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10:40 15 Oktober 2019
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    Chanel #VII aus der Serie Al-Kouture

    „Emanzipiert“ oder „unterdrückt“? Museum zeigt muslimische Mode

    © Foto : Contemporary Muslim Fashions/Jenkins Johnson Gallery/Al-Badry, Wesaam
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    Der Markt für muslimische Mode wächst weltweit rasant. „Contemporary Muslim Fashions“ ist die erste große Ausstellung, die sich mit dem Phänomen zeitgenössischer muslimischer Mode auseinandersetzt. Kritiker sehen in der gezeigten Mode den Ausdruck einer repressiven Politik und weiblicher Unterdrückung.

    Bereits vor Eröffnung der Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ richtete eine Gruppe mit dem Namen „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“ einen offenen Brief an Museumsleiter Matthias Wagner K., in dem stand, dass er dem Kleidungsdiktat eine Plattform biete. Auch in der bekannten feministischen Zeitschrift „Emma“ wurden Kritiken von liberalen Muslimenveröffentlicht, die den Ausstellungsmachern „Naivität“ sowie „Anbiederung an den politischen Islam“ vorwerfen und sie als „nützliche Idioten des Polit-Islam“ bezeichnen.

    >>>Mehr zum Thema: Islamische Modeausstellung: Wieviel Kopftuch darf ein deutsches Museum? FOTOs<<<

    „Verstehe die Aufregung nicht“

    „Ich fand die Ausstellung im Vergleich zu der Aufregung ganz harmlos“, erklärt dagegen die Journalistin und Publizistin Khola Hübsch im Sputnik-Interview. „Man sieht da ‚Modest Fashion‘. Teilweise war Streetwear zu sehen. Es war Sportswear zu sehen und viele andere Stücke: traditionelle Mode. Nachdem ich die Ausstellung gesehen hatte, habe ich erst recht nicht verstanden, warum die Aufregung davor so groß war.“
    Hübsch engagiert sich als Muslimin in der Ahmadiyya-Gemeinschaft für den interreligiösen Dialog. Für sie ist das Kopftuch in erster Linie ein religiöser Ausdruck und Gebot im Koran. Sie erläutert:

    „Der Hijab drückt die Verbundenheit und Liebe zu Gott aus. Er ist natürlich verbunden mit einer Lebensphilosophie, da finde ich den Begriff ‚Modest Fashion‘ auch passend. Es geht um Bescheidenheit und Zurückhaltung. Es ist aber auch ein ganzheitliches Konzept, bei dem es auch um nachhaltige und faire Mode geht.“

    „Gott legt keinen Wert auf die Kleidung“

    Ausstellungskoordinatorin Mahret Ifeoma Kupka beschreibt „Modest Fashion“ als weniger körperbetonte Bekleidung. Dabei gebe es keine tiefen Ausschnitte, keine tiefen Schlitze bei Röcken. Alles sei etwas körperumfließender und nicht hauteng.

    Ganz anders sieht der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi das Thema Kopftuch. Er ist Autor des Buches: „Ihr müsst kein Kopftuch tragen! – Aufklären statt verschleiern“ und fragt sich im Sputnik-Interview, warum selbstbewusste Frauen Kopftücher brauchen:

    „Reduziert die Religion die Frauen auf ihre Haare und ihren Körper? Wir haben Aussagen des Propheten, wo deutlich gesagt wird, dass Gott keinen Wert auf das Äußere legt, sondern auf das philanthropische Handeln des Menschen. Ich bin skeptisch, wenn uns im Namen der Freiheit, oder im Namen der Toleranz irgendwelche Symbole des politischen Islams als eine Selbstverständlichkeit verkauft werden.“

    Verschleierungspflicht: damals und heute

    Ja, es gebe den „Kopftuch-Zwang“, weiß auch Khola Hübsch, aber die Ausstellung würde dieses Problem auch thematisieren. Zum Beispiel durch Fotografien von Hengameh Golestan. Als die islamische Revolution im Jahr 1979 den letzten persischen Monarchen seines Amtes enthob, begann Golestan sich der Dokumentation der Unruhen in ihrer Heimatstadt Teheran zu widmen.

    Die Bilder, die in der Ausstellung gezeigt werden, nahm sie am 8. März des Jahres 1979, dem internationalen Frauentag, auf – als „Dokumentation der Demonstrationen von Frauen gegen die gesetzlichen Veränderungen, die im Zusammenhang mit der Ausrufung der islamischen Republik in Kraft getreten waren.“ Eine dieser Regelungen war die Verschleierungspflicht für Frauen an allen öffentlichen Orten. Die Demonstrationen dauerten mehrere Tage und zogen hunderttausende Frauen an.

    Auch aktuell gibt es Proteste gegen die Verschleierungspflicht im Iran. Neben Golestans Fotografien wird ein Twitter-Video von Vida Movahedi gezeigt, die trotz der Gefahr dafür verhaftet, gefoltert und getötet zu werden gegen die verpflichtende Kleiderordnung im Iran protestiert.

    Deutungshoheit des Hijab „zurückerobern“

    Auch die politische Instrumentalisierung des Hijab, wie im Iran, gibt es, sagt Hübsch. Das würde aber nicht heißen, dass das Kopftuch, das von so vielen Millionen Muslimen auf der Welt getragen wird, auch ein politisches Symbol sei. Es gehe vielmehr darum, sich die Deutungshoheit zurückzuerobern und nicht zuzulassen, dass Extremisten das Kopftuch für sich vereinnahmen. Hübsch fügt hinzu:

    „Immer dann, wenn Zwang im Spiel ist, wenn die Frau sich nicht selbstbestimmt für oder gegen ein Kleidungsstück entscheiden kann, ist es problematisch und abzulehnen. In westlichen Ländern, da haben wir teilweise eine andere Situation. Da ist es eher so, dass es manchmal staatliche Regulierungen gibt, wie das Kopftuchverbot für Lehrerinnen.“ Das sei der Zwang das Kopftuch abzunehmen.

    Kopftuch als Emanzipation

    Man müsse also, je nach Situation, unterscheiden. „Im Iran ist es ein Ausdruck der Selbstbestimmtheit der Frau, wenn sie sagen, sie möchten keine staatlichen Vorschriften, das Kopftuch tragen zu müssen und hier ist es ein Ausdruck der Selbstbestimmtheit, wenn Frauen sagen, sie möchten keine staatlichen Vorschriften, das Kopftuch ablegen zu müssen.“

    Auch selbstbestimmt und stark mit dem Hijab aufzutreten, sei letztendlich ein Zeichen der Emanzipation.

    Kopftuch als Unterwerfung

    Doch der Freiburger Islamwissenschaftler Dr. Abdel-Hakim Ourghi zeigt sich kritisch:

    „Immer wieder hört man, dass das Kopftuch ein Zeichen des Feminismus ist und dass die Frauen es freiwillig tragen.“ Das entspreche allerdings nicht der Wahrheit. „Wir wissen, dass das Kopftuch ein männliches Produkt der Herrschaft ist, wodurch Körper und Geist der Frauen kontrolliert werden. Die Frauen werden auf ihr Äußeres reduziert und als Sexobjekte betrachtet. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass das Kopftuch kein Zeichen der Selbstbestimmung ist, sondern ein Zeichen der Unterwerfung. Besonders wenn das Kopftuch als Zeichen des politischen Islam betrachtet wird.“

    Die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ ist im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main vom 5. April bis zum 15. September 2019 zu sehen.

    Das komplette Interview mit Khola Maryam Hübsch zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Dr. Abdel-Hakim Ourghi zum Nachhören:

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    Tags:
    Symbol, Haute Couture, Feminismus, Kritiker, Gefahr, Emanzipation, Koran, Ausstellung, Mode, Kopftuch, Islam