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04:32 24 Juli 2019
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    Erde (Symbolbild)

    Weltsystemtheoretiker Amin: Volkssouveränität als Alternative zur Globalisierung

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    Gesellschaft
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    Nikolaj Jolkin
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    Der im August 2018 verstorbene große Denker der Weltsystemtheorie, Samir Amin, fragt in seinem Buch „Souveränität im Dienst der Völker“, das jetzt auch auf Deutsch im Promedia-Verlag erschien ist und in Wien präsentiert wurde, ob nationale Souveränität zu unterstützen oder abzulehnen sei.

    Hannes Hofbauer, Publizist und Verleger, der das Event moderierte, meinte im Sputnik-Interview, dass der Autor aus dem Kontext antikolonialer Befreiungskämpfe der späten 1950er bis frühen 1960er Jahre kommt. „Und da war für ihn klar, dass die Nation – und da meint er keine ethnische Nation, sondern den Begriff einer regional verorteten Nation, einer Staatsnation im Sinne eines antikolonialen Kampfes – wichtig ist. Insofern ist für ihn der Nationalismus, wenn er in diesem Sinne gebraucht wird, ein antikoloniales Kampfmittel und für ihn ein positives.“

    Das Interessanteste für Hofbauer war, dass junge Leute, die aus soziologischen und politologischen Institutionen kamen, junge ProfessorInnen, sich mit der Frage der Ernährungssouveränität beschäftigt haben. „Samir Amin spricht auch sehr viel von der Notwendigkeit einer bäuerlichen Ökonomie gerade für den globalen Süden, der die einzige Garantie ist, dass mit dem Globalismus Millionen von Menschen ihre Subsistenzgrundlage verlieren, dass sie nichts mehr an Grund und Boden haben und sich eben nicht mehr souverän ernähren können. Und da war für mich interessant zu sehen, dass durchaus junge, aktive Universitätsmenschen und Studierende sich dafür interessiert haben.“

    Der Begriff der Souveränität sei für Samir Amin als antiimperialistischem Denker für immer gegen die versuchten wirtschaftlichen und geopolitischen Übernahmen des globalen Nordens gerichtet, so Hofbauer:

    „Er hat immer wieder betont, dass er durch die marxistische Schule gegangen ist und sein Begriff der Volkssouveränität darauf beruht und eine Alternative zur liberalen Globalisierung darstellt.“

    Die liberale Globalisierung könne man heute an der Beziehung von Europa, dem nördlichen Teil der Welthalbkugel, mit Afrika sehen, meint der Publizist. „Da war beispielsweise in den 1950er bis zu den 1970er Jahren mit der Konferenz von Bandung, an der Samir Amin mitgewirkt hatte, eine Möglichkeit entstanden, sich als eine Art dritte Kraft zwischen der damaligen Sowjetunion und dem kapitalistischen Nordatlantischen Pakt zu positionieren.“

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    Dieser Souveränitätsanspruch, den Samir Amin formuliert habe, und mit ihm viele andere in dieser blockfreien Bewegung, habe dazu beigetragen, betont Hofbauer, dass „ein neues Selbstbewusstsein im globalen Süden entstanden ist, und wenn man sich heute anschaut, was daraus geworden ist, dann hat die Europäische Union in den letzten zehn Jahren, sogenannte Partnerschaftsabkommen mit über 30 Ländern Afrikas und der Karibik abgeschlossen. Und das sind die Freihandelsabkommen. Freihandel ist ja nichts prinzipiell Schlechtes, aber wenn er zwischen ökonomisch sehr starken und ökonomisch sehr schwachen Volkswirtschaften vereinbart wird, dann nützt das eigentlich nur den Starken.“

    Verteidigung der Souveränität nicht dem bürgerlichen Nationalismus überlassen

    Von seiner marxistischen Warte aus sehe Samir Amin, urteilt Hofbauer, dass der bürgerliche Nationalismus, vor allem im globalen Norden, eine Herrschaftsklasse des Kapitals konstituiert. Und er begreift ja seinen Nationalismus jetzt auch nicht als einen bürgerlichen, sondern als einen kollektiven, also einen gesellschaftlichen, der von jener Gesellschaft eben im Ganzen getragen wird und nicht von einer Klassengesellschaft.“

    In der Europäischen Union herrsche ein Supernationalismus, führt der Publizist aus, „der ja gerade dieses Globalistische in Anspruch nimmt. Insofern ist es ein Instrument zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen, und zwar immer derjenigen, die den größten Markt für sich beanspruchen können und eigentlich Monopolisierungstendenzen befördern. Das ist das Gegenteil von dem, was Samir Amin unter der Stärkung des Bewusstseins der Volkssouveränität versteht.“

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    Tags:
    Freihandelsabkommen, Welt, System, Menschen, Untersuchung, Souveränität, Volk, Globalisierung