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11:03 18 Juli 2019
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    Hirnschale (Symbolbild)

    Sex-Spiele, Survival, Mord? An Baum gefesseltes Skelett bei Moskau gibt Rätsel auf

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    Gesellschaft
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    Diese Nachricht sorgte für Schlagzeilen auch in britischen und deutschen Medien: Spaziergänger haben in einem Wäldchen bei Moskau einen grausigen Fund gemacht - ein Skelett in moderner Kleidung, gefesselt an einen Baum. Der Verstorbene hatte sich anscheinend selbst angekettet. Wozu und warum konnte er sich nicht mehr befreien? Ermittler rätseln.

    Ermittler befassen sich mit den Umständen des Todes des 31-jährigen Iwan Kljutscharew aus dem Moskauer Umland. Seit zwei Jahren wurde er vermisst. Erst vor kurzem wurden seine sterblichen Überreste im Tscherustinski-Wald entdeckt: Sein Skelett war mit einer Kette und mit Handschellen an einen Baum gefesselt, auf Fotos sieht man noch seinen Schädel, von der Kapuze eines Hoodies bedeckt.

    Ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes wurde allerdings vorerst nicht eingeleitet. Einige Freunde Kljutscharews glauben, dass er bei einem „extremen Abenteuer“ im „Harry-Houdini-Style“, das er selbst organisiert hat, zu Tode gekommen sein könnte. Die Theorie, dass der junge Mann sich als Entfesslungskünstler versuchen wollte, scheint wahrscheinlicher zu sein. Unter Berufung auf diverse Quellen berichten einige russische und internationale Medien, dass der Tote angeblich BDSM-Praktiken drehen wollte. So hätten Ermittler auf seinem PC Hinweise auf großes Interesse an der BDSM-Szene gefunden. Dies wurde jedoch bislang weder dementiert, noch bestätigt.

    Sputnik versucht in diesem Artikel, etwas Licht in diesen bizarr anmutenden und rätselhaften Todesfall zu bringen.

    Foto aus einem Video, das der Ermittlungsausschuss Russlands veröffentlicht wurde
    © Foto : Ermittlungsausschuss Russlands
    Foto aus einem Video, das der Ermittlungsausschuss Russlands veröffentlicht wurde

    „Er kam immer zurück“

    Mitte April wurde eine Polizeiwache im Gebiet Moskau über den Fund eines männlichen Leichnams in einem Wald verständigt. Als die Ordnungshüter vor Ort eintrafen, fanden sie ein Skelett, das an einen Baum gefesselt war, vor: eine Hand war mit Handschellen an den Stamm gebunden. In der näheren Umgebung wurden weitere Handschellen, Ketten, Schlösser, ein Zelt, eine Videokamera sowie ein Buch entdeckt, in dem erklärt wird, wie Knoten richtig gemacht werden.

    Unter den gefundenen Gegenständen fanden sich auch Dokumente, die schlussfolgern ließen, dass es sich dabei um den Einwohner der Stadt Puschkino (Gebiet Moskau), Iwan Kljutscharew, handelt, der seit Mai 2017 vermisst wurde. Laut seinen Familienangehörigen war Iwan ein erfahrener Bushcrafter. In den letzten Jahren hatte er viel Zeit im Tscherustinski-Wald verbracht, wo er eine Art Lager eingerichtet hatte. Dabei handelte es sich um ein Zelt und zwei große Fässer, um dort Lebensmittel zu lagern. Wo sich dieses „Lager“ befand, wusste niemand.

    Seine engeren Bekannten und Verwandten wussten von seinen Ausflügen in den Wald, und machten sich deshalb in den ersten Tagen keine großen Sorgen um ihn: Schließlich kehrte er immer von seinen Ausflügen zurück. An die Polizei wandten sie sich erst im August 2017. Seine Mutter, Jelena Kljutscharewa, organisierte zwei Sucheinsätze, doch ihr Sohn konnte nicht aufgespürt werden. Überraschend war das nicht, denn der Tscherustiski-Wald ist sehr groß, und einige Bereiche sind schwer zugänglich.

    Die Nachricht über Iwans Tod schockierte seine Nächsten, aber über die merkwürdigen Umstände seines Verschwindens wunderte sich nur die Polizei. Seinen Freunden zufolge war Iwan schon immer ein großer Abenteurer, und kurz vor seinem Verschwinden interessierte er sich besonders für Survivaltechniken unter extremen Bedingungen.

    Erfahrener Reisender

    Im Internet gibt es viele Videos, in denen Iwan Kljutscharew über seine große Leidenschaft erzählte, nämlich über das Reisen. Unter anderem erzählte er, wie er per Anhalter durch die Türkei gereist sei, oder wie er in Nahverkehrszügen Kugelschreiber verkaufte, um Geld für die nächste Reise zu verdienen. Seine Freunde kennen ihn wie einen guten Freund mit einem Entwicklungsrückstand, weshalb er etwas naiv und infantil gewesen sei.

    Iwan lebte zusammen mit seiner Mutter und seiner Großmutter, reiste aber viel – allein oder mit zufälligen Mitfahrern. Dabei reiste er üblicherweise entweder zu Fuß oder per Anhalter, übernachtete im Zelt, kochte am offenen Feuer usw.

    „Seine Reisen kamen immer überraschender“, erinnerte sich Iwans Freund Wassili Michailow. „Er konnte beispielsweise ohne Geld nach Dagestan reisen – mit Nahverkehrszügen. Aus meiner Sicht war das wirklich riskant. Oder er konnte im Winter zu Fuß auf Reise gehen und dabei nur Latschen anhaben. Außerdem sammelte er gute alte sowjetische Röhrenelektronik: Kassettenrekorder, Funkgeräte, Fernseher. Er fand sie in Müllhaufen, reparierte sie selbst und lagerte sie zu Hause. Etwas verkaufte er auch.“

    Wassili habe Iwan während einer ungewöhnlichen Reise durch den Fernen Osten kennengelernt: Sie seien mit der Baikal-Amur-Eisenbahn in Güterwaggons gereist.

    „Hatte sich schon früher selbst gefesselt“

    Kljutscharews Nächste räumen ein, dass manche von seinen Taten nahezu wahnsinnig waren. So hatte sich Iwan vor einigen Jahren selbst mit Handschellen an einen Baum gefesselt. Damals hatte er aber Glück – er wurde von Leuten entdeckt, die zufällig an ihm vorbei gingen.

    Über die Gründe für diese merkwürdige Tat sprach Iwan nie. Aber die Untersuchungsrichter vermuten, dass er zu einer Gemeinschaft gehört haben könnte, deren Mitglieder sich selbst testeten, ob sie unter extremen Bedingungen überleben könnten.

    „Er hatte keine Angstschwelle, er war sehr naiv und leichtgläubig“, erzählte ein Freund von Iwan. „Möglicherweise wollte er sich selbst auf diese Weise prüfen oder hat sich von jemandem überreden lassen, an einem solchen Experiment teilzunehmen.“

    Die Untersuchungsrichter haben vorerst mehr Fragen als Antworten. „Wir können noch nicht sagen, ob dies ein Tod nach einem Verbrechen war. Wir warten, was die Untersuchung ergeben wird“, teilte ein Sprecher der Verwaltung des Ermittlungskomitees für das Gebiet Moskau mit.

    Laut vorläufigen Angaben ist Iwan vor ungefähr einem Jahr gestorben. Aber mehr können die Experten kaum sagen: Wenn man ein Skelett untersucht, kann man nicht sagen, wodurch das Opfer ums Leben gekommen ist. Die Ermittler müssen jetzt indirekte Hinweise analysieren, darunter Schäden an der Kleidung, Spuren in der Nähe des Todesortes usw. Ob sie den Fall aufklären können oder ob die Geschichte noch verworrener wird, wird sich mit der Zeit zeigen.

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    Tags:
    Verschwinden, Polizei, Leiche, BDSM-Wäsche, Abenteuerlichkeit, Skelett, Tod, Ermittler, Russland