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13:18 21 September 2019
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    Brandenburger Tor in Berlin (Archivbild)

    Patient Deutschland: Zwischen Angst und Tatendrang – Ein Befund für die Nation

    © AP Photo / Michael Probst
    Gesellschaft
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    Der Psychologe Stephan Grünewald erforscht die Volksseele. Dazu befragte er in den vergangenen vier Jahren mehr als 10.000 Bürger. Er beobachtet Werteverlust sowie die Spaltung der Gesellschaft. Sputnik sprach mit ihm zum Zustand der Deutschen: Über Ängste, Wut und Unzufriedenheit, Geschlechterrollen, die junge Generation und ob es Hoffnung gibt.

    Noch seien wir ein „Auenland“, sagt Grünewald, eine Insel des Wohlstands in einer krisenhaften Welt und dennoch herrsche Wut und Unzufriedenheit. Er sieht die Gesellschaft entzweit und unzufrieden, was zu Radikalisierungen führte, er beobachtet aber auch in der sogenannten „German Angst“ keine lähmende Untätigkeit, lediglich ein Zaudern.

    „Wir sind in eine Phase der Orientierungslosigeit geraten: Man weiss nicht, was jetzt politisch der richtige Schritt ist, weil die Parteien sehr austauschbar [...] geworden sind.“ Seit dem Brexit, seit der Flüchtlingskrise „leben wir in einer Zeit des Erwachens, die Leute spüren, dass es einen ‚Schuldigen‘ nicht gibt“, sondern dass sie selbst aktiv werden müssten, so der Meinungsforscher auch im Hinblick auf die junge Generation.

    Alarmierend sei, so Grünewald, dass das Solidarprinzip verlorenginge: „Viele Menschen haben das Gefühl, dass die gesellschaftlichen Eliten fast arrogant naserümpfend auf sie herabblicken“ – wegen ihres vermeintlich unterschichtigen Lebensstils mit Fleisch, Alkohol, Diesel, Zigaretten und TV.

    Er sieht ein Wertschätzungsproblem in der Gesellschaft und ein Spannungsverhältnis zwischen der Lebensrealität und der durch digitale heilsversprechende Welten, regierbar via eigenes Smartphone als das Zepter der Macht, das den Deutschen zu schaffen macht. Quasi von der „digitalen Allmachts-Denke“ bis zum „analogen Ohnmachts-Duktus“, denn der Alltag sei zuweilen überfordernd, werde sogar als persönliche Kränkung wahrgenommen. Duldsamkeit und Demut seien rar geworden.

    „Wichtig ist es, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass es eine gemeinsame Zukunftsvision, eine gemeinsame Utopie gibt, für die wir uns stark machen. Im Moment ist das so ein ‚Schwarzer-Peter-Spiel‘“, so Grünewald.

    Aber auch geringe Zinsen und die essentielle Sorge, sich zum Beispiel Wohnraum in Ballungsgebieten nicht mehr leisten zu können führten zu nachhaltigen Irritationen mit Fragen zum Existenz- und Bleiberecht.

    Umfassende Ergebnisse hat der Psychologe zum angespannten Verhältnis der Geschlechter und der Orientierungskrise der Männer zusammengetragen. Sieben Männertypen  – vom Schoßhund bis zum Macho und deren Rezeption durch die Damenwelt – hat er analysiert, plädiert für eine neue Streitkultur. Eine Gratwanderung zwischen „Metoo“-Kampagne, Authentizität und Archaik.

    Diese Streitkultur sei auch in der Politik geboten, um die jeweilige Perspektive zu erfahren und so zu mehr Verständnis zu kommen. Man sei so besser in der Lage, Kompromisse zu entwickeln, langfristig sei dies auch „seelisch gesünder“ und nachhaltiger, als rigide Durchsetzung oder brave Folgsamkeit, sagt Grünewald.

    Für die Deutschen sieht er Hoffnung, plädiert allerdings für mehr Entspannung, die Akzeptanz der eigenen Unvollkommenheit, seien wir doch „behinderte Kunstwerke“, was eine Gemeinschaftsfähigkeit und somit eine Stärke  begründen würde.

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    Für sein Buch „Wie tickt Deutschland-Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft“ analysierte der Psychologe Grünewald mit seinem Meinungsforschungsinstitut Rheingold tausende psychologiche Tiefeninterviews und erstellte einen Gesamtbefund des Gemeinwesens. Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch.

    Link zum Hören des Interviews:

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    Tags:
    Angst, Volk, Seele, Gesellschaft, Sorgen, Unzufriedenheit, Forschung, Psychologie, Deutschland, Stephan Grünewald