05:17 17 November 2019
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    Krieg gegen die Vernunft: Wie Kriegspropaganda Menschen morden hilft

    © Foto: U.S. Navy / Mass Communication Specialist 3rd Class Justin A. Schoenberger
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    Mit der Rolle der Kriegspropaganda in der Vergangenheit und Gegenwart beschäftigt sich das aktuelle Heft der Kulturzeitschrift „Melodie & Rhythmus“. Die Autoren zeichnen nach, wie die Kriegstreiber die eigene Bevölkerung auf ihre Seite bringen. Sie zeigen, wie sich Intellektuelle und Künstler immer wieder für diese Propaganda benutzen lassen.

    Krieg zerstört nicht nur die materiellen Grundlagen des Lebens, sondern auch „jedes vernünftige Denken“. Er „katapultiert ganze Bevölkerungen auf primitivste Entwicklungsstufen zurück“. Zugleich löscht er die Errungenschaften der Aufklärung aus, „bis von ihr nur noch Massenbetrug übrig bleibt, der von einer alle Bereiche unserer Lebenswelt durchdringenden Kulturindustrie zur Ware verarbeitet und vermarktet wird“. Das stellt Susann Witt-Stahl in der aktuellen Ausgabe 2/2019 der Zeitschrift „Melodie & Rhythmus“ (M & R) fest.

    Witt-Stahl ist Chefredakteurin der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift. Deren aktuelles Heft beschäftigt sich im Schwerpunkt mit dem Thema Kriegspropaganda. Ein Beispiel dafür, wie die Vernunft ausgeschaltet wird, ist für die Journalistin, wie seit Jahren Russland dämonisiert wird. „Mehr noch als Traum erweisen sich Lügen und Hassfabriken für das Kapital als Goldgruben und Garanten seiner Macht – strebt es doch stets danach, seine unzähligen Krisen durch Überproduktion von Rüstungsgütern und Konsumption, Kugel, Bomben und Raketenhagel, zu lösen.“

    Der Nato-Krieg gegen Jugoslawien 1999 unter bundesdeutscher Beteiligung habe „die Schleusen für eine von der Realität entgrenzte Propaganda mit einem doppelten Tabubruch geöffnet“. Damals sei „erstmals seit Ende der NS-Herrschaft von deutschem Boden wieder ein Angriffskrieg“ ausgegangen. Der 20. Jahrestag seines Beginns am 24. März 1989 sei der Anlass für das Titelthema „Kriegspropaganda“ der aktuellen Ausgabe gewesen.

    Wie einst im Kalten Krieg

    „Russland ist eine fleischfressende Maschine“ – diese These der russisch-US-amerikanischen Autorin Mascha Gessen greift Arnold Schölzel in dem Heft auf. Für ihn ist die Schriftstellerin eine derjenigen Literaten, die heutzutage „als ‚Voice of America‘ für eine Eskalationspolitik gegen den alten und neuen Erzfeind“ schreiben.

    Der Autor erinnert an den „Kongress für kulturelle Freiheit“ in den Zeiten des Kalten Krieges. Diese Organisation hatte der US-Geheimdienst CIA 1950 gegründet, um linksliberale Intellektuelle für den Kampf gegen den Kommunismus zu gewinnen. Dieser „sollte mit ‚freier‘ Kultur und Atomwaffen besiegt werden. Die Finanzierung des ‚Kongresses‘ erfolgte u.a. über die Ford-Stiftung. 1967 wurde die Geldquelle aufgedeckt, das atomare Gleichgewicht wurde hergestellt, und die Sache schien erledigt“. Doch Letzteres sei ein „Irrtum der sozialistischen Länder und der Linken weltweit“ gewesen, so Schölzel.

    Die britische Historikerin Frances Stonor Saunders hatte 2001 in dem Buch „Wer die Zeche zahlt… – CIA und die Kultur im Kalten Krieg“ über den Kongress und seine Hintergründe geschrieben. Zu der Organisation haben laut Schölzel zeitweise Prominente wie Willy Brandt, Heinrich Böll, Siegfried Lenz oder die einstige Herausgeberin der Wochenzeitung „Die Zeit“ Marion Gräfin Dönhoff gehört.

    Altes Feindbild wiederbelebt

    Der M & R-Autor stellt fest: „Eine Vereinigung dieser Art gibt es im neuen Kalten Krieg gegen Russland nicht, sie scheint auch nicht nötig. Seitdem Kriege ‚humanitäre Interventionen‘ heißen mehrt sich die Zahl von deren Anhängern unter Schriftstellern.“ Er verweist auf das „Bizarre, aber selten Benannte: Namhafte, sich humanistisch oder gar links wähnende Autoren unterstützen diese Politik, die seit dem Ende der Sowjetunion durch eine Kette von neokolonialen Kriegen, Aufrüstung und Vorrücken der NATO an praktisch alle Grenzen Russlands die heutige zugespitzte Lage herbeigeführt hat.“

    Zu ihnen zählen laut Schölzel unter anderem die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, ebenso die rumäniendeutsche Literaturnobelpreisträgerin Hertha Müller, der Liedermacher Wolf Biermann und der ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchowytsch. Für sie und andere gelte: „Das Russlandbild, das hier gepflegt wird, ist ein Feindbild, das dem in Deutschland zu Zeiten der beiden Weltkriege nicht nachsteht.“ Und: „Die Sehnsucht mindestens nach einer Politik der Stärke des Westens ist bei vielen aus Osteuropa stammenden Autoren übermächtig.“

    Schölzel stellt den von ihm Genannten ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: „Die Welt ist für diese höchstdekorierten Autorinnen so schlicht geordnet wie am deutschen Stammtisch.“ Am deutlichsten zeige sich das bei der vielgelobten Autorin Gessen, die aus Russland stammt und in den USA lebt: „Sie hat die Herrenvolkmentalität, mit der ihre US-Heimat einen Krieg nach dem anderen für Demokratie und Menschenrechte führt, zur Grundlage ihrer eindimensionalen Haltung gemacht.“ Für ihr Buch „Die Zukunft ist Geschichte – Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“ wurde Gessen gar von der Leipziger Buchmesse mit dem diesjährigen „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ ausgezeichnet.

    „Völlig verantwortungslose Subjekte“

    Wie der Satiriker und Schriftsteller Karl Kraus zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kriegstreiber in der schreibenden Zunft bloßstellte, „indem er sie wortgetreu zitierte“, stellt Normann Philippen in der Zeitschrift dar. „Eine Operettenkultur rückt zu Zeiten auch mit Kriegsbegeisterung aus“, stellte Kraus damals fest. „Ihre Söldner sind Schreiber. Völlig verantwortungslose Subjekte, die heute eine Premiere und morgen einen krieg lancieren.“

    Der Autor von „Die letzten Tage der Menschheit“ habe in dem Werk vorhergesagt: „Alles, was gestern war, wird man vergessen haben, was heute ist, nicht sehen; was morgen kommt, nicht fürchten. Man wird vergessen haben, dass man den Krieg verloren, vergessen haben, dass man ihn begonnen, vergessen, dass man ihn geführt hat. Darum wird er nicht aufhören.“

    In der Zeitschrift, die aus dem gleichnamigen DDR-Musik-Magazin hervorgegangen ist, sind zum Schwerpunkt-Thema eine Reihe weiterer Beiträge zu lesen. Gerd Schumann erinnert daran, wie vor 20 Jahren der Nato-Krieg gegen Jugoslawien mit „Propaganda einer besonders perfiden Art“ vorbereitet wurde. Politisch und medial seien die Serben und die Verteidiger Jugoslawiens als neue Faschisten diffamiert worden.

    Perfide Verdrehung der Geschichte

    Mit Hilfe dieser „ideologischen Krücke, die an Perfidität nichts zu wünschen übrig lässt“ sei es gelungen, den potenziellen Widerstand in der Bundesrepublik gegen den ersten Krieg nach 1945 mit deutschen Soldaten und Waffen nieder zu halten: „Mit ihr werden zu erwartende Massenproteste per se in die Schandecke der vom deutschen Faschismus geprägten Elterngegenration gedrängt. Wer nicht für den Krieg ist, wird mit der Unterstellung konfrontiert, er hätte seinerzeit auch nichts gegen Hitler unternommen.“ Dieses von Schumann beschriebene Prinzip wirkt heute auch bei anderen Konflikten und Kriegen, so im Fall Syrien.

    US-Soldaten während des Gefechts (Archiv)
    © Foto : U.S. Army/Sgt. 1st Class Mikki L. Sprenkle

    In der Zeitschrift beschreibt außerdem Bastian Tebarth, wie konservative Wissenschaftler mit „Realismus“ die bundesdeutsche Außenpolitik neu ausrichten helfen. Michael Schulze von Glaser beschäftigt sich mit der Video-Propaganda der Bundeswehr via „YouTube“. Wie die US-Filmindustrie  gemeinsam mit dem US-Kriegsministerium Pentagon „immer abenteuerlichere Formen der Kriegspropaganda“ entwickelt, zeigt Robert Cherchowski.

    In einem Interview erklären die beiden kanadischen Sozialwissenschaftler Erin Steuter und Geoff Martin, wie die Popkultur Krieg inzwischen als Normalzustand inszeniert und präsentiert. Krieg und Militär seien heute „fester Bestandteil der westlichen Alltagskultur geworden“. Der israelische Philosoph Moshe Zuckermann zeigt, wie sich in der Geschichte der Musik bis heute gefeierte Komponisten in den „Dienst für Gott, Kaiser und Vaterland“ stellten.

    Eine Fotoreportage von Nihad Nino Pušija, geboren im jugoslawischen Sarajewo, entzaubert in der Ausgabe der „Melodie & Rhythmus“ den Krieg. Er zeigt vor allem Bilder aus dem Kosovo und wie Militär und Waffengewalt jenseits von Propaganda und Sensation wirken.

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    Tags:
    Kriegsvorbereitungen, Internet, Medienattacke, Manipulationen, Feindbild, Hetze, Propaganda, Jugoslawienkrieg, Youtube, CIA, Jugoslawien, Russland, USA