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00:40 20 Juli 2019
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    Protestmarsch der Rechtsextreme in Chemnitz (Archivbild)

    Hans-Joachim Maaz: "Im Westen spielen Äußerlichkeiten mehr eine Rolle als im Osten"

    © AFP 2019 / John Macdougall
    Gesellschaft
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    Armin Siebert
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    Ein Drittel aller Ostdeutschen und Muslime fühlen sich laut einer Studie als Bürger zweiter Klasse. Der Psychoanalytiker und Experte für die Befindlichkeiten der Ostdeutschen Hans-Joachim Maaz hält es für Quatsch, Muslime und Ostdeutsche in einen Topf zu werfen. Für das Gefühl, ein Bürger zweiter Klasse zu sein, hat er aber schon eine Erklärung.

    Herr Maaz, laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Ostdeutschen und Muslimen in Bezug auf ihren Stellenwert und ihr Selbstempfinden in der Gesellschaft. Ist das nicht Ironie des Schicksals, wo doch den Ostdeutschen eher ein Problem mit Muslimen, mit Fremden nachgesagt wird?

    Ich finde diesen Vergleich zwischen Ostdeutschen und Muslimen schräg. Das sind unterschiedliche Themen. Ost- und Westdeutsche — das ist ein deutsches Problem, entstanden durch die unterschiedlichen Sozialisationen nach dem Zweiten Weltkrieg in kapitalistischen und sozialistischen Gesellschaftssystemen.  Da gab es auf beiden Seiten Vor- und Nachteile. Das ist ein Thema für sich.

    Die Migration ist ein komplexeres Thema. Da gibt es verschiedene kulturelle und religiöse Hintergründe. Hinzu kommen Traumatisierungen durch Krieg oder Vertreibung oder auch Armut, wenn es sich um Wirtschaftsflüchtlinge handelt. Das sollte man mit dem ostdeutschen Thema nicht in einen Topf werfen.

    Laut der Studie fühlt sich ein Drittel der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse. Was macht das mit einem Menschen?

    Die Ostdeutschen haben sich ja schon vor der Wende als benachteiligt empfunden durch Einschränkungen der Freiheiten, Konsummöglichkeiten und so weiter. Da gab es also schon so eine Art kollektives Minderwertigkeitsgefühl. Das wurde mit der Wiedervereinigung nicht aufgelöst, sondern langfristig eher noch verstärkt, eben auch dadurch, dass die meisten Führungspositionen von Westdeutschen besetzt wurden.

    Nach Ansicht von Altbundespräsident Joachim Gauck fehlt es den Ostdeutschen an einer Wettbewerbsmentalität wie im Westen; ihnen fehle "dieser absolute Durchsetzungswille". Ist das der Grund, warum es ihnen oft schlechter geht als Westdeutschen?

    Das klingt bei Herrn Gauck so, als wenn das ein Makel wäre. Vielleicht ist es aber auch einfach nicht die Wunschvorstellung vieler Ostdeutscher, immer konkurrieren zu wollen und sich durchsetzen zu müssen? Dagegen steht eher das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Was in der DDR mit dem Kollektiv eher negativ besetzt war, ist in der positiven Variante, also gemeinschaftlich verbunden zu sein, sich auszutauschen, gleich zu sein, im Osten viel mehr kultiviert worden. Im Westen  musste man sich immer eher darstellen, was man wieder Tolles erlebt oder gekauft oder erreicht hat. Da spielen bis heute Äußerlichkeiten sehr viel mehr eine Rolle als im Osten.

    Manche Menschen, auch in Ostdeutschland, wollen aber durchaus wettbewerbsfähig sein, stoßen aber ab einer gewissen Ebene an Grenzen. Fakt ist, dass sämtliche Führungspositionen in Ostdeutschland in allen Bereichen von Wirtschaft über Bildung bis hin zur Administration noch immer überwiegend von Westdeutschen besetzt sind. Brauchen wir eine Ostquote?

    Quoten lehne ich generell ab, da sie die Ursache des Problems nicht lösen.

    Aber Sie haben Recht, natürlich gibt es auch im Osten Menschen, die konkurrieren wollen, die an die Spitze wollen. Und da ist es natürlich für diese Menschen real kränkend, nicht akzeptiert zu werden und in Führungspositionen zu kommen. Aber auch hier spielt bestimmt eine Rolle, dass es im Osten für viele gar nicht unbedingt erstrebenswert ist, Chef zu werden. Viele wollen ein eher feindseliges Konkurrenzleben gar nicht mitmachen.

    Welche Rolle spielt denn die Herkunft? Sollte nicht eigentlich die Qualifikation entscheidend für den beruflichen Aufstieg sein?

    Die allgemeine Einstellung hat sich ja kaum geändert: Die Menschen im Westen seien reifer, cleverer, selbstbewusster und im Osten war das Leben schlechter und deshalb seien auch die Menschen nicht so frei, entwickelt und befähigt. Diese Vorurteile hängen eben auch damit zusammen, dass der Westen im Kapitalismus von den Menschen eine übertriebene Leistungs- und Konkurrenzmentalität forderte, während im Osten eine übertriebene Bescheidenheit und Unterordnung herrschte. Die gesunde Wahrheit sollte in der Mitte liegen.

    Was sagen Sie zu der Reaktion der Westdeutschen in dieser Studie? Grob gesagt sagen die Westbürger in dieser Umfrage, dass die Ostdeutschen und Migranten selber Schuld sind.

    Das ist ein verheerendes Urteil. Das ist eine arrogante Überheblichkeit, die wohl mit den unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen zu tun hat. Die Ostdeutschen sind anders aufgewachsen und sozialisiert worden, als die Westdeutschen. Anstatt die Andersartigkeit der Ostdeutschen zum Anlass zu nehmen, den eigenen Lebensstil zu hinterfragen, werden die Ostdeutschen, die einem einen Spiegel vorhalten, abgewertet.

    Nun kommt ja in den letzten Jahren hinzu, dass der Osten berühmt-berüchtigt geworden ist durch die Proteste, durch Pegida, das Wählen der AfD. In diesen Protesten schwingt jedoch auch ein Protest mit gegen den Umgang des Westens mit dem Osten, wie auch gegen die Euro- und Migrationspolitik. Es ist also hier der Osten, der dem Westen den politischen Spiegel vorhält und sagt: Schaut doch mal genauer hin, da gibt es Probleme. Ich glaube, auch deshalb wächst im Moment wieder die Ablehnung und Kritik gegen Ostdeutsche.

    Das Interview mit Hans-Joachim Maaz zum Nachhören:

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    Tags:
    Ostdeutsche, Neue Bundesländer, Migration, Studie, Scheitern, Integration, Muslime, Migranten, Islam, Hans-Joachim Maaz, Ostdeutschland, DDR, Deutschland