15:51 25 April 2019
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    Soldaten und bewaffete Zivilisten auf Lastauto während der Revolution in Bayern (Archiv)

    Vor 100 Jahren: Die Münchner Räterepublik und ihr blutiges Ende auf Noske-Befehl

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv / Wikimedia Commons
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (30)
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    Die Sonderrolle Bayerns in der deutschen Geschichte hat sich auch in den Ereignissen vor 100 Jahren gezeigt. Im April 1919 haben Revolutionäre in München gleich zweimal eine Räterepublik ausgerufen. Daran erinnern Historiker, ebenso an das Ende des Gesellschaftsexperiments. Sie machen auch auf die Folgen aufmerksam.

    In München wurde bereits zwei Tage vor den Berliner Ereignissen vom 9. November 1918 der König gestürzt. Am 8. November rief der linke Sozialdemokrat Kurt Eisner den Freistaat Bayern aus und versuchte in der Folge als Ministerpräsident, „Staat und Gesellschaft von unten nach oben zu revolutionieren“. So beschrieb es der Historiker Ralf Höller am Samstag in der Tageszeitung „junge Welt“. Zu den bayrischen Besonderheiten vor 100 Jahren gehörte, dass es hier die einzigen Bauernräte neben denen der Arbeiter und Soldaten gab.

    „Die Revolution in Bayern verlief anders als im übrigen Deutschland“, betonte der Historiker Sebastian Haffner in seinem 1969 veröffentlichten Buch „Die verratene Revolution“ über die Ereignisse 1918/19. „Anders als in Berlin fiel die Revolution in München nicht von Anfang an in die Hände ihrer Feinde; anders als im übrigen Reich war sie nicht das Werk führerloser Massen.“ Doch Eisners Versuch, andere Wege zu gehen, endeten mit dem Mord an ihm am 21. Februar 1919. In der Folge kam es dazu, dass im April vor 100 Jahren in München gleich zweimal die Räterepublik ausgerufen wurde.

    Die „Räterepublik Baiern“ (Originalschreibweise von damals) wurde am 5. April 1919 von einer Versammlung aus Vertretern verschiedener Räte im Freistaat sowie Funktionären der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften beschlossen. Dem waren politische Wirren nach dem Tod Eisners vorausgegangen, samt einer Regierung unter Johannes Hoffmann von den Mehrheitssozialdemokraten (MSPD), die nach Bamberg flüchtete, und einer „Räterepublik-Bewegung“.  Der Historiker Sebastian Zehetmair hat die Entwicklung in der Ausgabe 117 (März 2019) der Zeitschrift „Z.“ nachgezeichnet.

    Der Historiker Sebastian Zehetmair im März dieses Jahres bei einer Tagung in Berlin
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der Historiker Sebastian Zehetmair im März dieses Jahres bei einer Tagung in Berlin

    Sozialdemokraten wollten Räterepublik

    Laut ihm hat es vor allem in Südbayern große Sympathien für eine Räterepublik gegeben, so in der Region um Augsburg, ebenso im südlichen Umland Münchens und in Teilen des Allgäus. Er macht klar, dass es sich keineswegs um eine kommunistische Bewegung, angeführt von der jungen KPD, handelte. Vor allem die Mitglieder der beiden sozialdemokratischen Parteien USPD und MSPD hätten sich seit Februar zunehmend radikalisiert.

    Zehetmair über die Ziele der Rätebewegung nach dem Mord an Eisner: „Faktisch übernahmen Arbeiter- und Soldatenräte in München und etlichen kleineren Ortschaften schon Ende Februar vorübergehend die Macht. Die zweite Revolution war trotzdem kein offener Aufstand gegen den Landtag: Das Hauptziel der rebellierenden Arbeiter bestand in der Sicherung der Räte und der Unterdrückung der Konterrevolution, nicht im Sturz des Parlaments.“

    In Nordbayern hätten sich aber die Arbeiterräte gegen die Räterepublik ausgesprochen, so vor allem in Nürnberg und den fränkischen Gebieten um Bamberg und Bayreuth sowie in Niederbayern und Nordschwaben. Hier habe die Regierung unter Hoffmann weiterhin großen Einfluss gehabt. Besonders die Bauern, die den Großteil der Bevölkerung des Freistaates ausmachten, haben laut dem Historiker der Idee der Räterepublik mehrheitlich ablehnend und zum Teil feindlich gegenübergestanden.

    Kommunisten wollten nicht mitmachen

    Zehetmair betont: „Die Räterepublik von 1919 war viel mehr als eine rein ‚Münchener Räterepublik‘, aber doch deutlich weniger als eine gesamt-‚bayerische‘ Räterepublik. Genau genommen war sie ein Zusammenschluss mehrerer Dutzend lokaler Räterepubliken, die über das Land verstreut waren und in ihrem Überleben von der Entwicklung in der Landeshauptstadt abhingen.“ Das trug mit zu ihrem Schicksal bei.

    Treibende Kraft der Räterepublik ist die USPD in München gewesen, unterstützt von Teilen der MSPD und der freien Gewerkschaften, wie der Historiker schreibt. Dagegen habe sich die KPD anfangs davon sogar distanziert, „weil sie eine isolierte Räterepublik nicht für überlebensfähig hielt und das Risiko einer militärischen Intervention der Reichsregierung realistischer einschätzte als die Führung der USPD, teilweise auch, weil sie den Motiven der beteiligten Funktionäre der MSPD misstraute.“ Die im Januar 1919 gegründete Partei habe gar versucht, die erste Räteregierung zum Rückzug zu zwingen.

    Auf das Leben in München und den Alltag haben die Ereignisse Zehetmair zufolge kaum direkten Einfluss gehabt, so Zehetmair. Die Versorgungslage habe sich sogar noch verschlechtert, weil die Bauern des Umlandes in einen Lieferstreik getreten seien. Zudem habe die in Bamberg sitzende Regierung Hoffmann eine Verkehrsblockade über die Landeshauptstadt verhängt.

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    Putschversuch stärkt Rätebewegung

    Am 13. April 1919 gab es einen von der Hoffmann-Regierung und MSPD-Funktionären unterstützten Putschversuch gegen die Räteregierung: „Dieser so genannte Palmsonntagsputsch endete in München in einem politischen Desaster für die Bamberger Regierung“, so der Historiker. „Die Putschisten stießen auf unerwarteten starken Widerstand bewaffneter Räteanhänger. Aus kleinen Scharmützeln entwickelten sich binnen weniger Stunden erbitterte Gefechte zwischen Anhängern und Gegnern der Räterepublik, die insgesamt 21 Tote forderten.“

    Der Putschversuch habe viele Arbeiter auf die Seite der vorher eher abgelehnten Räterepublik gebracht. An deren Spitze standen vor allem Intellektuelle und Anarchisten, wie Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ret Marut, der später als Schriftsteller „B. Traven“ Weltruhm erlangte. Der Historiker Höller dazu in der „jungen Welt“: „Jetzt traten die Kommunisten auf den Plan. Bislang hatten sie sich aus der Regierung ferngehalten, die in ihren Augen allenfalls eine ‚Scheinräterepublik‘ war.“

    Nach den Angaben von Zehetmair unterstützten vor allem die Betriebsräte die KPD. Sie hätten die Kommunisten unter Max Levien und Eugen Leviné in den neuen Revolutionären Zentralrat und das oberste Gremium, den Vollzugsausschuss, gewählt. Nach dem Putschversuch der Revolutionsgegner sei die zweite Räterepublik ausgerufen worden.

    Kommunisten in der Minderheit

    Diese sei aber „keine kommunistische Parteidiktatur“ gewesen, wie ihre Gegner häufig unterstellten. „Die KPD stellte zwar drei von fünf Mitgliedern im Vollzugsausschuss – aber der Vollzugsausschuss selbst war in all seinen Beschlüssen vollständig auf die aktive Unterstützung der Betriebsräte angewiesen“, betont der Historiker in „Z.“. „Unter den Münchener Betriebsräten hatten auch unter der zweiten Räterepublik die MSPD und die USPD nach wie vor wesentlich mehr Vertreter als die KPD.“

    Zehetmair stellt ebenso fest, dass in Folge des „Palmsonntagsputsches“ die Isolation Münchens gegenüber dem restlichen Land zunahm. In zahlreichen bayrischen Städten hätten sich die Gegner der Räte durchgesetzt. „Das Einflussgebiet der zweiten Räterepublik beschränkte sich danach nur mehr auf München und sein engeres Umland sowie auf Teile Süd- und Südostbayerns. Nördlich der Donau hatte die Räterepublik allen Einfluss verloren.“ Selbst in Augsburg hätten sich die Räte inzwischen auf die Seite der Regierung Hoffmann gestellt, die immer noch in Bamberg saß.

    Letztere hätte Mitte April „jede Zurückhaltung bei der militärischen Mobilisierung gegen München“ abgelegt. „Die Lage der Räterepublik war trotz des Sieges in München aussichtslos“, schreibt der Historiker. „Am Ende rückten rund 35.000 Weiße Truppen, darunter ein großer Anteil professionell ausgebildeter Militärs, auf München vor. Gegen diese Truppenmassen waren auch die etwa 10.000 bis 12.000 Freiwilligen, die die Räteregierung eilig für die neu gebildete ‚Rote Armee‘ rekrutierte, militärisch chancenlos.“

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    „Bluthund“ Noskes Nein zu Verhandlungen

    Die Räteregierung habe angesichts der wirtschaftlichen Isolation Münchens durch die Bauernstreiks und die blockierten Verkehrswege versucht, über einen kampflosen Rückzug zu verhandeln. Doch der selbsternannte „Bluthund“ der MSPD und nunmehrige Reichswehrminister, Gustav Noske, untersagte laut Zehetmair den aus Berlin befohlenen anrückenden Truppen jegliche politische Verhandlungen. Daraufhin hätten die Anhänger der Räteregierung lieber den aussichtslosen Kampf geführt als sich den Weißen Truppen zu ergeben.

    Zwar konnte die Rote Armee gemeinsam mit Arbeitermilizen die Reichswehr- und Freikorpstruppen am 16. April bei Dachau noch zurückschlagen, wie der Historiker berichtet. Doch das sei der einzige militärische Erfolg geblieben. Dem sei ab dem 23. April die Einnahme Augsburgs und weiterer Städte durch die Noske-Truppen gefolgt. Kurz vor der endgültigen Niederlage hätten die Betriebsräte in München den revolutionären Vollzugsausschuss zum Rücktritt gezwungen. „Der größte Teil der Roten Armee löste sich unter dem Eindruck dieser Stimmung einfach auf ohne zu kämpfen.“

    Die Weißen Truppen seien bei ihrem Einmarsch in München am 1. Mai 1919 kaum auf organisierten Widerstand gestoßen. Zehetmair weiter: „Auf die Eroberung Münchens folgte eine zwei Wochen dauernde Kampagne des ‚Weißen Terrors‘ – willkürliche Verhaftungen von Tausenden von Räteanhängern, standrechtliche Erschießungen von Hunderten von Räterepublikanern. Auf den weißen Terror folgte der juristische Rachefeldzug gegen die Räterepublik.“

    Blutiges Erbe der Weimarer Republik

    Historikerkollege Höller dazu: „In der ersten Woche nach dem Einmarsch der Weißen wurden im gesamten Münchner Stadtbezirk 557 Menschen getötet. 145 Soldaten fielen im Gefecht (38 Weißgardisten, 107 Rotarmisten), 186 an den Kämpfen Beteiligte wurden nach Standrechtverfahren hingerichtet, 226 Anhänger der Räterepublik in den ersten Tagen nach Einnahme der Landeshauptstadt ohne Gerichtsverfahren erschossen, die meisten von Angehörigen der Freikorps. Das ist die amtliche Statistik. Die tatsächliche Opferzahl, auch im Münchner Umland, dürfte weit höher liegen.“ Zu den Opfern gehörten auch führende Köpfe der Rätebewegung wie Landauer und Leviné.

    Das zählt wie die Ereignisse zuvor in Bremen, Berlin und später im Ruhrgebiet zum blutigen Erbe der Weimarer Republik. Auf den Trümmern der Münchner Räterepublik wurde in den folgenden Monaten des Jahres das Fundament der „Ordnungszelle Bayern“ errichtet, so Zehetmair. Dabei habe es sich um einer „Polizeidiktatur mit dünner parlamentarischer Fassade“ gehandelt, „die nicht zufällig zum Geburtsort des deutschen Faschismus wurde“.

    Historiker Höller verwies am Samstag in der „jungen Welt“ auf die personellen Linien ab 1919 in die Zeit bis 1933: „Als Ende August die Regierung wieder nach München zog, war Oberstleutnant Adolf Herrgott, der dem Eppschen Freikorps angehörte, dort Stadtkommandant. Ihm zur Seite als Stabschef stand Ernst Röhm, die politische Polizei leitete Wilhelm Frick, beide später hochrangige Mitglieder der NSDAP. Neuer Polizeipräsident wurde Ernst Pöhner, einer der Anführer des Hitlerputschs.“

    Das sind einige der Beispiele, die zeigen, dass bereits vor 100 Jahren in Deutschland die Keimzellen der faschistischen Diktatur gelegt wurden. Gleichzeitig regt das Schicksal der Münchner Räterepublik zu Zweifeln gegenüber der heute oft zu hörenden These an, die Weimarer Republik habe nicht zwangsläufig im „Dritten Reich“ der deutschen Faschisten enden müssen.

    Lesetipp: 

    Simon Schaupp: „Der kurze Frühling der Räterepublik – Ein Tagebuch der bayerischen Revolution“ 
    Unrast Verlag 2018. 304 Seiten. ISBN 978-3-89771-248-5. 19,80 Euro

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    Themen:
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    Tags:
    Erbe, Folgen, Streik, Novemberrevolution 1918, Kurt Eisner, Weimarer Republik, Bayern, Deutschland