10:40 25 April 2019
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    Leben in dem Dorf Apollonowka

    „In Deutschland braucht uns niemand“: So leben Deutsche in einem sibirischen Dorf

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    Alexander Tschernischjew
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    Omsk: Kein Gas, kein Handy, kein Wasser und auch keine Straßen – an solche Bedingungen kann man sich eigentlich nur schwer gewöhnen. Aber die Einwohner des Dorfes Apollonowka, überwiegend Russland-Deutsche, wollen hier nicht weg. Im Gegenteil: Sie entwickeln ihre eigenen Geschäfte – von der Holzbearbeitung bis zum Brotbacken.

    Ein Korrespondent von RIA Novosti hat Apollonowka besucht und versucht, sich mit dem „deutschen Paradox“ auseinanderzusetzen.

    „Habe Geduld, meine liebe!“

    Zum ersten Mal steckte unser Taxi noch zehn Kilometer von Apollonowka entfernt im Matsch fest. Ungefähr dort ging auch das Mobilfunksignal verloren. Unser Fahrer musste sich eine gute Viertelstunde mächtig anstrengen, um aus der „Matschfalle“ zu geraten – und irgendwann hatte er dabei auch Erfolg.

    „Habe Geduld, meine liebe“, sagte der Fahrer zu seinem Lada-Fahrzeug. „Das sind alles die verdammten Traktoren – ihretwegen sind hier die Spuren so tief!“

    Apollonowka war schon ganz in der Nähe, als wir uns überzeugten, dass die „Matschfalle“ nur eine Lappalie war: Links von uns haben wir auf einmal einen versunkenen Mähdrescher gesehen, und zwar nicht in einem Fluss oder in einem See, sondern gerade mitten auf einem Feld. Und die Maschine saß etwa anderthalb Meter tief im Dreck fest.

    Wenn man solche „Straßen“ gesehen hat, scheint Apollonowka mit seinen alten, schief stehenden Häusern ein schrecklicher Ort zu sein.

    Aber quasi um die Ecke haben wir plötzlich ein ganz anderes Bild gesehen: mehrere solide Ziegelhäuser mit gepflegten Gärten davor hinter niedrigen weißen Zäunen erinnern eher an ein deutsches Städtchen als an die russische Provinz.

    Dieser Eindruck stimmt teilweise: Apollonowka (genauer gesagt Waldheim) wurde 1911 von fünf deutschen Familien gegründet, die nach Sibirien aus der Ukraine gekommen waren. In Apollonowka wurde das Dorf von den Bolschewiki umbenannt – zu Ehren des hiesigen Kosaken Apollon Teljatnikow. Ende der 1980er-Jahre hatte das Dorf mehr als 1000 Einwohner.

    Inzwischen liegt diese Zahl etwas unter 1000 – vor allem sind das die so genannten „Plautdietschen“, aber auch russische und kasachische Familien – Kasachstan liegt nur 50 Kilometer entfernt.

    Dorf Apollonowka
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Dorf Apollonowka

    Deutscher Pragmatismus

    Hier ist das große Haus von Andrej Pauls – einem Nachkommen einer der fünf Familien, die einst Apollonowka gegründet hatten. In der Küche, die gleichzeitig Teil des Wohnzimmers ist, sind auch seine Frau Valentina und ihre jüngere Tochter Margita, sie kochen gerade Essen.

    In religiösen Baptistenfamilien (unter ethnischen Deutschen gibt es viele solche) arbeiten Frauen üblicherweise nicht: Sie kümmern sich in erster Linie um die Kinder und pflegen das Heim. Auffallend ist, dass es im Dorf ganze 52 kinderreiche Familien gibt. Die Pauls haben acht Kinder, von denen mehrere schon erwachsen sind und selbstständig leben – allerdings alle in Apollonowka.

    An den deutschen Pragmatismus erinnert hier jede Kleinigkeit: von der separaten Sommerküche („Damit es im Haus keinen Geruch gibt und damit die Kinder den Dreck nicht ins Haus bringen“) bis zum Dampfbad im Haus und nicht in einem Nebenbau („Damit es nicht lange aufgeheizt werden muss“).

    Nach einem kurzen Gebet setzt sich die Familie an den Esstisch. Auf dem Tisch stehen vor allem selbstgemachte Lebensmittel: Wurst, Käse, Brot, Milch, Honig, Butter. Gesprochen wird über akute Probleme: ob das Vieh gefüttert wurde, ob die Kinder mit ihren Hausaufgaben fertig sind, wann die Wasser- und die Gasleitung im Dorf fertiggebaut wird.

    „Man muss schon ein guter Wirtschaftler sein“, sagte Andrej Pauls. „Aber es ist auch aus wirtschaftlicher Sicht unlogisch. Denn es ist eine Sache, wenn ein Dorf praktisch ausstirbt, und eine andere Sache ist es, wenn es so ein Dorf wie unser ist. Hier hat jeder zweite Einwohner seine eigene Produktion, alle zahlen Steuern. Im benachbarten Noworoschdestwenka gibt es eine Gas- und eine Wasserleitung. Auch die Straßen sind dort besser. Und wir können im Frühjahr nicht einmal unsere Produkte unseren Käufern zustellen. Unser Auto bleibt im Dreck stecken – da müssen wir es mit einem Traktor herausziehen.“

    Andrej Pauls in der Küche
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Andrej Pauls in der Küche

    Hinter dem Haus wird gemuht und gegrunzt.

    „Wir kaufen Nutztiere, füttern sie, um sie dann zu verkaufen“, erzählte der Familienvater. „Das hier ist Borja“ – er zeigt auf ein kleines Ferkel. „In anderthalb Jahren wird es 200 Kilogramm schwer sein. Wir fingen ja bei null an – wir hatten einige Schweine, pflanzten Kartoffeln, damit wir etwas zu essen hätten. Dann ging es Schritt für Schritt aufwärts – wir haben unser Haus ausgebaut, eine Scheune aufgestellt. Und jetzt haben wir 100 Schweine – und das ist nicht sehr viel. Einer von unseren Nachbarn hat 500 Köpfe. Aber ich habe keine Zeit, weil ich Brigadeleiter im Sowchos bin und mich mit Rindern beschäftige.“

    Stallvieh beim Haus der Pauls-Familie
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Stallvieh beim Haus der Pauls-Familie

    Als „Sowchos“ bezeichnet Andrej die Räume, die davon eigentlich übrig geblieben sind. Jetzt ist das eine Aktiengesellschaft, an der die Dorfeinwohner beteiligt sind. Allerdings gibt es da keine Dividenden – „vielleicht nur eine Tonne Getreide im Jahr, und zwar nicht jedes Jahr.“

    „Wir bemühen uns schon seit langem um die Wiederbelebung des Sowchos, aber es fällt uns ziemlich schwer“, räumte Pauls ein. „Aber denjenigen, die ihr Land selbst besitzen, geht es besser – ihre Motivation ist ja besser.“

    Clan-Business

    Wir sind noch einmal im Dreck hängen geblieben – diesmal mit einem „Lada-Niva“ – unterwegs zum hiesigen Sägebetrieb. Wir mussten uns zu Dritt viel Mühe geben, um den Wagen aus dem Matsch herauszuschieben.

    „Das ist noch nicht so schlimm“, sagte unser Begleiter, der Schullehrer Anatoli Makarow. „Bei uns kommt es schon vor, dass auch Mähdrescher und Lastwagen im Dreck untergehen.“

    Hätten wir nicht zuvor den im Dreck festsitzenden Mähdrescher gesehen, hätten wir wohl geglaubt, dass er übertreibt.

    Wassertransporter in dem Dorf Apollonowka
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Wassertransporter in dem Dorf Apollonowka

    Zwar warten die Dorfeinwohner auf Hilfe seitens des Staates, aber sie bleiben auch nicht ganz passiv: Unweit vom Sägewerk haben wir einen großen Schotterhaufen gesehen.

    Sägewerk in dem Dorf Apollonowka
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    Sägewerk in dem Dorf Apollonowka

    „Die Besitzer des Betriebes (ein Sohn und ein Neffe Andrej Pauls‘), bedecken die Erdstraßen mit Schotter“, erzählte Paul. „Jetzt warten sie gerade, bis die Straße trocken wird. Auch andere Unternehmer investieren Millionen. Aber sie können nicht absolut alles verkraften.“

    Im Sägewerk riecht es nach Holz, und es ist ziemlich laut – die Säge wird immerhin intensiv eingesetzt: genauer gesagt rund um die Uhr, sechs Tage in der Woche, in drei Schichten. So wird in allen Betrieben in Apollonowka gearbeitet. Im Sägewerk werden hauptsächlich Bretter hergestellt. Es gibt nur einen Ruhetag – am Sonntag, was nämlich eine religiöse Tradition ist. Rauchen kann man nur in einem ganz bestimmten Ort: Baptisten trinken keinen Alkohol und rauchen nicht, aber die Arbeiter sind vor allem Russen und Kasachen.

    Noch ein Erfolgsgeheimnis der deutschen Unternehmen besteht in der Kontinuität der Generationen. Heute werden in der Dorfmühle bis zu 15 Tonnen Mehl täglich produziert. Aber erst vor zehn Jahren noch stand hier nur ein winziges Lagerhaus.

    „Meinem Vater gehören 20 Prozent der Mühle“, erzählte Andrej Reger. „Er hat sie gemeinsam mit vier anderen Mitbesitzern gegründet. Sie bekommen Dividenden und ihre Söhne arbeiten hier.“

    Mühlenanlage in dem Dorf Apollonowka
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Mühlenanlage in dem Dorf Apollonowka

    Von der Mühle wird das Mehl direkt in die hiesige Bäckerei gebracht. Ganz nebenan befindet sich ein Laden. Seine Geschichte ist ganz besonders.

    „Früher war hier ein Café. Dort war der Sohn eines religiösen Deutschen Stammgast“, erzählte Anatoli Makarow. „Und irgendwann hat dieser Mann seinen betrunkenen Sohn in dem Café gesehen – und dann hat er es gekauft und geschlossen. In diesem Laden wird weder Alkohol noch Tabak verkauft. Das kann man nur im Laden nebenan kaufen, aber nicht immer, weil die Nachfrage gering ist.“

    In der Bäckerei ist es richtig heiß – hier werden jeden Tag 2000 Brötchen aus Weizenmehl gebacken. Hier wird auch in drei Schichten gearbeitet.

    „Unser Brot gilt in der Umgebung als wertvoll“, erzählte die Bäckerin Irina Dik. „Wir haben drei Autos, mit denen wir es unseren Kunden zustellen.“

    Anders als viele andere deutsche Frauen, arbeitet Irina. Aber sie hat auch fünf Kinder.

    „Zu Hause sprechen wir Deutsch. Russisch lernen die Kinder in der Schule“, sagte Irina. „Wir haben unseren eigenen Dialekt, der sich vom Hochdeutsch wesentlich unterscheidet. Wir sind sehr stolz, unsere Sprache aufrechterhalten zu haben.“

    Brüder Piloten

    In Apollonowka gibt es auch andere Unternehmen: eine Autowerkstatt, Produktionsstätten für Hochdruckschläuche, Möbel, Saatgut, Futtermittel. Doch für die ungewöhnlichste Produktion sind die „Brüder Wright“  des Ortes verantwortlich: Jakow und Viktor Tews. Sie konstruieren Flugzeuge und Motorschlitten.

    „Ich habe seit Kindheit vom Fliegen geträumt. Viele Jahre lang baute ich an einem Flugzeug“, erzählt Jakow. „Ich habe es nach meinen Vorstellungen gebaut, deswegen sind mir einige Fehler unterlaufen. Mit einem Motor startete es überhaupt nicht, dann montierte ich ihn ab, wobei der Schwerpunkt falsch gesetzt wurde. Mit Fahrzeugen und einem Seil wurde ich beschleunigt. Ich stieg für etwa 15 Meter hoch, doch das Flugzeug stellte sich auf wie eine ‚Kerze‘ und ging nach unten. Zum Glück wurde ich nicht verletzt“.

    Jakow gab seinen Traum jedoch nicht auf: Er kaufte zunächst ein motorisiertes Drachenfluggerät und dann ein doppelsitzigen Ikarus.

    „Mit ihm stürzte ich ebenfalls ab – ich blieb in einem Baum hängen. Einen Monat musste ich das Bett hüten. Einmal flog ich zufällig in den kasachischen Luftraum. Gottseidank bekam ich nur eine Warnung. Deswegen steige ich nicht besonders hoch – 250-300 Meter sind optimal, um das Nachbardorf zu erreichen“, sagte Tews und bietet uns an, mitzufliegen.

    Jakow Tews und sein Flugzeug in dem Dorf Apollonowka
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Jakow Tews und sein Flugzeug in dem Dorf Apollonowka

    Wir stimmen zu. Tews öffnet die Halle, vor uns steht sein roter „Vogel“.

    Statt eines Fahrwerks finden wir Kufen vor – das ist die Winterversion. Der Korrespondent gelangt mit Mühe in die Kabine, doch der Start ging schief – wegen des nassen Schnees konnte unser Gerät nicht abheben.

    „Man muss eine Dreckbrühe trinken“

    Im Schnee steckengeblieben ist auch die Wasserlieferantin, die einige Male in der Woche Trinkwasser ins Dorf bringt. Die Arbeiter arbeiten fleißig mit Schaufeln, damit es wieder losgehen kann.

    „Weil sie steckengeblieben sind, werden sie in unsere Straße sicher nicht fahren, weil dort alles noch schlechter aussieht. Man muss Dreckbrühe trinken“, so Makarow.

    Das örtliche Wasser enthält sehr viele Mineralien. Benutzt man einen Wasserfilter bzw. Kessel, wird man dem Kessel und den eigenen Nieren schaden. Allerdings ist auch dieses Wasser nicht in allen Häusern vorhanden, deswegen kommt zweimal pro Woche ein Wasserlieferant und stellt vor den Häusern 30-Liter-Ballons ab  — 25 Rubel pro Stück.

    Allerdings sind sich die Einheimischen einig – das Hauptproblem ist die Verbindung mit der Außenwelt, genauer gesagt, dass sie fehlt.

    Ein Bus in dem Dorf Apollonowka
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Ein Bus in dem Dorf Apollonowka

    Man wartet nicht mehr auf ein Wunder, und die Schullehrer schickten Anfang Februar einen Videoapell an Wladimir Putin, in dem sie sich über alles beklagten – das fehlende Wasser, Gas, Straßen, Medizin und regelmäßige Verbindung nach Issikul – dem 50 km entfernten Verwaltungszentrum der Region.

    „Der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war das Streichen eines Busses nach Issikul“, erinnert sich die Schuldirektorin Olga Makarowa. „Ich wusste von der Initiative der Lehrer und unterstützte sie vollständig. Denn viele Kinder fahren dorthin zum Musikunterricht bzw. in die Kunstschule, und die Erwachsenen zum Einkaufen unter anderem“.

    Bereits am nächsten Tag kamen Vertreter der regionalen Ministerien und die Kreisverwaltung nach Apollonowka.

    „Es versammelte sich das ganze Dorf, es wurde lange gesprochen. Es gibt einige Ergebnisse – die Busse verkehren wieder wie früher. Die Firma, die das Geld für die Wasserleitung sammelte und danach verschwand, kam zurück und gab das Geld zurück. Es wurde der Bau eines Mobilfunkmasten besprochen. Von Straßen und Gas ist bislang keine Rede“, so Makarowa.

    Die Schuldirektorin sorgt sich um fehlendes Personal vor Ort.

    „Viele Spezialisten wollen nicht zu uns kommen. Das ist auch klar – man will attraktive Bedingungen, und bislang kann man von dem Lehrergehalt nicht einmal Kohle für den Winter kaufen – mit Kohle wird das ganze Dorf beheizt“.

    Olga leitet eine besondere Schule – wo sonst kann man in Russland in den Pausen Gespräche auf Deutsch hören?

    Ein Mädchen geht in die Schule in dem Dorf Apollonowka
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Ein Mädchen geht in die Schule in dem Dorf Apollonowka

    200 Schüler, 70 Prozent davon sind Deutsche.  Doch die Ausbildung erfolgt in russischer Sprache, weshalb die Kinder bilingual aufwachsen.

    „Russische Schüler profitieren auch davon – viele sprechen sehr gut Deutsch, nicht nur wegen der deutschen Lehrer, die den Sprachunterricht leiten, sondern auch dank der täglichen Kommunikation mit Freunden. Die Nationalitätenfrage bei den Erwachsenen und Kindern spielt keine Rolle – alle kommunizieren miteinander“.

    Kinder beim Deutsch-Unterricht in dem Dorf Apollonowka
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Kinder beim Deutsch-Unterricht in dem Dorf Apollonowka

    Ein Stück von allen

    In dem Dorf  gibt es etwa 200 Baptisten, davon etwa 40 Russen. Das geistliche Zentrum der Ortschaft ist das Gebetshaus. Im Inneren kann man kaum glauben, dass man sich in einem Dorf befindet – der Raum sowie die Ausstattung könnten in einer Millionenstadt stehen. Große Räume mit riesigen Fenstern, bequeme Bänke, Marmortreppen, Mikrofone.

    Andrej Pauls in dem geistlichen Zentrum in dem Dorf Apollonowka
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    Andrej Pauls in dem geistlichen Zentrum in dem Dorf Apollonowka

    „Wir treffen uns dreimal pro Woche – Diskussion über das Wort Gottes, Gebetsgemeinschaft und Gespräche zu belehrenden Themen – auf Russisch, damit es alle verstehen“, erzählt Prediger Andrej Pauls. „Hier werden auch Feste gefeiert und schöpferisch gearbeitet – wir haben ein eigenes Blas- und Streichorchester, Kinder- und Erwachsenenchor“.

    Alles ist auf deutsche Weise durchdacht – zum Beispiel das Zimmer mit Kinderwagen – das Weinen der Kinder stört nicht, doch zugleich sehen und hören die Menschen durch das Fenster und die Soundbox alles, was im Saal vor sich geht.

    Viel bescheidener sieht die orthodoxe Kirche am anderen Ende des Dorfes aus. Der Bau des baptistischen Zentrums wurde mit obligatorischen Geldern finanziert, der Bau der orthodoxen Kirche mit freiwilligen Spenden.

    Kirche in dem Dorf Apollonowka
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    Kirche in dem Dorf Apollonowka

    „Der ständige Gemeinderat besteht aus nur fünf bis sechs Personen“, sagt Anatoli Makarow vor einer Ikonenwand, die er selbst hergestellt hat. „Der Gottesdienst findet alle zwei Wochen und zu Feiertagen statt. Wir haben keinen eigenen Pater, die Geistlichen reisen aus Issikul an. Ein Haus ohne Herr hat es schwer. Allerdings freuen wir uns über das, was wir haben“.

    Zum Schluss zeigt Makarow, worauf er stolz ist – den Glockenturm. Der Dorflehrer zieht an den Seilen – über Apollonowka ertönt ein angenehmer Glockenschlag.

    Mangelnde Finanzmittel

    Der Verwaltungschef der Gemeinde Noworoschdestwenskoje, zu der Apollonowka gehört, Juri Kossenok, zuckt nur mit den Achseln – die Kassen sind leer, um die vielen akuten Probleme zu lösen.

    „Die Gas- und Wasserversorgung gehört nicht zu unseren Vollmachten. Auch Finanzmittel fehlen – der Haushalt der Gemeinde liegt zusammen mit allen Subventionen bei nicht mehr als sechs Mio. Rubel. Das ist für Apollonowka, Noworoschdestwenka und Jewsjuki. Dennoch wird Trinkwasser nach Apollonowka regelmäßig zu einem lächerlichen Preis gebracht. Technisches Wasser wurde gegen Entgelt geleitet – an jene, die es wollten. Der Verantwortliche einer privaten Firma nahm die Vorauszahlung und verschwand, nach ihm wurde zwei Jahre lang gesucht. Nach dem Videoapell an den Präsidenten tauchte er auf und gab das Geld zurück“, sagt der Beamte.

    Kinder gehen in die Schule in dem Dorf Apollonowka
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Kinder gehen in die Schule in dem Dorf Apollonowka

    Ihm zufolge kann man Apollonowka bei jedem Wetter mit einem Pkw auf einer Asphalt- und Schotterstraße erreichen, die natürlich „nicht perfekt“ ist.

    Die unbefestigte Straße ist nirgendwo erfasst, deswegen wird sie auch nicht repariert.

    „Was die Straßen in den Dörfern betrifft, wurden sie zuerst in Noworoschdestwenka repariert, das ist doch das Zentrum der Gemeinde. In diesem Jahr werden Straßen in Apollonowka neu asphaltiert. Wir warten auf die versprochenen Gelder aus dem Haushalt des Gebietes. Unbefestigte Straßen können wir mit diesen Geldern nicht reparieren, doch wir bemühen uns, sie ab und zu auszubessern. Nicht jedes Jahr, da uns die Finanzmittel fehlen. Damit statt unbefestigten Straßen feste Straßen entstehen, muss der Grund zunächst vermessen werden, worauf die Geodäsie folgen muss – das kostet alles viel Geld. Bislang gibt es keine Programme für solche Reparaturen, alle fordern das von der Gemeinde, doch ich habe dieses Geld nicht“, so Kossenok.

    Er versprach, dass zum Dezember im Rahmen des Gebietsprogramms in Apollonowka ein Mobilfunkmast entstehen würde, derzeit liefen die Vermessungsarbeiten.

    Blick auf das Dorf Apollonowka
    © Sputnik / Alexander Kryschew
    Blick auf das Dorf Apollonowka

    „Der Videoapell hat damit nichts zu tun. Es wurde einfach nicht gesagt, solange das nicht sicher war. Die Arbeiten begannen bereits im September“, sagte er.

    „Unsere Heimat ist hier“

    Bevor wir wieder abreisen, stellen wir eine seit langem gereifte Frage an Andrej Pauls:

    „Warum gehen Sie nicht nach Deutschland? Dort sind die Straßen anscheinend besser…“.

    „Viele Familien in Apollonowka haben Verwandte in Deutschland. Sie besuchen uns, und wir besuchen sie. Doch dort fühlen wir uns nicht zu Hause. Wir haben zu lange in Russland gelebt. Auch wie unsere Kinder – sie fahren für einige Zeit weg und kommen dann wieder zurück. Niemand braucht uns dort. Unsere Heimat ist hier“, sagte er.

    Pauls und Makarow verabschieden sich. Mit ihren Stiefeln stapfen sie durch den Schlamm und diskutieren lebhaft die anstehende Aussaat.

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