Widgets Magazine
02:16 21 Juli 2019
SNA Radio
    Hammer und Sichel -  Symbol des Kommunismus

    Gründonnerstagsputsch 1919 in Wien – Versuch einer Räterepublik in Österreich?

    CC BY 2.0 / Mark Surman / Museum of Communism
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Sascha Konkina
    2182

    Vor 100 Jahren haben die Kommunisten in Wien einen Putschversuch unternommen, der jedoch rasch beendet werden konnte. Die traurige Bilanz: Sechs Tote und etwa 50 Verletzte. Als „Gründonnerstagsputsch“ ging das Geschehene in die Geschichte ein.

    Tausende Kriegsheimkehrer, Invaliden und Arbeitslose, darunter viele Frauen, versammelten sich vor dem Parlament und traten für wirtschaftliche Förderungen, Arbeitsplätze sowie eine Erhöhung der Brotration ein. Vermutlich wurde die Aktion von den ungarischen Kommunisten und dem radikalen Flügel der österreichischen kommunistischen Partei initiiert. Aber es gab wesentlichere Gründe: Die Hungerkatastrophe, die drückende Not und die allgemeine Verzweiflung der Menschen. Die Not war so groß, dass sich die Demonstranten auf die gefallenen Pferde der Sicherheitswachte stürzten, um Fleischstücke zu ergattern, schrieb der österreichische Historiker Wolfgang Maderthaner. Diese Stimmungen wurden laut einigen Experten von den Kommunisten nur instrumentalisiert.

    Anfangs verlief die Demonstration ruhig. Eine Delegation wurde gewählt. Sie sollte der Regierung im Parlament die Forderungen präsentieren, die jedoch schließlich abgelehnt wurden. Man rief: „Hoch die sozialistische Republik!“ sowie „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ und versuchte, das Parlament in Brand zu setzten. Volkswehr und Polizei konnten den Angriff abwehren. Zu Fuß und zu Pferd waren die Demonstranten unterwegs. Im Zuge eines Feuergefechts wurden sechs Sicherheitswachleute getötet sowie zehn Volkswehrleute und Dutzende Demonstranten verwundet.

    Ein kommunistischer Putsch oder überhaupt kein Putsch?

    Die Presse entrüstete sich gleich über einen angeblichen kommunistischen Putschversuch, wofür in der Folge die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) verantwortlich gemacht wurde.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Vor 100 Jahren: Die Münchner Räterepublik und ihr blutiges Ende auf Noske-Befehl<<<

    Die sowjetische Zeitung Pravda schrieb, der Gründonnerstagsputsch und weitere kommunistische Unruhen dienten als Indizien dafür, dass auch in Österreich die Errichtung einer „Räterepublik“ angestrebt würde.

    Die KPÖ-Führung bewies aber, dass es sich um einen „Verzweiflungsausbruch verhungernder und belogener Proletarier“ gehandelt habe und das „kommunistische“ Volkswehrbataillon im Gegenteil an der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung mitbeteiligt gewesen sei.

    „Der Aufruhr von Arbeitslosen beim Parlament war kein Putschversuch“, schrieb die „Neue Freie Presse“ an diesem Tag. „Die Menge, die sich nach einer Versammlung in Raserei hineinschrie, die Türen des Parlaments einbrechen wollte, Barrikaden errichtete, die Fensterstöcke einer Wohnung im Erdgeschosse mit Petroleum begoß und anzündete, so daß ein Brand entstand, diese tobenden und von ihrer Leidenschaft fortgerissenen Menschen hatten kein bewußtes politisches Ziel. Sie wollten höhere Unterstützungen, Anschaffungsbeiträge und eine bessere Ernährung durch vermehrte Zuweisung von Brot.“

    Ob die Kommunistische Partei tatsächlich im April und später im Juni versuchte, die „Österreichische Räterepublik“ auszurufen, bleibt bis heute unter Historikern umstritten.

    Unumstritten ist die politisch angespannte Atmosphäre dieser Tage. Die revolutionäre Bewegung gewann damals immer mehr an Fahrt. Am 21. März 1919 wurde die Ungarische Sozialistische Räterepublik, am 7. April 1919 die Münchner Räterepublik ausgerufen. Wien befand sich gerade zwischen dem roten Budapest und dem roten München. Der österreichische Sozialdemokrat Julius Deutsch schrieb: „Gelang es aber den Kommunisten, die Volkswehr nur so weit in ihren Bann zu ziehen, daß sie sich im entscheidenden Augenblick abseits stellte ... dann war unsere Sache verloren.“ Aber die Verwandlung des Putsches in eine Revolution missglückte.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Die „Weimarer Republik“: Demokratische Fassade der alten Ordnung oder doch mehr?<<<

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Forderungen, Geschichte, Aktion, Putsch, Kommunismus, Österreich, Revolution