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10:03 16 Juli 2019
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    Aktion der Schülerbewegung „Fridays for Future” in Berlin (Archiv)

    „Radikal aber nötig!“: Klimaexperte zu den Forderungen von „Fridays for Future“

    © REUTERS / Annegret Hilse
    Gesellschaft
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    Bolle Selke
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    Die Schülerbewegung „Fridays for Future” hat ein Forderungspapier an die deutsche Politik formuliert. Der Klimaforscher Mojib Latif bezeichnet die anspruchsvollen Maßnahmen als nötig, dämpft aber die Erwartungen in die Politik.

    Der grundsätzliche Vorwurf der Jugendlichen lautet: Die deutsche Politik bekenne sich prinzipiell zum formulierten 1,5-Grad-Ziel des Abkommens von Paris, doch trotz Unterzeichnung handle sie nicht danach. Deswegen legte die Initiative am Montag in Berlin selbst konkrete Ziele für Deutschland vor.

    „Radikale Forderungen stellen“

    „Ich habe schon lange gefordert, dass sich die Zivilgesellschaft stärker in Sachen Klimaschutz engagieren muss“, kommentiert der Klimaforscher Latif, der am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und an der Universität Kiel forscht. „Insofern finde ich das sehr schön, dass sich die jungen Menschen auch jetzt für den Klimaschutz  engagieren und dafür auf die Straße gehen. Am Ende des Tages wird oben in der Politik nur etwas passieren, wenn auch der Druck von unten kommt.“

    Die Forderungen der Schüler seien schon radikal, betont Latif. Wenn man aber das Ziel von Paris, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad und möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen, ernst nehmen würde, „dann muss man schon so radikale Forderungen stellen“. Derzeit würden die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen immer noch steigen. Obwohl das Abkommen von Paris bereits 2015 unterzeichnet worden ist. „Das heißt, wir sind auf einem völlig falschen Weg.“

    Große Hoffnungen, dass die Politik auf die Forderungen der Klimaaktivisten eingeht, hat Latif, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome ist, nicht. Die Maßnahmen wären zwar theoretisch umsetzbar, aber in der Politik müsse man Mehrheiten organisieren, „und um ehrlich zu sein, ich sehe im Moment nicht, dass dies möglich ist“.

    „Deutschland könnte profitieren“

    Trotzdem müssten natürlich die reichen Länder und vor allen Dingen die Länder, die auch die Technologie haben, beim Klimaschutz vorangehen und schneller sein als die anderen. Deswegen seien die Forderungen der Schüler notwendig. „Fridays for Future“ fordern unter anderem, bis Ende 2019 ein Viertel der Kohlekraft in Deutschland abzuschalten, einen Stopp der Subventionen für fossile Energieträger und eine CO2-Steuer auf alle Treibhausgasemissionen – 180 Euro pro Tonne CO2 – einzuführen. Da sei alles notwendig, bekräftigt Latif:

    „Tatsache ist auf jeden Fall, dass Deutschland jede Menge Strom exportiert. Insofern kann man durchaus die Stromproduktion erheblich drosseln. Das bedeutet eben auch, dass man sehr schnell, also auch schon in diesem Jahr zumindest, die schmutzigsten Kohlekraftwerke abschalten kann. Eine Steuer auf CO2 wird ja ohnehin zumindest in der Bundesregierung diskutiert. Ich gehe auch davon aus, dass sie kommen wird. Der Preis muss natürlich auch eine Lenkungswirkung entfalten. 180 Euro ist die oberste Grenze, die für eine Gesellschaft erträglich ist, aber wenn der Preis nicht deutlich höher ist als der Preis für Emissionszertifikate im Rahmen des Europäischen Emissionshandels, der so bei 20 Euro liegt, dann wird natürlich so eine Steuer keine Lenkungswirkung entfalten.“

    Von solchen Klimaschutzbestrebungen könne Deutschland auch ökonomisch profitieren, weiß Latif, denn die Tendenz in der Zukunft wird sein, dass man viel stärker auf erneuerbare Energien setzt.

    Das komplette Interview mit Professor Mojib Latif zum Nachhören:

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    Tags:
    CO2-Emissionen, CO2, Radikale, Forderungen, Bewegung, Schüler, „Fridays For Future“, Klimaschutz, Deutschland