12:48 18 Juni 2019
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    „Pioniere zum Kampfe für die Sache der Arbeiterklasse“: Altes Plakat aus der Republik der Wolgadeutschen.

    Ein deutscher Staat in Russland und Stalins Zorn: Vom Schicksal der Wolgadeutschen

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    Alexander Boos
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    „Deutsche Auswanderer erhielten in Russland einst staatliche Autonomie“, sagte Anfang der Woche die deutsch-russische Kulturschaffende Olga Martens gegenüber Sputnik. Zuvor eröffnete sie mit Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) in der Berliner Landesvertretung von Sachsen-Anhalt die Ausstellung „Das deutsche Wolgagebiet“. Sputnik war vor Ort.

    Am vergangenen Montag in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund in Berlin. Dort eröffneten Organisatorin Olga Martens und Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) die Bilder-Ausstellung „Das deutsche Wolgagebiet. Eine unvollendete Fotogeschichte“. Martens wuchs als Russlanddeutsche in Sibirien auf und kennt die Situation der Wolgadeutschen in der Russischen Föderation nach ihren Worten aus erster Hand.

    „Wir wussten im Vorfeld, dass wir diese Tagung zum 100-jährigen Jubiläum zur Gründung der territorialen Autonomie des Wolgagebiets haben“, erklärte die Mit-Herausgeberin der „Moskauer Deutschen Zeitung“ und Vize-Vorsitzende des „Internationalen Verbands der deutschen Kultur (IVDK)“ vor Ort im Sputnik-Interview. Um die Ausstellung zu gestalten, „haben wir uns ein Jahr vorbereitet. Haben Archive und Museen angeschrieben und die Erlaubnis zur Verwendung der Fotos eingeholt. Daraufhin haben wir die Ausstellung konzipiert.“

    Die Ausstellung erinnere an eine fast vergessene historische Episode und zeige „eine Zeit der gemeinsamen deutsch-russischen Geschichte in Europa, die kaum noch jemand kennt“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff vor Ort gegenüber Sputnik.

    Impressionen aus der Ausstellung, die aktuell in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt in Berlin zu sehen ist: „Das deutsche Wolgagebiet. Eine unvollendete Fotogeschichte“
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    Impressionen aus der Ausstellung, die aktuell in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt in Berlin zu sehen ist: „Das deutsche Wolgagebiet. Eine unvollendete Fotogeschichte“

    Erst Staatsgründung, dann Deportation

    Die Geschichte der Wolgadeutschen begann mit der Regentschaft Katharinas der Großen (1729 – 1796) in Russland. Prinzessin Katharina verließ einst das frühere Fürstentum Anhalt-Zerbst (im heutigen Sachsen-Anhalt) und regierte ab 1762 Russland als Zarin. Der Zerbsterin ist es zu verdanken, dass sich ab 1763 deutsche Familien an der unteren Wolga ansiedelten und mehrere „deutsche Ortschaften“ im russischen Reich gründeten. Damit konnte Russland dünn besiedelte Gebiete auf seinem Riesenterritorium erschließen. In der Sowjetunion ging aus dem Gebiet an der Wolga dann im Oktober 1918 die „Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“ hervor.

    Die Gründung der Wolgarepublik habe in Russland unterschiedliche Reaktionen ausgelöst, berichtete Martens im Interview. „Man hat verschiedene Haltungen zu diesem Phänomen, zu dieser Staatlichkeit der Deutschen außerhalb Deutschlands. Aber eines war sehr wichtig: Die Deutschen haben damals eine komplette Selbstverwaltung bekommen. Es wurden Bücher verlegt, es wurden Zeitungen herausgegeben. Es war ein nationales Schulwesen vorhanden. Es gab deutsche Bibliotheken, Theater, Kulturinstitutionen. Es ist von dieser Seite her sehr positiv zu sehen.“

    Zu sehen in der Ausstellung: Stalins scharfe Worte

    Doch das Blatt wendete sich im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 übergab Josef Stalin dem Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR am 28. August 1941 den Erlass „Über die Umsiedlung der im Wolgagebiet ansässigen Deutschen“. Etwa 400.000 Wolgadeutsche wurden der kollektiven Kollaboration mit den Nazis beschuldigt und in der Folge nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Dort wurden sie in Arbeitslagern interniert, Tausende starben. Erst 1964 sprach die sowjetische Regierung die Russlanddeutschen offiziell vom Vorwurf der Kollaboration mit den Faschisten frei.

    Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und die deutsch-russische Kulturschaffende Olga Martens
    © Foto : Internationaler Verband der deutschen Kultur (IVDK)
    Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und die deutsch-russische Kulturschaffende Olga Martens

    „Es sind drei Worte, die von Stalin gezeichnet worden sind“, erklärte die russlanddeutsche Ausstellungs-Organisatorin. Stalin hatte mit rotem Stift geschrieben: „Fortjagen muss man sie.“ Die Forderung trage seine Unterschrift. „Es war ein Telegramm, von den hohen Militärs an Herrn Stalin adressiert, weil sie vermutet haben, dass die Wolgadeutschen kollaborieren könnten. Und deswegen müsste man sie aussiedeln.“ Das Original-Telegramm existiere noch in den russischen Archiven.

    „Sehr wichtig“: Deutsch-russischer Jugendaustausch

    Die Ur-Eröffnung der Ausstellung zu den Wolgadeutschen, die aktuell in Berlin zu sehen ist, fand am 12. April 2018 in Moskau statt. „Wir freuen uns sehr, dass die Regierung des Oblast Saratow (im Südwesten Russlands, Anm. d. Red.) im August, am Jahrestag der Deportation, es gewährleistet hatte, die Ausstellung im Gebiet Saratow zu zeigen“, lobte Martens. Das Thema sei „historisch sehr interessant, wenn es nicht politisiert wird. Sowohl für die Russlanddeutschen, für die deutsche Minderheit in Russland, aber auch für die deutsch-russischen Beziehungen ist das ein sehr wichtiges Thema.“

    Sie betonte: „Es war uns wichtig, basierend auf wissenschaftlichen Forschungen eine authentische Ausstellung vorzubereiten. Mit Bildern und mit klaren Texten. Damit ganz normale Schüler und junge Leute auch verstehen, was die Wolgadeutschen sind und waren. Wer die Russlanddeutschen sind und was das Wolgagebiet für sie bedeutet.“

    Von Moskau über Hessen nach Berlin

    „Ich kenne Olga Martens seit meinem Besuch an der Wolga 2015“, erklärte Margarete Ziegler-Raschdorf, Landesbeauftrage der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, vor Ort gegenüber Sputnik. Die Landschaft an der Wolga sei sehr eindrucksvoll. „Dadurch haben sich gute Kontakte geknüpft.“ Daraus seien mehrere Ausstellungen dieser Art auch in Hessen entstanden „mit großer Resonanz.“ Beispielsweise im „Haus der Heimat“ in Wiesbaden oder auch in der hessischen Stadt Hanau. Letztgenannte Ausstellung „hatte einen besonderen Aspekt durch die Einbeziehung von Schulklassen, einer ganzen Jahrgangsstufe. Das macht mir sehr viel Hoffnung, weil sich die jungen Leute dafür so interessieren.“ Dies ging auch auf die Initiative eines Lehrers zurück, den die Hessin ausdrücklich im Interview lobte.

    „Pioniere zum Kampfe für die Sache der Arbeiterklasse“: Altes Plakat aus der Republik der Wolgadeutschen.
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    „Pioniere zum Kampfe für die Sache der Arbeiterklasse“: Altes Plakat aus der Republik der Wolgadeutschen.

    Aus dem Engagement erwuchs ein reger deutsch-russischer Jugendaustausch. „Jetzt fährt diese Gruppe nach Büdingen, wo es ein Anwerbe-Büro und einen Sammelplatz gab. Das ist einfach schon sensationell. In der Kirche dort wurden so viele Auswanderer im Stakkato getraut. Denn Katharina die Große hatte damals gesagt, sie wolle keine Ledigen und die müssen alle verheiratet sein. Es gibt bis heute noch diese Heiratsbücher.“ Die Kleinstadt Büdingen im Rhein-Main-Gebiet war erste Anlaufstation für deutsche Russland-Auswanderer in jener Zeit. Ziegler-Raschdorf selbst kenne durch Nachforschungen eines Historikers solche Bücher aus der Zeit um 1785. „Und genau das können die jungen Leute jetzt nachverfolgen. Sie schauen sich in Büdingen die Bücher an – und finden Namen ihrer Vorfahren. So etwas macht mir Freude.“ Sie leiste gerade Überzeugungsarbeit, um eine Wolga-Reise für Schülergruppen auf die Beine zu stellen.

    „Das ist Integration pur“, so die hessische Landesbeauftragte. „Einheimische Jugendliche lernen die Geschichte der Wolgadeutschen kennen. Umgekehrt nähert man sich an. Da sind sogar schon deutsch-russische Freundschaften entstanden. Das finde ich super.“

    Sie verriet: Das Bundesland Hessen hat seit 1985 die Patenschaft über die Wolgadeutschen inne. „Auch das war für uns Anlass, diese Ausstellung zu organisieren. Weil wir zu diesem 100-jährigen Jubiläum auch einen Beitrag leisten wollten. Wir hatten dazu auch eine große Festveranstaltung mit Ministerpräsident Volker Bouffier.“

    Margarete Ziegler-Raschdorf, Landesbeauftrage der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler
    © Foto : Internationaler Verband der deutschen Kultur (IVDK)
    Margarete Ziegler-Raschdorf, Landesbeauftrage der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler

    Die Fotoausstellung „Das Deutsche Wolgagebiet. Eine unvollendete Fotogeschichte“ ist in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund (Luisenstraße 18, 10117 Berlin) noch bis zum 24. April zu sehen.

    Die Radio-Interviews mit Olga Martens und Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff ­­­zum Nachhören:

    Das Radio-Interview mit Margarete Ziegler-Raschdorf zum Nachhören:

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    Tags:
    Austausch, Josef Stalin, Deportation, Geschichte, Ausstellung, Russlanddeutsche, Sibirien, Wolgadeutsche, Russland, UdSSR, Deutschland