16:12 13 November 2019
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    Rotschenkel (Symbolbild)

    Nach Insektenrückgang: europaweites Vogelsterben beobachtet

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    „Den Vögeln in Deutschland geht es nicht gut“, weiß die Ornithologin Katrin Böhning-Gaese. Sie hat an einer Studie mitgeschrieben, die belegt, dass gerade die Insektenfresser sehr stark abnehmen. Verantwortlich dafür ist aber nicht das Insektensterben allein.

    Ob Kiebitz oder Bachstelze, Rotschenkel oder Steinschmätzer, Braunkehlchen oder Rauch- und Mehlschwalbe – die Zahl der insektenfressenden Vögel ist in den vergangenen 25 Jahren europaweit deutlich zurückgegangen.

    13 Prozent weniger Insektenfresser

    Einer im Fachjournal „Conservation Biology“ veröffentlichten Studie zufolge sind es durchschnittlich 13 Prozent. Die Biologin mit dem Schwerpunkt Ornithologie, Katrin Böhning-Gaese, Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima-Forschungszentrums, ist Co-Autorin der Studie. Sie warnt im Sputnik-Interview:

    „Insgesamt nehmen die Vögel in der Agrarlandschaft, besonders die Insektenfresser, in ganz Europa ab. Das ist also nicht nur ein deutsches Problem. Der Grund ist auf der einen Seite ganz klar der Verlust der Nahrung, die Insekten nehmen ab. Es gibt aber auch noch mehr Gründe. Die ganze landwirtschaftliche Nutzung hat sich in den letzten Jahrzehnten stark geändert, gerade auch in den letzten zehn Jahren noch einmal. Die Flächen werden immer intensiver bewirtschaftet und es werden sehr effektive Pflanzenschutzmittel eingesetzt.“

    Hauptgrund Landwirtschaft

    Aber auch die Struktur der Landschaft habe sich verändert, bemängelt die Biologin. Es fehle an Hecken, Randstreifen und Brachflächen, wo gar nichts angebaut werde. Gleichzeitig würden die einzelnen Felder immer größer, weil die Landwirte mit immer größeren Maschinen arbeiten müssten, um landwirtschaftlich effektiv produzieren zu können. 

    Schon beim Insektenserben sehen sich die Landwirte häufig als Buhmänner einer Entwicklung dargestellt, die mehr Gründe hat. Doch Böhning-Gaese argumentiert:

    „Wir haben in der Untersuchung Bestandsentwicklungen von Vögeln europaweit angeschaut und da gezielt unterschiedliche Lebensbereiche miteinander verglichen. Wir haben die Vögel der Agrarflächen mit Vögeln, die in Städten leben, verglichen; die Insektenfresser nehmen ausschließlich in der landwirtschaftlich genutzten Fläche ab. Insektenfresser, die im Wald leben, haben vergleichsweise stabile Bestände. Man kann das ziemlich deutlich auf die Intensivierung der Landwirtschaft festnageln.“

    Auf Bio setzen

    Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sollten Landwirte dafür gefördert werden, dass sie ihre Flächen biodiversitätsfreundlich bewirtschaften, fordert die Professorin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie erklärt weiter:

    Außenministerium Russlands (Archivbild)
    © Sputnik / Natalia Seliwerstowa

    „Die Kommunen können aber auch etwas machen: Die können auf den Flächen, die ihnen gehören, dafür sorgen, dass das Grünland, die Wiesen und die Weiden artenreich sind und nicht so oft gemäht werden, nicht gedüngt werden, und dass an den Feldwegen Randstreifen stehenbleiben, auf denen eine vielfältige blühende Wiese entstehen kann. Als Verbraucher können wir unsere Gärten so anlegen, dass es da eine blühende Wiese gibt und nicht nur einen kurzgemähten Rasen, und wir können Produkte kaufen, die biodiversitätsfreundlich sind, also zum Beispiel Bio-Produkte.“

    Mit dem Kauf von Bio-Lebensmitteln würden letztlich auch die Vögel der Agrarwirtschaft gefördert.

    Das bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen“ findet Böhning-Gaese „fantastisch“. Die Forderungen der Aktivisten würden genau in dieselbe Richtung gehen, wie dass, was sie als Wissenschaftler fordern würden. Die Biologin erwartet, dass ähnliche Volksbegehren auch in anderen Bundesländern erfolgreich sein können. Das würde die Landwirtschaft in die richtige Richtung lenken.

    Das komplette Interview mit Professor Katrin Böhning-Gaese:

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    Tags:
    Ornithologen, Landwirtschaft, Sterben, Insektenfresser, Insekten, Vögel, Katrin Böhning-Gaese, Europa, Deutschland