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22:32 19 Oktober 2019
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    Lenins Leiche im Moskauer Mausoleum (Archivbild)

    Der Tote auf dem Roten Platz: Warum wird Lenin nicht endlich begraben?

    © Sputnik / Oleg Lastotschkin
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    Am heutigen Montag feiert die kommunistische Welt den 149. Jahrestag seit dem Geburtstag von Wladimir Lenin, dem Hauptideologen der Sowjetunion. Seit Jahrzehnten liegt sein Körper nicht begraben im Mausoleum auf dem Roten Platz – immer wieder wird darüber diskutiert. Warum kann er nicht einfach beerdigt werden?

    Vor kurzem ging beim Zentralen Wahlausschuss Russlands ein merkwürdiger Brief ein: Der Leiter des Forschungsinstituts für die Probleme der aktuellen Politik, Anton Orlow, schlug der Behörde vor, 2019 ein allrussisches Referendum zur möglichen Beisetzung von Lenin zu veranstalten. Die Frage werde mit jedem Jahrestag aktueller, so die Begründung, die der Ausschuss zurückwies: Es gebe nach dem Gesetz eine bestimmte Prozedur für das Sammeln von Stimmen, was sollen dann die ganzen Briefe?

    Marsch der Kommunisten auf dem Roten Platz zum Geburtstag von Wladimir Lenin am 22. April 2019
    © Sputnik / Grigorij Syssojew
    Marsch der Kommunisten auf dem Roten Platz zum Geburtstag von Wladimir Lenin am 22. April 2019

    Der Chef der kommunistischen Partei Russlands, Gennadi Sjuganow, wies die Idee eines Referendums entschlossen als „Provokation“ zurück. Die Duma-Abgeordnete der Krim, Natalja Poklonskaja, kommentierte jedoch, das Lenin-Mausoleum sei das Überbleibsel, das das geistige Vakuum nicht füllen könne.

    „Für einige unserer Mitbürger ist das Mausoleum ein Symbol für ihren Glauben. Aber ich finde, dass sogar sie verstehen, dass dies (...) ein Überbleibsel ist, das uns zurückzieht und uns sich nicht entwickeln lässt“, so Poklonskaja.

    Doch die lange Geschichte des Mausoleums ist mächtiger als die Meinungen der Politiker. Meinungsumfragen zeigen: Zumindest die Hälfte der Bevölkerung Russlands ist dazu noch nicht bereit.

    „Baut ihm keine Denkmäler oder Paläste“

    Wo man Lenin künftig begraben könnte, wurde zum ersten Mal im Herbst 1923 erörtert, als Lenins Gesundheitszustand sich erheblich verschlechtert hatte. Josef Stalin hatte damals als Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU eine Sitzung des Politbüros einberufen und vorgeschlagen, nach Lenins Tod seine Leiche einzubalsamieren.

    Lenins Leiche im Moskauer Mausoleum (Archivbild)
    © Sputnik / Oleg Lasstotchkin
    Lenins Leiche im Moskauer Mausoleum (Archivbild)

    Der Vorschlag soll den damaligen Kriegskommissar Leo Trotzki empört haben. Er erinnerte sich:

    „(...) Mir wurde nur klar, wo diese unverständlichen Argumente und Hinweise, dass Lenin Russe war und auf russische Weise begraben werden sollte, hinführten. Auf diese Weise wurden auch die Heiligen nach den Kanons der Russisch-Orthodoxen Kirche zu Reliquien gemacht.“

    Nach Lenins Tod hatte sich jedoch keiner öffentlich gegen dessen Einbalsamierung geäußert. Das erste provisorische hölzerne Mausoleum wurde für den Tag der Beisetzung Lenins am 27. Januar 1924 in wenigen Tagen errichtet. Die wohl einzige, die dagegen protestierte, war seine Frau Nadeschda Krupskaja. Am 29. Januar 1924 veröffentlichte die Zeitung „Prawda“ ihre Worte: „Genossen, Arbeiter und Bauern! Ich habe eine große Bitte an Sie: Lasst eure Trauer um Iljitsch nicht zur äußeren Verehrung seiner Persönlichkeit werden. Baut ihm keine Denkmäler oder Paläste, macht keine pompösen Feiern im Gedenken an ihn (...). Er hat auf all dies in seinem Leben wenig Wert gelegt, dies alles war ihm lästig.“ Anschließend hatte Krupskaja das Mausoleum nie besucht.

    „Ich kann mich darauf jetzt nicht einlassen“

    Nach Stalins Tod 1953 verabschiedete das Zentralkomitee der KPdSU eine Resolution, nach der ein „Pantheon – ein Denkmal für den ewigen Ruhm der großen Menschen des Sowjetlandes“ – entstehen sollte. Sowohl der Körper Lenins als auch der Stalins sollten da platziert werden. Doch aufgrund der von Chruschtschow initiierten Entstalinisierungspolitik ging die Idee nie in Erfüllung. Anschließend wurde Stalins Leichnam aus dem Mausoleum herausgetragen und nahe der Kremlmauer begraben, wobei Lenins Leichnam dort verblieb.

    Kaum jemand brachte bis hin zur Perestroika die Beisetzung von Lenins Körper öffentlich zur Sprache. Im neuen Russland war das der Oberbürgermeister von St. Petersburgs, Anatoli Sobtschak. In seinen Memoiren erinnerte er sich daran, wie er Präsident Jelzin und Patriarch Alexi II. um Beistand gebeten hatte: „Ich habe Boris Jelzin wiederholt zu überzeugen versucht, ein Dekret über die Bestattung von Lenins Leichnam zu erlassen. (…) „Ich werde das Begräbnis feierlich und öffentlich machen lassen, so dass es Lenins Platz in unserer Geschichte verdienen würde“, wollte ich den russischen Präsidenten überreden. Aber als Antwort hörte ich jedes Mal: „Ich kann mich jetzt nicht darauf einlassen.“ Viele Politiker und Staatsmänner antworteten, dass sie warten müssten, bis die gesamte Generation der unnachgiebigen Kommunisten ausgestorben sei. Dann würde Lenin endlich seinen Frieden finden.“

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    Jedoch hatte Jelzin 1999 im Interview für die Zeitung „Iswestija“ erwähnt, das Lenin begraben werden sollte: „Wann, ist die Frage. Der Lenin im Mausoleum ist ein historisches Symbol unserer Vergangenheit.“

    2016 meldete sich auch Präsident Wladimir Putin zu Worte. Auf einem Forum der Gesamtrussischen Volksfront sagte er, man müsse solche Fragen sehr behutsam angehen, ohne „Schritte, die unsere Gesellschaft spalten“. Denn die Gesellschaft müsse man vereinigen.

    Erneute Diskussion beim 100-jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution

    Die nächste Diskussionsrunde fand 2017 statt, zum 100-jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution. Schon im April 2017 reichten Mitglieder der Liberal-Demokratischen Partei Russlands sowie der Partei „Einiges Russland“ der Staatsduma einen Gesetzentwurf zur Bestattung Lenins ein. Doch dann zog „Einiges Russland“ seine Unterschriften zurück.

    Beisetzung Lenins am 27. Januar 1924 auf dem Roten Platz in Moskau
    © Sputnik . Archiv
    Beisetzung Lenins am 27. Januar 1924 auf dem Roten Platz in Moskau

    Zugleich zeigte eine Umfrage des Lewada-Zentrums, wie uneinig die Bevölkerung Russlands bei der Frage war: 41 Prozent der Befragten wollten Lenins Beisetzung, wobei ebenfalls 41 Prozent dessen Körper im Mausoleum behalten wollten. Der Rest enthielt sich

    Gedenktag des Todes von Wladimir Lenin (Archiv)
    © AP Photo / Pavel Golovkin
    Mit einer alternativen Idee trat der Leiter des Rates für Menschenrechte, Michail Fedotow, auf: Das Mausoleum müsse nicht abgetragen, sondern ein Museum werden – so wie der Invalidendom in Paris, wo Napoleon begraben ist. Der Körper Lenins würde damit bestattet werden und doch im Museum bleiben. 

    Der Sekretär der Öffentlichen Kammer Russlands, Valeri Fadejew, schlug seinerseits vor, zunächst die sowjetische Periode des Landes zu überdenken. „Die Frage ist nicht es, ob man Lenins Körper begraben soll oder nicht, sondern wie wir uns auf die Revolution von 1917 beziehen und wie wir uns auf die 70 Jahre beziehen, in denen wir das Sowjetsystem hatten (...)“, kommentierte er 2017 gegenüber Journalisten.

    Wie Relikte von Heiligen – nur für Kommunisten

    Allerdings war es im Januar 2018 Wladimir Putin, der in den Diskussionen für eine Weile einen Punkt setzte. Er verglich die kommunistische Haltung gegenüber Lenin mit der Verehrung von Heiligen im Christentum.

    „Sehen Sie, Lenin wurde in ein Mausoleum gebracht. Wie unterscheidet sich dies von den Relikten der Heiligen für Orthodoxe, für Christen?“ Auf dem heiligen Berg Athos gebe es doch Relikte, so habe man auch „hier“ etliche, so Putin.

    So lässt sich aus der ganzen Geschichte schließen: Kommunisten sind traditionell gegen die Bestattung des Führers des Weltproletariats; die Liberaldemokraten glauben, dass die Zeit dafür noch nicht gekommen ist; „Einiges Russland“ sowie der Kreml behaupten, das Land habe wichtigere Aufgabe, als sich mit Lenins Leiche zu beschäftigen.

    Der Kommunistischen Partei zufolge kostet der Unterhalt von Lenins Körper im Mausoleum, einschließlich der Wiedereinbalsamierung alle anderthalb Jahre, circa 15 Millionen Rubel pro Jahr. Seit 1991 werden allerdings die auf den Körper bezogenen Kosten von der Lenin-Mausoleum-Stiftung sowie Spenden von Einzelpersonen übernommen. Der russische Neurologe Valeri Nowosjolow, der als Erster die Tagebücher der Ärzte Lenins studiert hat, kommentierte am Dienstag gegenüber der Internet-Zeitung „Fontanka“, er sei sich sicher, dass Lenin 2024 endlich beerdigt wird. Er hat unter anderem erkannt, dass Lenin an Syphilis gelitten hat.

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    Tags:
    ZK der KPdSU, KPRF, Roter Platz, Oktoberrevolution, Lenin-Mausoleum, Mausoleum, Geschichte, Anführer, Tod, UdSSR, Sowjetunion, Wladimir Lenin