11:12 21 April 2019
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    Immer mehr Frauen in Deutschland Opfer von Gewalt – wird Joggen zum gefährlichen Hobby?

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    Gesellschaft
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    Sascha Konkina
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    Bei Oldenburg in Bloherfelde ist ein Mädchen von einem Mann beim Joggen mit einem Messer bedroht worden. Die Polizei in Niedersachsen fahndet nach dem Täter. Auch in den anderen Bundesländern sind Überfälle auf Joggerinnen kein neues Thema.

    Dabei ist das Joggen selbst nur ein kennzeichnendes Beispiel. Obwohl Innenminister Seehofer Deutschland als eines der sichersten Länder der Welt erklärte, bleiben viele Orte für Frauen immerhin gefährlich.

    „Ich dachte, es war ein Albtraum“

    Im Jahr 2016 wenige Tage vor Heiligabend wurde eine Frau im Englischen Garten in München beim Joggen überfallen. Nach zwei Jahren teilte sie vor Gericht ihre drastischen Erinnerungen: „Meine letzte Erinnerung ist, dass wir beide zu Boden gingen.“ Die Tat selbst habe sie nicht mitbekommen. „Als ich zu mir kam, dachte ich, ich liege im Bett und es war ein Albtraum. Doch dann merkte ich: Ich bin im Wald. Ich war voller Laub und Dreck, meine Hose hing an den Knien.“

    Im Jahr 2017 wurde eine Joggerin in einem Park in Leipzig vergewaltigt. Die 50-Jährige wurde am helllichten Tag plötzlich von hinten von einem Mann überfallen, zusammengeschlagen, in den Wald gezerrt und missbraucht. Nach der Tat sei der Täter in eine unbekannte Richtung geflüchtet. Damals sagte ein Sprecher der Polizei: „Es wäre besser, zu zweit joggen zu gehen oder zumindest zu schauen, ob immer jemand anders irgendwo in der Nähe ist.“ Beim Überholen sollten Jogger immer einen Blick zurück werfen, um sicherzustellen, dass man nicht von hinten angegriffen wird. Mit diesen Aussagen machte die Polizei Schlagzeilen. Später ruderte sie aber zurück: „Gehen Sie bitte weiter joggen, gehen sie auch alleine, das ist überhaupt kein Problem.“ Doch die Statistik meint es anders.

    Eine traurige Tendenz

    Die Vorfälle wiederholten sich seitdem: Hamburg, Ingolstadt, Münster, Gladbeck,  Kulmbach, Dortmund, Berlin. Das Szenario ist immer das gleiche: Der Täter überfällt die Joggerin von hinten und versucht, sie brutal zusammenzuschlagen.

    Sollen nun die Frauen nicht mehr alleine joggen? Und was tut der Staat, um solche Fälle zu verhindern?

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    Keine Strafe für Vergewaltiger?

    Die Polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet für das Jahr 2017 9.985 Fälle von Vergewaltigung beziehungsweise sexueller Nötigung. Die Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ geht aber bei einer geschätzten Dunkelziffer von 160.000 Vergewaltigungen jährlich aus. Auf Anfrage von Sputnik legte das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz die Strafverfolgungsstatistik vor. Im Jahr 2017 wurden 606 Personen wegen der sexuellen Vergewaltigung in Deutschland verurteilt. Das heißt, dass nur etwa sechs Prozent der Täter verurteilt wurden.

    „Der Großteil der vergewaltigten Frauen zeigt die Tat nicht an“, erklärte Katharina Göpner vom Frauenhilfeverband. Das ganze Thema sei sehr schambesetzt. Weil es die eigene Integrität betrifft, sei es für viele schwer, darüber zu sprechen. Dem stimmt Professor Christian Pfeiffer aus dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen zu: „Die Verurteilungshäufigkeit  nach Vergewaltigungen liegt sehr niedrig.“ Die Hauptursache sieht er aber anders: „Es handelt sich bei den meisten angezeigten Vergewaltigungen um Tatverdächtige, die mit dem Opfer vorher bereits in einer sozialen Beziehung stehen. Und so kommt es dann leider sehr oft zu Einstellungen des Verfahrens.“

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    Das Netz reagiert: Joggen? Seid ihr verrückt? Viel zu gefährlich

    Wenn man „joggerin“ bei Google antippt, bekommt man solche Suchergebnisse:

    © Foto : Screenshot

    Mit dem Hashtag „joggerin“ bekommt man auf Twitter auch nicht nur Sporttipps

    Für Medien-Hype sorgten letztes Jahr die sogenannten „Safe Shorts“: Eine Frau aus Oberhausen bot unter dem Namen „Safe Shorts“ eine mit Vorhängeschloss gesicherte Laufhose an, die Frauen vor Vergewaltigung schützen soll. Ob aber die Safe Shorts wirklich die Lösung gegen Vergewaltigungen ist, stellen viele Kritiker in Frage.

    Experten: Die Dunkelziffer der Vergewaltigungen ist sehr hoch

    Der Bundesverband „Frauen gegen Gewalt“ weist darauf hin, dass es keine offiziellen Zahlen darlegen, wie häufig es vorkomme, dass Frauen beim Joggen vergewaltigt werden, die Dunkelziffer sei aber sehr hoch. „Der Staat muss Frauen und Mädchen vor Gewalt schützen. Leider ist das noch nicht der Fall – Frauen und Mädchen sind noch immer sehr oft von Gewalt betroffen“, betonte Katharina Göpner gegenüber Sputnik. „Wir finden es aber wichtig, nicht nur zu fragen, wie Frauen sich vor Übergriffen schützen können, sondern auch zu fragen, wie Männer und potenzielle Täter davon abgehalten werden können, Gewalt auszuüben.“

    Das eigene Heim, die eigene Wohnung werden für Frauen immer noch am gefährlichsten. Dabei gebe es natürlich auch immer wieder Fälle, die anders ausfallen, wie bei den Jogging-Fällen, erklärte Nastassja Wachsmuth, Referentin bei Frauenorganisation „Terre de femmes“ im Sputnik-Interview. „Der Staat muss dringend mehr dafür tun, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen verhindert wird, dass alle Fälle ausnahmslos aufgeklärt werden und Täter strafrechtlich verurteilt werden. Es ist nicht die Aufgabe von Frauen, sich vor Gewalt zu schützen. Der Staat muss dies gewährleisten.“

    Alle drei Minuten werde in Deutschland eine Frau vergewaltigt, so „Terre de femmes“. Diese Aussage mag wohl eine Übertreibung sein, doch die erschreckende Vergewaltingungsstatistik der letzten Jahre spricht für sich selbst.

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    Tags:
    Vergewaltigung, Opfer, Bedrohung, Messer, Frauen, Deutschland