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11:39 22 Oktober 2019
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    Migranten im Mittelmeer (Archiv)

    Von preiswürdig zu skandalträchtig – Neuer Zoff um Zeit-Artikel zur Seenot-Rettung

    © REUTERS / DARRIN ZAMMIT LUPI
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    Im Juli 2018 veröffentlichte „Die Zeit“ einen Pro- und Contra-Artikel zur Seenotrettung. Schon der Titel „Oder soll man es lassen?“ entfachte einen erbitterten Streit unter den Anhängern beider Positionen. Offenbar mit unheilbaren Wunden. Der Text wurde für den renommierten Theodor-Wolff-Preis nominiert. Und kurz darauf wieder zurückgezogen.

    Am 11. Juli 2018 veröffentlichte die Wochenzeitung „Die Zeit“ auf ihrer Internetseite den Artikel „Oder soll man es lassen“ . Schon die Tatsache, dass es sich dabei um eine Pro-und-Contra-Aufteilung handelte, macht die Kontroverse des Themas deutlich. Die beiden Gegenpole kreisten um die Frage, ob es legitim sei, ohne Wenn und Aber Flüchtlinge und Migranten aus Seenot im Mittelmeer zu retten und sie nach Europa zu bringen. Oder aber, ob es legitim sei, in der Organisation der Seenotrettung die Überlegung zu berücksichtigen , dass diese Aktionen in die Kalkulationen von Flüchten und Migranten, besonders ihren Schleppern, einfließen. Ganz skrupellos als risiko- und damit kostenmindernder Faktor.

    Pro-Position: Politik will keine Leben retten, sondern Europa abschotten

    Die im Mittelmeer geretteten Migranten aus Afrika (Archivbild)
    © Sputnik / Alejandro Martinez Velez
    Die Pro-Position vertrat seinerzeit Caterina Lobenstein. Sie argumentierte, dass natürlich Schlepper und Schleuser genauso wie Flüchtlinge und Migranten die Anwesenheit der privaten Rettungsschiffe registrieren und entsprechend in ihren Planungen berücksichtigen. Aber deshalb davon zu sprechen, Fluchtbewegungen übers Mittelmeer würden wegen der Rettungsmissionen stattfinden oder unter deutlich risikoreicheren Bedingungen unternommen, verkenne die Fluchtursachen. Lobensteins Kernthese konstatierte „eine Verrohung der Sprache und eine Verzerrung der Realität. Es ist elementarer Bestandteil einer Politik, die darauf zielt, möglichst laut gegen die Helfer zu hetzen – und nebenher möglichst geräuschlos den unappetitlichen Part der europäischen Migrationspolitik zu erledigen: Die gewaltsame Abschottung der europäischen Außengrenzen.“

    Contra-Position: Seenotretter denken, sie sind auf moralisch unangreifbarer Seite

    Die Contra-Position artikulierte Mariam Lau. Auch sie stellte selbstverständlich nicht in Abrede, dass Menschen in Not geholfen werden muss. Lau kritisierte aber, unter anderem aus eigenem Erleben auf einem privaten Rettungsschiff eine aus ihrer Sicht bedenkliche moralische Überhöhung der eigenen Positionen bei privaten Rettern: „In ihren Augen gibt es nur Retter und Abschotter; sie kennen kein moralisches Zwischenreich. Wenn die betroffenen europäischen Gesellschaften auswählen wollen, wer zu ihnen kommt, ist folgerichtig gern von "Selektion", von "Lagern" und von der "Festung Europa" die Rede. In diesem Denken gibt es keinen Unterschied zwischen Angela Merkel und Viktor Orbán.“

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    Fundamentalistische Diskussion

    Daraufhin entfaltete sich eine erbitterte Debatte, die sich interessanterweise vor allem an der Überschrift „Oder soll man es lassen“ entzündete. Die war eine „Erfindung“ der „Zeit“-Redaktion, weshalb auch dort sehr leidenschaftlich gestritten wurde. Obwohl die Autorinnen nichts mit dem Titel zu tun hatten, wurde insbesondere Mariam Lau in Verbindung mit der mutmaßlichen Botschaft dieser Überschrift gebracht. Eine Weile versuchte Lau noch auf ihrem Facebook-Account mit Lesern zu diskutieren, musste aber rasch erkennen, dass etliche nicht diskutieren, sondern diktieren wollten. „Die Zeit“ entschuldigte sich schließlich öffentlich und bekannte, die Auswahl der Überschrift sei eine „klare Fehlentscheidung“ gewesen.

    Wichtige gesellschaftliche Debatte unnötig abgebrochen?

    Aber, vielleicht ist diese Entschuldigung die eigentliche Fehlentscheidung gewesen? Vielleicht war die Überschrift genau richtig? Vielleicht war es die Chance, eine so wichtige, grundsätzliche Frage, auszudiskutieren, Fundamentalisten auf beiden Seiten zu widerstehen, die es immer wieder schaffen, eine gesamtgesellschaftliche Debatte zu vergiften und zu denunzieren? Dass der Artikel offenbar ins Schwarze getroffen hatte und das ihm zugrunde liegende Problem offenkundig immer noch nicht ausdiskutiert wurde, zeigt sich jetzt erst.

    Nominierung für Theodor-Wolff-Preis Indiz für die Aktualität und Relevanz des Artikels

    Am 3. April 2019 verkündete die Jury des Theodor-Wolff-Preises, dass sie den umstrittenen „Zeit“-Artikel „Oder soll man es lassen“ in der Kategorie „Meinung überregional“ nominiert habe. Dieser Preis erinnert an den früheren Chefredakteur des Berliner Tageblatts, einer Presseinstitution im Deutschland der Vornazi-Zeit. Der Theodor-Wolff-Preis hat für die deutsche Zeitungslandschaft ungefähr den gleichen Stellenwert wie der Pulitzer-Preis für die US-amerikanische.

    Doch wie auf Bestellung wurde sofort wieder das Feuer aus den bekannten Schützengräben gegen diese Entscheidung eröffnet. Ganz offensichtlich war die Grundsatzdiskussion über diesen Artikel nur abgebrochen worden. Eigentlich ein Ritterschlag für eine journalistische Leistung, derart am Puls seiner Zeit zu sein. Der Jury unter Vorsitz des stellvertretenden „Bild“-Chefredakteurs, Nikolaus Blome, gebührt Respekt, dies erkannt zu haben. Leider hielten sie dieses Rückgrat nicht lange durch.

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    Überraschender Rückzug der Nominierung

    Am 8. April 2019 teilte die Jury wie aus heiterem Himmel in einem kleinen Nachtrag zur Nominierungsmeldung mit: „In der Kategorie Meinung überregional hatte die Jury ursprünglich auch Caterina Lobenstein (Pro) und Mariam Lau (Contra) für den in ‚Die Zeit‘ veröffentlichten Kommentar ‚Oder soll man es lassen?‘  nominiert. Dieser Beitrag war ohne Wissen und Zustimmung von Frau Lobenstein durch einen Leser eingereicht worden. Die Autorin hat uns heute mitgeteilt, dass sie für diesen Beitrag nicht nominiert werden möchte. Die Jury hat sich daraufhin entschlossen, das ‚Pro und Contra‘ aus der Wertung zu nehmen.“

    Dem Vernehmen nach ist dieser Entscheidung eine heftige Auseinandersetzung innerhalb des Gremiums vorausgegangen. Das nicht unwichtigste Argument derjenigen, die an der Nominierung festhalten wollten, ist, dass der Rückzug ein zweites Mal wie eine Demütigung für Mariam Lau wirkt. Dabei habe sie mit ihrer Contra-Position nicht mehr, aber auch nicht weniger geleistet als das, was angeblich das Credo der deutschen freiheitlich-demokratischen Gesellschaft fordert: Kontroversen Meinungsstreit.

    Gibt es ein Recht auf Nichtnominierung für einen Preis?

    Natürlich kann niemand gezwungen werden, einen ihr oder ihm zuerkannten Preis anzunehmen. E s kommt oft vor, dass Preise nicht angenommen werden. Aus unterschiedlichsten Gründen. Aber dass sich eine Jury verbieten lässt, jemanden für preiswürdig zu befinden und deshalb zu nominieren, ist eher ungewöhnlich. Natürlich liefe eine alleinige Preisverleihung an Mariam Lau Gefahr, den Eindruck zu erzeugen, dass nur die Contra-Position gewürdigt werde. Auch wenn die Vertreterin der Pro-Position freiwillig verzichtet hat. Aber, umgekehrt bleibt nun der fatale Eindruck, als habe Caterina Lobenstein auch stellvertretend für Mariam Lau verzichtet.

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    Tags:
    Entschuldigung, Seenot, Flucht, Migranten, Flüchtlinge, Mittelmeer