08:38 24 April 2019
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    Imam in einer Moschee in Deutschland (Archivbild)

    Geistliche bei Bundeswehr: Sollen nach Rabbinern nun Imame kommen?

    © AP Photo / Martin Meissner
    Gesellschaft
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    Sascha Konkina
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    Bald sollen in den deutschen Streitkräften Militärrabbiner tätig werden. Geplant ist auch die Einstellung muslimischer Seelsorger. Welche Rolle spielen Geistliche in der Armee? Sollen nun auch buddhistische Mönche kommen? Sputnik klärt auf.

    Militärgeistliche – wer sind sie?

    Der Militärgeistliche ist kein neues Thema in Deutschland. Die rechtliche Basis der Militärseelsorge ist das im Grundgesetz verankerte Recht auf ungestörte Religionsausübung.

    In der Bundeswehr wirken bereits seit Jahrzehnten Priester und Pastoren. Sie sind Angehörige der Bundeswehr, haben aber keinen militärischen Rang. „Zu den zentralen Aufgaben Soldatenseelsorge gehört die Schärfung und Beratung der Gewissen im Sinn der friedensethischen Urteilsbildung der Kirche. Dem dienen Einzelseelsorge und Rüstzeiten ebenso wie der von Militärgeistlichen wahrgenommene „Lebenskundliche Unterricht“, heißt es in der Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche, die Sputnik vorliegt.

    Bisher gab es jedoch nur evangelische und katholische Militärseelsorge.

    Rabbiner in Uniform

    „Feldrabbiner“ gab es im deutschen Kaiserreich schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs – damals kämpften 100.000 jüdische Soldaten für Deutschland, rund 12.000 fielen. Rabbiner Leo Baeck, zu seiner Zeit der bedeutendste Vertreter des Judentums in Deutschland, war einer von ihnen. 1943 wurde Baeck in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt.

    Nach rund hundert Jahren können Militärrabbiner erstmals wieder in deutschen Streitkräften Dienst tun. Diese Woche erklärte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, dass die Bundeswehr Militärrabbiner für die etwa 300 jüdischen Soldaten einführen würde, um der „gewachsenen Vielfalt“ in den Reihen der Soldaten Rechnung zu tragen. „Überall in Deutschland blüht wieder jüdisches Leben. Das ist ein großes Geschenk“, so von der Leyen.

    Der Beauftragte für jüdisches Leben in Deutschland, Felix Klein, begrüßte die Zusage der Bundesregierung und forderte zugleich jüdische Seelsorger für andere Bereiche. „Es handelt sich um einen wichtigen Schritt der weiteren Verankerung jüdischen Lebens als selbstverständlicher Teil der gesellschaftlichen Vielfalt in Deutschland. Die Militärrabbiner werden eine wichtige Rolle im Kampf gegen Antisemitismus bei der Bundeswehr einnehmen.“ Dem positiven Schritt bei der Bundeswehr sollten nun weitere folgen. Jüdische plädiere dafür, eine jüdische Seelsorge nun auch bei der Bundespolizei und den Polizeibehörden der Bundesländer einzurichten. „Ich werde hierzu in den nächsten Tagen Gespräche im Bundesinnenministerium und mit den Bundesländern führen“, gab Klein gegenüber Sputnik zu verstehen.

    Jüdische Seelsorger in den Streitkräften gibt es bereits in den USA, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden.

    Keinen Platz für Imame in der Bundeswehr

    „Militärimame“ haben auch eine sehr lange Geschichte im deutschsprachigen Raum. In Österreich dienten bereits seit dem Jahr 1878 viele Muslime in der österreichisch-ungarischen Armee. Entsprechend waren auch Imame als Seelsorger im Einsatz. 1914 gab es sogar den ersten Militärmufti (mit einem Militärbischof vergleichbar).

    In Deutschland spielten „Militärimame“ während des zweiten Weltkriegs eine besondere Rolle. Ab 1941 rekrutierten sowohl die Wehrmacht als auch die SS Zehntausende Muslime, vor allem, um die Verluste an der Ostfront auszugleichen. Die Militärimame waren nicht nur für die religiöse Betreuung der Rekruten verantwortlich, sondern auch für deren politische Indoktrinierung. Im April 1944 wurde sogar ein Imam-Institut für die Ausbildung geistlicher Führer der Truppe gegründet. „Aber die Geschichte von Muslimen in der Wehrmacht und SS ist heute außerhalb der Geschichtswissenschaft immer noch weitgehend unbekannt“, kommentierte gegenüber Sputnik der Historiker David Motadel, Autor des Buchs „Für Prophet und Führer: Die islamische Welt und das Dritte Reich“.

    Heutzutage steht die Frage mit den Militärimamen wieder auf der Tagesordnung. Im Juli 2011 befürwortete der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime die Einführung von Militärimamen bei der Bundeswehr. Die Bundeswehr vertrat zur gleichen Zeit den Standpunkt, die Anzahl muslimischer Soldaten sei noch zu gering, um eine spezielle Militärseelsorge zu unterhalten. Ein weiteres Problem sei zudem der fehlende Ansprechpartner.

    Nun kündigte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen an, es sei die Einstellung muslimischer Seelsorger für 3000 Bundeswehr-Soldaten muslimischen Glaubens geplant. Ohne eine zentrale Institution für die islamischen Glaubensrichtungen könne aber aus rechtlichen Gründen gegenwärtig kein Vertrag geschlossen werden, so von der Leyen. „Bei der islamischen Seelsorge muss man schauen, wie man die unterschiedlichen Strömungen berücksichtigt, wie man sicherstellt, dass man in Deutschland ausgebildete, für die Bedürfnisse der Bundeswehr mit Zusatzqualifikationen ausgestattete Seelsorger bekommt“, betonte der Wehrbeauftragte des Bundestages, Dr. Hans-Peter Bartels.

    Während Juden und Protestanten über einen Dachverband verfügen, gibt es keine muslimische Zentrale in Deutschland. Die vier größten islamischen Religionsgemeinschaften in Deutschland sind in dem Dachverband „Koordinationsrat der Muslime“ zusammengeschlossen, der von der Politik jedoch nicht anerkannt wird. „Da mangels Vertragspartner auf muslimischer Seite der Abschluss eines Staatsvertrages nicht möglich ist, halte ich den von der Bundesverteidigungsministerin gewählten Weg über Bestellungsverträge mit verschiedenen muslimischen Organisationen für richtig. Ich sehe darin keine Benachteiligung von muslimischen Soldatinnen gegenüber jüdischen Soldaten“, betonte der Beauftragte für jüdisches Leben in Deutschland, Felix Klein, im Gespräch mit Sputnik.

    Wie säkular ist der deutsche Staat?

    Die Einführung der Militärrabbiner sorgte für eine neue Welle an Debatten. In der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen steht, dass ein Militärgeistlicher für je 1500 evangelische Soldaten berufen werde. Diese Regelung werde analog auch auf andere Religionen angewandt. Dann kommt die Frage auf, warum für die etwa 300 jüdischen Soldaten Militärrabbiner eingeführt werden, während es für 3000 Bundeswehr-Soldaten muslimischen Glaubens keinen Militärimamen gibt. Warum haben Soldaten, die eine andere Religion ausüben, keine Militärseelsorge? Und braucht man überhaupt in einer religionsfernen Gesellschaft immer noch Geistliche und Seelsorger gleich welcher Religion?

    Laut dem Grundgesetz besteht in Deutschland keine Staatskirche. Daraus folgt eine Trennung von Staat und Religion. Zugleich enthält das Grundgesetz zahlreiche Vorschriften, die eine Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche vorsehen. Das zeigt, dass dem Verfassungsrecht nicht der Grundsatz einer strikten Trennung von Staat und Kirche zugrunde liegt. Diese Passage wird heute kontrovers bewertet: Befürworter betonen das notwendige Wirken der Kirchen in der Zivilgesellschaft, während Kritiker von der „Kirchenrepublik Deutschland“ reden.

    Darüber wird am 6. April bei der Berliner Stiftungswoche „Wem gehört der Staat?“ diskutiert. Auf der Tagesordnung steht die Frage, ob 100 Jahre nach Verabschiedung der Weimarer Verfassung und 70 Jahre nach Inkrafttreten des Grundgesetzes Schluss mit der Privilegierung der Kirche sein muss.

    „Statt für Nächstenliebe und Gewaltfreiheit zu werben, hilft die Militärseelsorge heute, die Moral der Soldatinnen und Soldaten im Einsatz hochzuhalten“, kritisiert der Geschäftsführer  der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK), Michael Schulze von Glaße. „Damit ist sie leider Teil der Kriegsmaschinerie.“ Walter Linkman, Pressesprecher des Evangelischen Kirchenamts für die Bundeswehr, zeigt sich damit nicht einverstanden: „Die Soldatenseelsorge leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, dass Soldaten und ihre Angehörigen in schwierigen und angefochtenen Lebenssituationen kompetente und qualifizierte Begleitung und Unterstützung erfahren.“

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    Tags:
    Juden, Antisemitismus, Dienst, Armee, Militär, Imame, Rabbiner, Geistliche, Die Grünen, Bundeswehr, Ursula von der Leyen, Deutschland