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17:51 23 September 2019
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    Sowjetischer Offizier, der einen in englischer Sprache gehaltenen Prüfzettel ueber die Verstaerkeranlage ansieht, DDR, 1957 (Archiv)

    Militär und Geheimdienste im Sperrgebiet Berlin-Karlshorst: Kieztour an Russenkasernen & Co.

    © AP Photo / KREUSCH
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    Die sowjetische Militäradministration erkor nach Ende des Zweiten Weltkriegs Karlshorst zu ihrem Sitz: Von dort aus erfolgte auch eine intensive Geheimdienstaktivität. Welche Akteure waren mit welchen Aufgaben betraut? Sputnik sprach mit Dr. Jörg Morré und Christoph Meißner über ihre Forschungen, auf denen neue sonntägliche Kiezrundgänge basieren.

    Im Mai 1945 wurde Berlin-Karlshorst zum Sperrgebiet. Hier befand sich die sowjetische Militärverwaltung, ihre Geheimdienste und hier waren ihre Truppen in Kasernen untergebracht.
    Später kamen die Staatssicherheit und die Grenzkontrolle für die Berliner Mauer dazu. Karlshorst war während des Kalten Krieges eine wichtige Entscheidungszentrale.

    Die Entwicklung des Geheimdienststandortes Karlshorst selbst sei allerdings erst etwa 1950, mit Gründung der DDR, losgegangen, berichtet Dr. Morré. Die Strukturen der sowjetischen Sicherheitsapparate seien so angelegt worden, dass eine lückenlose Kontrolle über die junge DDR gewährleistet werden konnte.

    Karlshorst wurde gewissermaßen „Regierungssitz". In dem beschaulichen von üppigen Gärten umstandenen Wohngebiet konnte gut im Verborgenen agiert werden, zuweilen wurden Mauern hochgezogen und ganze Gebäude abgeschirmt.

    Im Jahr 1951 kam dann der sowjetische Bevollmächtigte der Staatsicherheit mit seinem Apparat hinzu: Auslandsspionage wurde betrieben und zugleich die inneren Abläufe in der DDR im Auge behalten. Es folgten KGB und die Militäraufklärung.

    Bald zog auch die Hauptabteilung VIII der Staatssicherheit nach Berlin-Karlshorst: Einbrüche und Überwachungen standen auf ihrem Dienstplan. Sie beschafften Informationen für die russischen Kollegen aus dem sogenannten „Operationsgebiet DDR“, aber auch aus Westberlin und dem Gebiet der Bundesrepublik.

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    Insbesondere Westberlin sei dabei im Fokus gewesen. Die Hauptstadt hatte damals noch eine „offene Grenze". Bis zum Mauerbau 1961 sei die in Sektoren geteilte Stadt Berlin ein „Tummelplatz für Geheimdienste" mit vielen spektakulären Entführungsfällen von West nach Ost gewesen, berichtet Morré.

    Ab 1963 wurde die Sperrzone größtenteils aufgehoben, bis auf ein Gebiet an der Zwieseler Straße in Karlshorst - dort steht noch heute eine hochgezogene Mauer als Sichtschutz. Mittlerweile ist es allerdings die Gartenmauer des Deutsch-Russischen Museums.

    Dr. Morré berichtet von fest installierten Kabelverbindungen nach Moskau: Hochfrequenz-Leitungen, die mithilfe einer ausgeklügelten Druckmessmethode vor Sabotage geschützt wurden. Die technischen Mittel wandelten sich, doch als das Zeitalter der Satelliten-Überwachung um 1992 einsetzte, packte der KGB schon wieder ein.

    Der Wissenschaftler rekapituliert die Etappen, die die sowjetischen Geheimdienst-Agenten gekoppelt an den Abzug der Roten Armee nach dem Mauerfall November 1989 an bis 1994 durchliefen: Der KGB ging 1992, doch es gäbe noch immer Liegenschaften in russischem Besitz vor Ort, wo „keiner so richtig weiß, was da los ist". Manche Stimmen behaupten, es handele sich um die letzten Reste der Geheimdienste vor Ort, so Morré.

    Angesichts des heutigen Stands der Technik bezweifelt er die Sinnhaftigkeit verborgener geheimdienstlicher Hallen allerdings.

    Bis 1994 waren Russische Truppen durchgängig in Karlshorst stationiert und das prägte den Kiez – mit Kasernen und aber auch russischen Geschäften des täglichen Bedarfs.

    Christoph Meißner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutsch-Russischen Museum und forscht  zum Militär am Standort. Er erläutert die Evolution der Einheiten:  Was zunächst noch Sicherungseinheiten im Sperrgebiet sind, die die sowjetische Militäradministration in Deutschland absichern, aber auch das Kriegsverbrechergefängnis in Spandau bewachen, entwickelt sich nach dem Mauerbau zu einer Kampfeinheit. 

    So wird im Jahr 1962 die sogenannte „Berlin-Brigade“ gegründet, bestehend aus 3 motorisierten Schützenbataillonen und drei Panzerbataillonen, ab 1969 sind so etwa 2500 Soldaten vor Ort.

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    Karlshorst war auch für die West-Alliierten von Interesse: Prinzipell war es verboten, das Sperrgebiet zu betreten, so Meißner, aber es gab die jeweiligen Militärverbindungsmissionen der vier Siegermächte in Berlin und es sei nachgewiesen, dass die westlichen Missionen Karlshorst „gern ansteuerten". Ein verlockend kurzer Dienstweg, denn man konnte schnell über die Sektorengrenze in Berlin kommen. Insbesondere, weil in Karlshorst ebenfalls die Geheimdienste stationiert waren. Meist aufgehalten oder blockiert bei ihren unentwegten Versuchen , sei es gewissermaßen ein "Katz-und-Maus-Spiel" gewesen.

    Meißner berichtet auch von größeren Truppenbewegungen: Aufgrund der Ereignisse des „Prager Frühlings“ wurde etwa im Rahmen der „Operation Donau" des Warschauer Paktes eines der selbständigen Panzerbataillone aus Karlshorst zeitweilig in die damalige Tschechoslowakei versetzt, wo es bis November 1968 blieb.

    Die stationierten Kräfte hätten im "äußersten Notfall" auch mit den Einheiten der Nationalen Volksarmee der DDR zusammengewirkt, erläutert Meißner. Denn wäre es in Berlin zu einer militärischen Auseinandersetzung gekommen, wären die Grenztruppen der DDR und die NVA im Zusammenspiel mit den Sowjetischen Einheiten aktiv geworden, was in verschiedenen Szenarien auf Truppenübungsplätzen außerhalb Berlins auch geprobt wurde - meist als Großmanöver mit den Truppen des Warschauer Vertrages wie 1970 und 1980.

    Gespräche mit Zeitzeugen oder ehemaligen Soldaten, aber auch die Prägung des Stadtteils macht sich Meißner zunutze: Die Reste von Gebäuden und die Erinnerungen der Karlshorster bis zum Truppenabzug 1994. Da er keinen Zugriff auf russische Unterlagen hat, nutzt Meißner die Akten im Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Die Stasi war seinerzeit für die Sicherung der Liegenschaften zuständig und führte bekanntermaßen gewissenhaft Buch.

    Um die gemeinsame Vergangenheit der UdSSR und DDR erlebbar zu machen, bietet das Deutsch-Russische Museum nun jeden letzten Sonntag im Monat Exkursionen an. Die Route führt zu mysteriösen Wirkungsstätten und Tatorten der Geheimdienstler und Militärs.

    Das komplette Interview "Geheimdienste im Sperrgebiet Berlin-Karlshorst" zum Nachhören:

    Das komplette Interview "Militär im Sperrgebiet Berlin-Karlshorst" zum Nachhören:

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    Tags:
    Aufklärung, KGB, Militär, Geheimdienste, Berlin-Karlshorst, Sperrgebiet, UdSSR, DDR, Deutschland