23:31 19 November 2019
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    Muslime in Deutschland (Archivbild)

    Ostdeutsche und Muslime Bürger zweiter Klasse?

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    Jeder dritte Ostdeutsche und jeder dritte Muslim fühlt sich laut einer Studie als Bürger zweiter Klasse. Westdeutsche werfen laut der Studie den beiden Gruppen vor, sich zum Opfer zu stilisieren. Altbundespräsident Gauck meint, bei den Ostdeutschen fehlt es an Wettbewerbsmentalität.

    Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ostdeutschen und Muslimen. Beide Minderheitengruppen fühlen sich eher ausgegrenzt und benachteiligt, haben häufiger schlechter bezahlte Jobs und beziehen öfter Sozialleistungen als Westdeutsche.

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    Schräger Vergleich

    Der Psychoanalytiker Dr. Hans-Joachim Maaz hält den Vergleich zwischen Ostdeutschen und Muslimen für „Quatsch“. Der Experte für die Befindlichkeiten der Ostdeutschen sagte im Sputnik-Interview:

    „Ich finde diesen Vergleich zwischen Ostdeutschen und Muslimen schräg. Das sind unterschiedliche Themen. Ost- und Westdeutsche — das ist ein deutsches Problem, entstanden durch die unterschiedlichen Sozialisationen nach dem Zweiten Weltkrieg in kapitalistischen und sozialistischen Gesellschaftssystemen.“

    Bürger zweiter Klasse

    Sowohl Menschen mit Migrationshintergrund als auch Ostdeutsche würden sich oft als „Bürger zweiter Klasse" fühlen, heißt es weiter in der Studie. Ungefähr ein Drittel der Befragten teilt diese Auffassung. Die Forscher des Zentrums erkennen bei beiden Gruppen neben strukturellen Nachteilen wie geringerem Lohnniveau oder höherer Arbeitslosigkeit auch eine "soziale, kulturelle und identifikative Abwertung".

    Zum Gefühl vieler Ostdeutscher als „Bürger zweiter Klasse“ meint Maaz:

    „Die Ostdeutschen haben sich ja schon vor der Wende als benachteiligt empfunden durch Einschränkungen der Freiheiten, Konsummöglichkeiten und so weiter. Da gab es also schon so eine Art kollektives Minderwertigkeitsgefühl. Das wurde mit der Wiedervereinigung nicht aufgelöst sondern langfristig eher noch verstärkt, eben auch dadurch, dass alle Führungspositionen von Westdeutschen besetzt wurden.“

    Überhebliche Wessis

    Westdeutsche werfen laut der Studie den beiden Gruppen vor, sich zum Opfer zu stilisieren. 36,5 Prozent der Westdeutschen sagen das über Ostdeutsche und 41,2 Prozent über Muslime. „Ostdeutschen wird ähnlich oft wie Muslimen vorgeworfen, dass sie sich ständig als Opfer sehen“, sagt Prof Dr. Naika Foroutan, Leiterin des DeZIM-Instituts. "Westdeutsche erkennen die Lage der Ostdeutschen nicht an und ignorieren die Wunden der Wiedervereinigung", heißt es in der Studie. 36,4 Prozent der Westdeutschen finden außerdem, dass Ostdeutsche noch nicht richtig im heutigen Deutschland angekommen sind. Von Muslimen denken dies sogar 58,6 Prozent der Westdeutschen.

    Die Analyse ist der erste Teil der Reihe Ost-Migrantische Analogien. Für die Studie haben die Forscher über 7.200 Menschen in Telefoninterviews befragt.

    Zur Einschätzung der Westdeutschen gegenüber Ostdeutschen meint der Psychoanalytiker Maaz:

    „Das ist ein verheerendes Urteil. Das ist eine arrogante Überheblichkeit, die wohl mit den unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen zu tun hat. Die Ostdeutschen sind anders aufgewachsen und sozialisiert worden, als die Westdeutschen.“

    Katja Kipping, die Vorsitzende der Partei DIE LINKE kritisiert:

    „Herablassend auf andere  zu blicken, wie es laut der Studie viele Westdeutsche tun, verstärkt bei den Ostdeutschen eher das Gefühl der Abwehr.“

    Die Linken-Chefin wirbt für mehr Austausch zwischen West und Ost:

    „Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung ist es wirklich an der Zeit, einander zuzuhören und die  jahrzehntelange Abwertung und Nichtanerkennung auf allen Ebenen zu beseitigen. Herablassung muss dem gegenseitigen Interesse am Anderen weichen.“

    Ossis fehlt der „absolute Durchsetzungswille“

    Nach Ansicht von Altbundespräsident Joachim Gauck fehle es den Ostdeutschen an einer Wettbewerbsmentalität wie im Westen; ihnen fehle "dieser absolute Durchsetzungswille". Dies sagte Gauck am Montagabend in Berlin bei der Premiere der ZDF-Dokumentation "30 Jahre Mauerfall – Joachim Gaucks Suche nach der Einheit". 

    Der Psychoanalytiker Maaz kritisiert, dass dies bei Gauck so klingt, „als wenn das ein Makel wäre“.

    Maaz fragt: „Vielleicht ist es aber auch einfach nicht die Wunschvorstellung vieler Ostdeutscher, immer konkurrieren zu wollen und sich durchsetzen zu müssen?“

    Braucht es eine Ostquote?

    Im Live-Gespräch mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey nach der Filmvorführung am Montag in Berlin lehnte der 79-Jährige Ex-Bundespräsident, der selbst aus dem Osten stammt, auch eine Ostquote für die Besetzung von führenden Positionen ab. Laut Ansicht des ehemaligen Pfarrers gehe es den Ostdeutschen insgesamt gut und er könne deshalb das Missbehagen der Menschen nicht verstehen.

    Ostdeutsche sind in den Eliten unterrepräsentiert. Genauer wird dies gerade in einem über zwei Jahre laufenden Projekt von Wissenschaftlern mehrerer Universitäten untersucht. Lars Vogel, Politikwissenschaftler an der Universität Leipzig, der das Projekt leitet, nannte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gegenüber folgende Zahlen: in der gesamtdeutschen Wirtschaft seien lediglich 1,6 Prozent der Führungspositionen von Ostdeutschen besetzt und auch in Ostdeutschland selbst seien dies lediglich 33 Prozent. In Verwaltung und Justiz beträgt der Ost-Anteil, laut Vogel, etwa fünf Prozent – in Ostdeutschland selbst 13 Prozent. Und auch in der Wissenschaft kommen beispielsweise nur 3,8 Prozent aller Soziologie-Professoren aus Ostdeutschland.

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    Ostdeutsche, Studie, Vergleich, Muslime, Opfer, Migranten, ZDF, Die LINKE-Partei, Peter Frey, Hans-Joachim Maaz, Katja Kipping, Joachim Gauck, Ostdeutschland, Deutschland