17:46 17 Juni 2019
SNA Radio
    Kinder in einer deutschen Kita (Archivbild)

    „Die Jungen sind die Verlierer“ – Folgen der Emanzipation

    © AFP 2019 / TOBIAS SCHWARZ
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Valentin Raskatov
    9572

    Sie entwickeln sich anders, sind enthemmter und brauchen Vaterfiguren, die Grenzen setzen: Jungs. Doch gerade das fehlt heute, sagt Psychotherapeut Hans Hopf. Stattdessen herrscht in der Familie Laisser-faire und in der Kita sind Mädchen der Standardfall. Die Folgen dieser Entwicklung beschreibt Hopf in seinem neuen Buch und im Sputnik-Interview.

    Dass es Geschlechtshormone gibt, dürfte auch nach dem neusten Stand der Genderforschung keine überkommene Vorstellung sein. Bei Frauen ist es das Östrogen, bei Männern das Testosteron. Letzteres ist bereits bei Jungen 15-mal höher konzentriert als bei Mädchen. Diese Stoffe sind von der Persönlichkeit von Kindern nicht zu trennen, denn sie bestimmen Körpermotorik und Ausrichtung psychischer Prozesse: „Das höhere Testosteron macht Jungen zum einen etwas aggressiver und unbeherrschter, aber auch zupackender, leistungsbereiter“, erklärt der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Hans Hopf gegenüber Sputnik. Das Unerwünschte an diesem Verhalten: „Jungen bringen Sand ins soziale Getriebe.“

    Das Mädchen als Standardfall der Erziehung

    Die Eigenarten von Jungen bedürften eigentlich einer anderen Behandlung als die von Mädchen, die schon früh mehr Empathie zeigen, rücksichtsvoller und schlichtweg unauffälliger sind. Das Problem ist, dass für eine differenzierte Behandlung niemand zur Verfügung steht.

    „In Kitas sind ausschließlich weibliche Erzieherinnen und es gibt Untersuchungen inzwischen, die deutlich machen, dass Jungen in der Kita nicht profitieren. Jungen werden als ihr Geschlecht nicht ausreichend akzeptiert. Die sind wilder, unruhiger, sie bilden Gruppen und die sollen sich den weiblichen Vorbildern angleichen – das ist ein unbewusster Wunsch. Das geht weiter in der Grundschule. Und so bekommen Jungen das Gefühl, dass sie so wie sie sind, nicht sein sollten. Die Jungen sind die derzeitigen Verlierer“, beschreibt Hopf die Lage in den Einrichtungen.

    Die fehlende Vaterfigur in der Familie

    Doch nicht nur in den Einrichtungen besteht eine solche Schieflage, sondern sie zieht sich hinab bis in das „schützende Heim“, bis zur Familie. Mütterliche Geborgenheit bietet es weiterhin, das Heim, aber die Ordnung wurde aufgegeben. Es herrscht eine Haltung des laisser-faire, wie Hopf es bezeichnet. Gerade im Fall der Jungen, die ihre Grenzen nicht nur ausprobieren, sondern auch erfahren müssen, kann eine solche Schrankenlosigkeit schwerwiegende Folgen haben.

    „Wenn ich die frühere Erziehung betrachte, da gab viel Strenge, viele Regeln, viele Strafen, aber es hatte auch zur Folge, dass eine Persönlichkeit entstanden ist, die etwas ausgehalten, durchgehalten hat“, bemerkt Hopf. Vor allem für die recht ungehemmten Jungen ist eine Figur, die Grenzen setzt, wichtig. Diese Funktion erfüllen für gewöhnlich Väter. „Der Vater hat andere Eigenschaften und unterscheidet sich mit diesen Eigenschaften deutlich von der Mutter. Es bildet sich ein Dreieck in der Entwicklung zwischen dem mütterlichen Verstehen und Gewährenlassen und der väterlichen Grenzsetzung“, betont der Psychotherapeut.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: 13.589 Euro für einen Kitaplatz: Berliner Eltern verzweifelt<<<

    Emanzipation und Angst vor Autorität

    Aber die Väter sind zögerlicher geworden. „Ich beobachte eine Angst vor ‚Autorität‘. Es ist für viele geradezu zum Schimpfwort geworden autoritär zu sein“, erklärt Hopf und präzisiert gleich: „Es geht aber nicht um eine einfühllose Autorität, sondern immer um Verantwortung um mein Kind. Manchmal ist mein Kind überfordert, sich selbst Grenzen zu setzen und dann muss ich das als Mutter oder Vater für das Kind tun, um es auch zu schützen. Wenn ich Grenzen setze, bin ich nicht autoritär, sondern bin ein hilfreiches Elternteil.“

    Der Hintergrund für diese Verunsicherung der Väter in ihrer Funktion bei der Kindesentwicklung liegt für Hopf in der emanzipatorischen Bewegung der Frauen, die das Männlichkeitsbild und das Vaterbild sehr erschüttert und zu Teilen zu falschen Konsequenzen geführt habe, findet Hopf: „Der Vater war ja einst ‚strenges Familienoberhaupt‘ und wäre heute in einer anderen Rolle notwendig. Nur wird es oft missverstanden, dass Väter die besseren Mütter werden wollen und das ist auch nicht zielführend. Der Vater muss seine Rolle als der Andere finden, der gleichzeitig einfühlsam, aber auch grenzsetzend ist.“

    Zwiespältige Haltung von Müttern

    Das anders geartete Verhalten des Jungen fällt auch den Müttern auf und kann Faszination, aber auch Ablehnung auslösen. Denn mit der Tochter befindet sich die Mutter auf einer Wellenlänge und es kommt zu keinen Spannungen oder unerwarteten Handlungen. Zudem bieten Jungen eine Projektionsfläche für Erfahrungen aus der Vergangenheit dar. „Die Mutter erlebt den Jungen anders als ihre Tochter und ich kann eine hohe Zwiespältigkeit bei Müttern beobachten, die davon abhängt, welche Erfahrungen sie selbst mit der Männlichkeit gemacht hat“, merkt Hopf an. „Der Blick der Mutter entscheidet auch.“

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Essen in Leverkusener Kita vergiftet: Polizei ermittelt wegen Anschlag auf Kinder<<<

    Der Computer als Fluchttunnel

    Ein weiterer Risikofaktor ist der Computer mit seinen Videospielen und Medienangeboten. Jungen seien hier anfälliger als Mädchen, es bestehe „eine gewisse Suchtgefahr“. Denn dem Wunsch des Jungen, seine Grenzen auszuweiten, kommen Computerspiele mit ihren geradezu unbegrenzten Möglichkeiten entgegen, es ist „pures Lustprinzip“ für die Heranwachsenden.

    Interviewpartner Hans Hopf
    © Foto : Privat
    Interviewpartner Hans Hopf

    Dabei könnte diese Faszination produktiv kanalisiert werden, wenn nur jemand da wäre, der klar sagt, wo die Grenzen verlaufen und auf Alternativen aufmerksam macht. Denn Hopf ist überzeugt: „Jungen haben besondere Fähigkeiten, sie interessieren sich sehr fürs Technische. Die meisten Ingenieurberufe, technischen Berufe und Informatikerstellen werden ja auch von Männern besetzt.“ Diese Faszination wird aber oft in irrelevante Spielwelten als Code abgezogen.

    Die extremen Folgen bekommt Hopf zu sehen: „Als Psychotherapeut beobachte ich viele Abhängigkeiten von Jungen, manche müssen sogar klinisch behandelt werden.“

    Vaterfigur fehlt? Pille drüber!

    Weil die Jungen einen „schlechten Ruf und keine ausreichende Lobby“ haben und weil ihre Unruhe, Unkonzentriertheit und Unbeherrschtheit die Eltern belasten und das Soziale verkomplizieren, werden oft Medikamente herangezogen. Die Rechtfertigung lautet ADHS, eine Aufmerksamkeitsstörung, die seit der Diagnosenbildung eine glänzende Karriere hingelegt hat, ebenso wie das Mittel Methylphenidat zu seiner Behandlung.

    „Waren es 1991 noch etwa 1500 Kinder mit dieser Diagnose, so waren es im Jahr 2011 in Deutschland bereits 757 000 Kinder und Jugendliche. 558 000 davon sind Jungen, etwa 75 Prozent“, erläutert Hopf. „Mittlerweile erhalten etwa zwölf Prozent aller zehnjährigen Jungen diese Diagnose, also jeder achte Junge.“

    Das komplette Interview mit Hans Hopf in voller Länge:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Verantwortung, Autorität, Angst, Mädchen, Gender, Hormone, Geschlecht, Kita, Vater, Folgen, Emanzipation, Entwicklung, Jungen