00:57 16 Juni 2019
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    Die Skulptur Kopf von Emil Nolde von Gustav H. Wolff (Archiv)

    Demontage einer Legende: Antisemit und NS-Fan Emil Nolde sorgt für Auf und Ab bei CDU

    Markus Schreiber
    Gesellschaft
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    Beata Arnold
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    Der Kampf um die Kunstfreiheit wird an den Wänden der Büros deutscher Politiker ausgetragen, so scheint es. Nachdem Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zwei Gemälde des Expressionisten Emil Nolde aus dem Kanzleramt entfernen ließ, hängte die schleswig-holsteinische Ministerin Karin Prien (CDU) demonstrativ eines auf.

    "Kunst und Künstler müssen immer in den Kontext gestellt, müssen eingeordnet werden. Ja - es gibt großartige Kunst von furchtbaren Menschen", so Prien gegenüber dpa.

    Adolf Hitler (Archiv)
    © AFP 2019 / HEINRICH HOFFMANN / FRANCE PRESSE VOIR
    Den Bildersturm ausgelöst hat die NS-Verstrickung des norddeutschen Malers, die spätestens seit der großen Nolde-Retrospektive im Frankfurter Städel-Museum 2014 bekannt sein müsste.  Die Nazis klassifizierten Noldes Kunst zwar als "entartet“, er war aber auch Mitglied der NSdAP, Judenhasser, Rassist und bis Kriegsende überzeugter Nationalsozialist.

    Fraglich ist vor dem Hintergrund, warum die Kanzlerin erst jetzt aktiv wurde und die Leihgaben abhängte. Darunter „Blumengarten“ aus dem Jahr 1915  und das Wellenbild „Brecher“ von 1936, welches sie persönlich 2006 bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ausgesucht haben soll, berichtet MONOPOL.

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    Zwei Museumsausstellungen kommen da vordergründig in Betracht: Das Museum „Hamburger Bahnhof“ in Berlin eröffnet dieses Wochenende "Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus". Und auch das hiesige Brücke-Museum zeigt mit "Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus" eine Schau mit Nolde-Bildern. „Brecher“ wird zu sehen sein, aber weder dieses Gemälde noch der Garten kommen zurück in Merkels Amtsstube.

    Die Kuratoren -  Kunstgeschichtsprofessorin Aya Soika und Historiker Bernhard Fulda -  haben, unterstützt von der Stiftung Seebüll, die den Nolde-Nachlass verwaltet, grundlegend mit dem Mythos vom verfolgten und vorgeblich mit Malverbot belegten Künstlers aufgeräumt. Nolde hatte selbst an dieser Legende für die Nachkriegszeit gestrickt, obgleich er sich zu „Führer, Volk und Vaterland“ bekannte, 1933 sogar einen "Entjudungsplan" für die deutsche Gesellschaft ausarbeitete, den er Hitler persönlich vorlegen wollte, und sich den Nazis anbiederte. Auch gut an sie verkaufte.

    Seiner Bedeutung als wegweisendem Maler sollte dies keinen Abbruch tun: seine Blumen, Marsch- und Meeresmotive, aber auch biblische Motive seien weiterhin Publikumslieblinge. Das dies nicht jedem so gehen mag fasst Der Tagesspiegel zusammen. Und wie der Leiter der Nolde-Stiftung Dr. Christian Ring gegenüber der DPA ausführte, müsse auch das Kanzleramt für sich eine Haltung finden, welchen Anspruch man an die Kunst habe, die im Kanzleramt hängt. Aus seiner Sicht soll Kunst Emotionen wecken und Betrachter zur Diskussion anregen. Angesichts der biographischen Brüche des Beispiels Nolde könne auch viel über Deutschland und seine Geschichte gelernt werden.

    Die in Kiel für Bildung zuständige CDU-Politikerin Prien hat zwar bislang nur eine Kopie von Noldes „Durchbrechendes Licht“ gehängt, doch die Zusage auf ein Original als Leihgabe der Stiftung Seebüll.

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    Tags:
    Antisemitismus, Nazis, Angela Merkel, CDU, Emil Nolde, Deutschland