen von Freunden geht gar nicht.“

    Ähnlich ist es laut dem Autor bei dem Vorwurf, Russland führe Krieg in seiner Nachbarschaft. Er verweist auf Saudi-Arabien und Israel als Beispiele. Aber selbst die USA wären ein Beleg für sein Fazit, es gebe „keine Scheußlichkeit, die der Westen Russland anlastet, die er nicht selbst begeht oder zumindest durchgehen lässt“.

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    Leichteres Kriegführen statt Friedensordnung

    Der Osteuropa-Korrespondent hat lange Zeit für öffentlich-rechtliche Rundfunksender gearbeitet und schreibt heute vor allem für die Tageszeitung „junge Welt“. Er widerspricht dem westlichen Vorwurf, Russland habe die Friedensordnung in Europa nach 1990 verletzt, weil es die Krim „annektiert“ habe. Das sei gleich mehrfach verlogen.

    Aus seiner Sicht sei nach dem Ende der Sowjetunion keine Friedensordnung eingetreten, „sondern das Kriegführen leichter geworden“. Lauterbach meint: „Die ‚Friedensordnung von 1991‘ hat der Sowjetunion und Russland als ihrem größten Nachfolgestaat eine Niederlage bereitet, die nicht nur materiell, sondern auch bezüglich der politischen Demütigung des unterlegenen Gegners dem nahekommt, was die Gegner des deutschen Kaiserreiches dem republikanischen Nachfolgestaat im Jahr 1919 in Versailles aufzwangen.“

    Der Autor erinnert an die russischen Einwände gegen den westlichen Krieg um den Kosovo 1999 und dagegen, dass der Westen die Abtrennung dieses Gebietes von Serbien unterstützt. Doch das sei ebenso missachtet worden wie das Nein Moskaus zum Krieg gegen Libyen 2011. Mit Letzterem habe der Westen den Rubikon überschritten: „Noch einmal würde Russland vergleichbaren Alleingängen des Westens nicht tatenlos zusehen.“

    Westliche Arroganz statt Akzeptanz

    Als Präsident Wladimir Putin 2007 auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor den Folgen dieser westlichen Ignoranz warnte, war genau diese die Reaktion. Der erste tatsächliche Warnschuss gegen den Nato-Kurs sei der Fünftagekrieg 2008 in Georgien gewesen, bei dem russische Truppen den georgischen Überfall auf Südossetien zurückschlugen.

    Doch diese Warnung habe nicht gereicht. „Der Westen nahm zwar zur Kenntnis, dass weitere Expansionsschritte in Osteuropa nicht mehr so glatt ablaufen würden wie bisher. Verzichtet haben Nato und EU auf solche Versuche deshalb noch lange nicht.“ So sei es in der Folge 2013 zur Krise um die Ukraine gekommen, die von der EU vor die Wahl gestellt wurde: Brüssel oder Moskau. Der Rest ist bekannt, auch dass Russland verhinderte, dass es nach dem westlich unterstützten Putsch in Kiew die Basis seiner Schwarzmeer-Flotte auf der Krim und damit den offenen Zugang zum Schwarzen Meer verliert.

    Lauterbach erinnert in seinem Beitrag auch daran, dass zur vermeintlichen Friedensordnung nach dem Ende des Kalten Krieges die ukrainische Blockfreiheit gehörte – „und nicht eine Ukraine auf Nato-Kurs. Davon redet im Westen niemand.“

    Russischer Widerstand statt Stillhalten

    Er macht deutlich, was der Kern des Konfliktes zwischen dem Westen und Russland ist: Letzteres setze der westlichen Expansion nicht mehr nur rhetorisch, sondern inzwischen praktisch Widerstand entgegen. Deshalb könne das Verhältnis beider Seiten nicht mehr durch einen einfachen Neustart, ein „Reset“, verbessert werden.

    Zum westlichen Vorwurf, dass Russland sich von Europa abgewandt habe, schreibt er: „Die Ironie besteht darin, dass Putin ursprünglich ein russischer Westler und ‚Europäer‘ wie aus dem Bilderbuch war.“ Doch „sein Werben um eine gleichgewichtige Einbeziehung seines Landes in den Westen“ habe dieser oft zurückgewiesen. Es sei außerdem „mit klassischer Hegemonialpolitik“ beantwortet worden.

    Das habe Putin gezwungen, Russland zu etwas zu machen, „was er überhaupt nicht vorhatte: einen ‚Gegenpol‘ zum westlichen Unilateralismus“. Das ist wie die russische Debatte um eine „orthodox-slawische Zivilisation“ für Lauterbach „Folge und nicht Ursache dieser Entwicklung“. Das gelte ebenso für die Allianz zwischen Moskau und Peking, die sich trotz aller Probleme im Verhältnis beider herausbilde.

    „Es geht den USA darum, die eigene Hegemonie zu sichern, solange das noch geht, und jeden zu ‚bestrafen‘ – mit welchem Recht eigentlich? –, der eigene Ambitionen entwickelt: ob Russland, Iran, Nordkorea oder China. Nicht einmal die Bundesrepublik ist von diesem Furor ausgenommen, wenn sie die Frechheit besitzt, russisches Gas zu beziehen.“

    Der Autor meint, die mögliche künftige „multipolare Weltordnung“ dürfe nicht nur schöngeredet werden, wie es in Moskau geschehe. Eine solche Weltordnung mit mehreren Polen erinnere an die Situation vor dem Ersten Weltkrieg. „Ob, wie Russland offenkundig hofft, daraus ein System abgesprochener Interessensausgleiche werden kann, steht allerdings keinesfalls fest.“ Lauterbach erinnert warnend, dass die damalige deutsche Führung vor dem Ersten Weltkrieg lieber gleich in den Krieg zog als einem möglichen späteren nicht gewachsen zu sein, wie sie glaubte.

    Historische Wurzeln der Russlandfeindlichkeit

    Die von Lauterbach im „Hintergrund“-Heft beschriebene russlandfeindliche Haltung und Politik des Westens bleibt nicht ohne Folgen, auch in der russischen Gesellschaft nicht. Darauf macht der Moskauer Publizist Wladimir Miljutenko im aktuellen Heft (4/2018) der Zeitschrift „Wostok“ aufmerksam. Diese bietet seit den 1990er Jahren „Informationen aus dem Osten für den Westen“.

    Die Russophobie als „Sturmbock des Informationskrieges“ habe „Wurzeln weit in der Geschichte“ und ziele darauf ab, „die reiche Kulturnation zu zerstören“. In seinem  Beitrag beschreibt er, wie sich die russlandfeindliche Ideologie „im Westen über die Jahrhunderte in der Darstellung der bösen Natur des russischen Volkes herausgebildet hat“. Aktuell gelte: „Die westlichen Eliten sind enttäuscht, dass Russland nicht bereit ist, dem Beispiel westlicher Demokratien zu folgen.“ Deshalb werde Moskau schuldig für alle Probleme der USA und der EU gesprochen.

    Selbst nachdem die ersten Europäer in vergangenen Jahrhunderten das „ferne, geheimnisvolle Volk“ der Rus im Osten kennenlernten, sei dessen Porträt „häufig verächtlich und durchsetzt von vergifteten Untertönen“ gezeichnet worden. Der Habsburger Botschafter Siegmund Freiherr von Herberstein habe im 16. Jahrhundert einen Klassiker der Negativbeschreibung des Russischen Reiches veröffentlicht, seine „Rerum Moscoviticarum Commentari“.

    Jahrhunderte alte Erscheinung

    Schon damals galt: „Kriege und Konfrontation im Zentrum Europas waren ein guter Grund für die Zeichnung eines negativen Russlandbildes.“ Vor allem der polnische Kleinadel habe in den vergangenen Jahrhunderten viel dazu beigetragen und „Moskowien als Gegeneuropa, als schreckliches und gefährliches Land“ dargestellt. Die Russophobie existiere seit damals „bis heute in den polnischen Eliten fort“, so Miljutenko.

    Er geht auf die ähnlichen Erscheinungen in der Ukraine ein. Die russlandfeindliche Ideologie sei „in mehr oder weniger hoher Intensität in verschiedenen historischen Etappen in vielen Ländern“ zu finden. So habe die aktuell wieder ausgebrochene britische Variante ebenfalls Wurzeln in den Geschehnissen vergangener Jahrhunderte.

    Milijutenko erinnert an mehrere historische Versuche Großbritanniens, Russland zu schaden. Dazu zählt er unter anderem den geheimen Vorschlag von Winston Churchill vom Mai 1945 für den Plan „Unthinkable“: Der sah einen Angriff angloamerikanischer Truppen mit Hilfe deutscher Divisionen auf die UdSSR vor, galt den Militärs aber als nicht durchführbar.  Heute werde „eine ‚Informationsgranate‘ nach der anderen vom Ufer der Themse“ gegen Moskau abgeschossen.

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    Deutsche Verbrechen als Folge

    In Deutschland sei die Russophobie „bereits lange vor dem Kalten Krieg kultiviert“ worden, so der Autor. Der deutsche Faschismus habe mit seiner menschenverachtenden und -vernichtenden Sicht auf die „russischen Untermenschen“ auf alte Traditionen zurückgegriffen. Und: „Der ‚Generalplan Ost‘ war die Quintessenz der westlichen Russophobie.“

    Anderthalb Jahrhunderte lang, von 1762 bis 1914, haben Deutschland und Russland friedliche Beziehungen zueinander gepflegt, so Miljutenko. Dazu hätten besonders Otto von Bismarck und Alexander Michailowitsch Gortschakow beigetragen. Nach dem Bruch dieser Beziehungen habe sich das Schlechte durchgesetzt, bis hin zu den faschistischen Vernichtungsplänen gegen die Sowjetunion.

    Leider habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg bei allen positiven Veränderungen die Russophobie in einem Teil der älteren Generation erhalten und „in den Köpfen junger Deutscher“ festgesetzt, bedauert der Autor. „In den letzten Jahren der Merkel-Ära hat sich die antirussische Ausrichtung der deutschen Politik verfestigt.“ Zudem würden bundesdeutsche Medien „Russland und das russische Volk in negativen Farben und abschätzigen Tönen“ zeigen.

    Hoffnung auf Vernunft als Gegenmittel

    Der Autor schreibt, in Umfragen sage die übergroße Mehrheit der Deutschen, die ständig in der russischen Hauptstadt arbeiten würden, deutsche Medien würden ein falsches Bild von Russland zeichnen. Die bundesdeutsche Gesellschaft sei bei der Frage nach dem Verhältnis zu Russland gespalten. „Nicht alle möchten nach den neuen Regeln spielen, die ihnen von Übersee aufgezwungen werden“, so Miljutenko.

    Während die Berliner Politik den Kreml für alles Mögliche beschuldige, würden Wirtschaftskreise mehr Dialog und bessere Beziehungen zu Moskau fordern. Europa könne eine friedlichere und stabilere Zukunft bevorstehen, wenn in der bundesdeutschen Elite wieder die Vernunft Oberhand gewinne, schätzt der Autor ein. Er empfiehlt, die Ostpolitik von Willy Brandt und seinen Nachfolgern im Kanzleramt bis zu Helmut Kohl wieder fortzusetzen.

    Doch der Westen hat laut Miljutenko die Russophobie „an die Stelle von Antisowjetismus und Antikommunismus“ gesetzt. Er schlägt vor, ein Konzept in die russische Gesetzgebung aufzunehmen, um die Bevölkerung vor der russlandfeindlichen Ideologie zu schützen. Diese wirke inzwischen selbst in der eigenen Gesellschaft, wie er zeigt.

    Am Ende zitiert der Autor eine Prognose von Fjodor Tjutschew aus dem Jahr 1835, laut der Russland nach „langer Einsamkeit“ „ein geistiger Mittelpunkt Europas“ wird, mit einer „kommenden Mächtigkeit, die auf dem Verstand gründet“. Er selbst meint: „Doch dafür brauchen wir Stabilität in der Welt, eine Atmosphäre des Vertrauens und gegenseitig vorteilhafte Zusammenarbeit. Dann wird der manische Eifer der Russophobie verschwinden, der Besitz von den politischen Eliten ergriffen hat, aber fast keinen normalen Bürger berührt.“

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    Tags:
    Europa, Wladimir Putin, Münchner Sicherheitskonferenz, Unterstützung, Kosovo, Krim, Frieden, Korruption, Doppelmoral, Kapitalismus, UdSSR, Vorwürfe, Russophobie, Feindlichkeit, Westen, Russland