08:47 20 April 2019
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    Linksgrün versifft? So ticken die Medien in Deutschland

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    Gesellschaft
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    Ilona Pfeffer
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    Medien machen Meinung, und deutsche Medien machen das von links. Ob diese Behauptung so stimmt, wollte der Journalist und Politikwissenschaftler Sebastian Haupt wissen. Er kommt zu dem Ergebnis: Vieles stellt sich anders dar, als allgemein angenommen.

    Gerade aus dem konservativen bis rechten politischen Spektrum höre man häufig den Vorwurf, die deutschen Leitmedien würden aus einer linksgrünen Einstellung heraus berichten, so Sebastian Haupt in seinem Artikel im Magazin „Katapult“. Um diesen Vorwurf zu untermauern, würden sich auch rechtskonservative Medien wie „Compact“ oder „Tichys Einblick“ aktueller Studien bedienen. Als Beispiel nennt er eine Studie der Freien Universität Berlin von 2010, in der ermittelt wurde, dass nur neun Prozent der Politikjournalisten der Union zugeneigt sind, sieben Prozent der FDP und etwa ein Viertel den Grünen. Haupt stellt aber auch fest: Es sind nicht nur Medien vom rechten Rand, sondern auch konservative Schwergewichte wie der „Spiegel“ und die „NZZ“, die auf diese Erhebungen verweisend behaupten, die deutsche Medienlandschaft sei „linksgrün“.   

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    © AFP 2019 / JOEL SAGET
    Problematisch sei daran, dass weder diese noch andere Studien die Behauptung belegen würden, so der Autor. Auf Nachfrage von „Katapult“ hätten die Verfasser der Studien vielmehr darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse oft falsch interpretiert werden. Nicht die politische Orientierung der einzelnen Journalisten sei für die Bewertung eines Mediums ausschlaggebend, sondern seine redaktionelle Linie und die tatsächliche Aufbereitung der Inhalte. Mit 36,1 Prozent habe sich demnach die größte Gruppe der befragten Politikjournalisten als keiner Partei verbunden bezeichnet. Zudem habe mit 80 Prozent eine überwältigende Mehrheit der Journalisten angegeben, den Anspruch zu haben, ihr Publikum neutral und präzise zu informieren. Zu ähnlichen Ergebnissen komme eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München aus dem Jahr 2017.

    Bezugnehmend auf die Feststellung, dass die Reichweite und die politische Linie der Medienhäuser für deren Einordnung die entscheidenden Faktoren sind, untersucht Haupt die größten Medien in Deutschland und Europa. Die auflagenstärksten Printmedien seien hierzulande die „Bild“, die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Der „Bild“ werde immer wieder ein unsauberer Kampagnenstil vorgeworfen, politisch sei sie klar konservativ. Die „SZ“ könne man als linksliberal bezeichnen, die „FAZ“ sei liberal-konservativ. Bei den größten politischen Wochenmagazinen sei die Sache noch eindeutiger. Lediglich der „Spiegel“ bezeichne sich als liberales, „im Zweifelsfalle linkes Blatt“ laut Gründer Rudolf Augstein. Der zweitgrößte Player „Focus“ verfolge hingegen explizit eine Berichterstattung gegen progressive Positionen und der langjährige Mitherausgeber Uli Baur verorte das Magazin als „im Zweifel rechts“.

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    Ein Blick über den Tellerrand zeige außerdem: Auch in den anderen europäischen Ländern sind es Medien von konservativ bis liberal, die als Reichweitenstärkste die Berichterstattung dominieren. Mit „De Telegraaf“ sei in den Niederlanden sogar eine rechtskonservative Zeitung Marktführer.

    Einen anderen interessanten Aspekt habe der Schweizer Medienforscher Vinzenz Wyss von der Hochschule Für Angewandte Wissenschaften in Winterthur herausgestellt. Anhand der Angaben von rund 900 Schweizer Journalisten habe er herausgefunden, dass leitende Redakteure sich häufig weiter rechts verorten als ihre Mitarbeiter. Wie die konservativere Einstellung der Chefetage auf die Berichterstattung des jeweiligen Mediums ausstrahlt, versucht Haupt an Beispielen von Medienhäusern zu belegen, die nach einem Wechsel in der Chefetage weiter nach rechts gerückt sind. So sei eine solche Verschiebung beispielsweise bei der „NZZ“ zu beobachten, die sich unter dem neuen Chefredakteur Eric Gujer seit 2015 vollzogen habe. Auch bei dem Magazin „Cicero“ sei eine Bewegung nach rechts zu beobachten, seit Christoph Schwennicke Chefredakteur und Herausgeber sei.   

    Schließlich kommt Sebastian Haupt zur Deutung der Ergebnisse. Die wichtigste Botschaft: Linksliberal ist nicht gleich links und konservativ ist nicht gleich rechts. Diese Differenzierung sei in der öffentlichen Debatte wichtig, werde aber oft vernachlässigt. Außerdem gebe es eine Streuung links und rechts der Mitte, diese Abstufungen als einheitlich links oder rechts zu bezeichnen, sei irreführend.

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    Anhand des Themas Migration versucht Haupt zum Ende seiner Untersuchung, inhaltlich nachzuvollziehen, wie sich die deutsche Presse positioniert. Mit der negativen Berichterstattung und der rechtskonservativen Positionierung hätten Medien wie „Tichys Einblick“, „Compact“ und „Epoch Times“ einerseits von der Flüchtlingskrise profitiert, andererseits die etablierten Medien als „linke Systemmedien“ und „Lügenpresse“ diffamiert.

    Am anderen Ende des politischen Spektrums beklagte das linksliberale Magazin „Der Freitag“, die Asyldebatte würde von rechts geführt und die Argumente von AfD und Pegida oft unkritisch übernommen werden.

    Inhaltsanalysen würden jedoch zu anderen Ergebnissen kommen, so Haupt. Mit Verweis auf zwei neuere Studien stellt er fest: Zu Beginn der Flüchtlingskrise haben die Leitmedien tatsächlich zu selten die Asylpolitik der Regierung infrage gestellt oder die „Willkommenskultur“ kritisiert. Seit der Kölner Silvesternacht  2015/2016 habe jedoch das Thema Kriminalität in Zeitungs- und Fernsehberichten eine überproportional große Rolle gespielt.

    Als Fazit seiner Untersuchung schreibt Sebastian Haupt:

    „Obwohl also wenige Journalisten in Umfragen angeben, sich mit der Politik der Regierung gemeinmachen zu wollen, scheinen sie nicht immer kritisch genug zu berichten. Die Presse selbst kritisch zu hinterfragen, ist deshalb wichtig. Die Behauptung einer von Linken dominierten Presse aber ist vor allem eines: Irreführung. Das zeigen die Inhaltsanalysen. Zudem sind statt der politischen Ausrichtung einzelner Journalisten die grundlegende Orientierung des Mediums und die Ausrichtung der Chefredaktion von zentraler Bedeutung.“

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    Linke, Interessen, Macht, Studie, Politiker, Journalisten, Medien, Die Grünen, Deutschland