17:04 14 November 2019
SNA Radio
    Bomben in dem Hallendeck (Archiv)

    SIPRI-Zahlen "skandalös": Führt Rekord-Aufrüstung zu globalen Verteilungskämpfen?

    © Foto: U.S. Navy/Mass Communication Specialist 3rd Class Alexander Tidd
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    6372
    Abonnieren

    Die weltweiten Rüstungsausgaben sind auf einem neuen Rekord-Hoch. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI liegen sie bei über 1,8 Billionen Dollar. Die USA führen das Ranking an, auch Deutschland hat kräftig zugelegt. Russland dagegen investierte weniger in sein Militär. Experten sprechen von einem „doppelten globalen Selbstmord“.

    Auch 2018 wurde global wieder mehr Geld in das Militär investiert. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI teilte mit, dass die Zahlen seit Aufzeichnungsbeginn 1988 einen neuen Höchststand erreicht haben. Demnach stiegen die weltweiten Rüstungsausgaben 2018 im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 2,6 Prozent auf rund 1,82 Billionen Dollar. Experten schlagen weltweit Alarm: Droht ein neuer globaler Konflikt mit erbitterten Verteilungskämpfen?

    Ein Skandal…

    Das International Peace Bureau (IPB) kommentierte die neuen Zahlen am Montag bei einer Pressekonferenz in Berlin mit großer Sorge. In Zeiten, in denen es weitaus dringlichere Probleme gebe als Aufrüstung, werde stattdessen aber überlegt, wie man einander am besten umbringen könnte – so IPB-Sprecher Lucas Wirl:

    „Es hakt überall: Im Bereich der Bildung, im Bereich der Infrastruktur, im Bereich Wohnungsbau. Es gibt so viel Sinnvolleres, wo wir das Geld verwenden müssten. Das Geld, das für Rüstung ausgegeben wird, steht zur Bewältigung dieser Probleme nicht zur Verfügung und das ist ein Skandal.“

    Laut SIPRI-Zahlen investierten vor allem die USA und China im vergangenen Jahr deutlich mehr in ihr Militär. Während Russland nach einem weiteren Rückgang erstmals seit zwölf Jahren aus den Top Fünf herausfiel, überholte Deutschland mit einem Anstieg um 1,8 Prozent auf 49,5 Milliarden Dollar Japan und liegt damit nun an achter Stelle.

    Weltordnung nicht dem Westen überlassen?

    Die neuerliche Aufrüstung habe vor allem mit dem Umbruch von einer unipolaren Weltordnung nach dem Kalten Krieg hin zu einer multipolaren Weltordnung zu tun, sagt Dr. Alexander Neu. Der Verteidigungsexperte und Bundestagsabgeordnete der Linkspartei erklärte bei der Berliner Pressekonferenz, den Militärmächten gehe es nun um weltweite Neuaufteilung:

    „Wie Lenin es seinerzeit in einem Buch beschrieben hat: Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, die Neuaufteilung der Welt in ökonomische, politische und militärische Einflusszonen. Das erklärt eben auch die massive Militarisierung.“

    Der Westen habe unter US-Führung laut Dr. Neu Ende der 90er Jahre als uneingeschränkter Hegemon gegolten. Doch nun kämen weitere Akteure, wie Russland und China, auf die Weltbühne, die ihr Recht auf Gestaltung der Weltordnung nicht allein dem Westen überlassen wollten. Russland allerdings ist laut Dr. Neu im aktuellen Zusammenhang lobend zu erwähnen:  

    „Russland hat jetzt das zweite Jahr hintereinander seinen Militärhaushalt abgesenkt. Das ist wirklich beispielgebend. Und immer wenn auf Russland mit dem Finger gezeigt wird, dass sich Russland aggressiv oder militaristisch verhalte, muss man darauf hinweisen: Aufrüsten tun gerade die anderen - auch Deutschland und vor allem eben die USA.“

    Russland rüste aktuell eben gerade nicht auf, sondern spare Gelder an dieser Stelle ein. Das sollte zu denken geben, so Dr. Neu.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Das sind die weltweit größten Waffenexporteure<<<

    Eine historische Weichenstellung…

    Ebenfalls Teilnehmer der Pressekonferenz, welche sich mit den aktuellen SIPRI-Zahlen beschäftigte, war der Autor Michael Müller, Vorstand der NaturFreundeDeutschlands. Für ihn geht es um eine Grundfrage, die es ähnlich schon einmal in den 1930er Jahren gegeben habe: 

    „Wir sind im Moment an einer Weichenstellung, ob es entweder zu neuer Gewalt und erbitterten Verteilungskämpfen kommt, oder zu einer Entwicklung der Nachhaltigkeit. Es spricht heute Vieles dafür, dass es eher zu einer Politik der Gewalt und Macht kommt. Man versucht heute, den Wohlstand zu Lasten Dritter zu sichern.“

    Aktuell befinde sich die Welt in einem Prozess, dessen Tragweite man laut Müller erst in Zukunft richtig erkennen wird. Umso wichtiger sei es, dass es Akteure gebe, die genau auf diese Gefahren hinweisen würden.

    V.l.n.r.: Michael Müller (NaturFreunde), Lucas Wirl (IPB, IALANA) und Dr. Alexander Neu (Die Linke) bei der Pressekonferenz in Berlin zur Einordnung des aktuellen SIPRI-Berichts
    © Sputnik / M. Joppa
    V.l.n.r.: Michael Müller (NaturFreunde), Lucas Wirl (IPB, IALANA) und Dr. Alexander Neu (Die Linke) bei der Pressekonferenz in Berlin zur Einordnung des aktuellen SIPRI-Berichts

    Für Lucas Wirl kann es nur eine Lösung geben: Zivile Konfliktprävention. Anstatt aufzurüsten müsse diplomatischer Druck auf Konfliktparteien ausgeübt werden – Hand in Hand mit einer Prävention, die schon deutlich vor einem aufkommenden Konflikt ansetze:

    „Eine zivile Konfliktprävention muss also analysieren, wo es zu Konflikten kommen könnte und dann versuchen, auf potenzielle Konfliktparteien einzuwirken, um einen Konflikt nicht-kriegerisch auszutragen. Das kann über Verhandlungen sein, über Wirtschaftsprogramme, über einen Dialog. Man muss Gemeinsamkeiten finden, die es in der Regel mehr gibt, als das Trennende.“

    Das ist laut Wirl ein mühsamer und langwieriger Prozess, aber dieser müsse durchgemacht werden, um nicht in einen Krieg zu steuern.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: „Für den Frieden und gegen die Kriegstreiber“ – Ostermarsch 2019 in Berlin<<<

    Die unrühmliche Rolle Deutschlands

    Doch gerade Deutschland, das stets seine Rolle als Friedensmacht hochhalte, gehe mit schlechtem Beispiel voran, so Dr. Alexander Neu. Die Bundesrepublik Deutschland liegt bei ihren Rüstungsausgaben von 192 Staaten auf Platz acht:

    „Platz acht für einen Staat, der sich immer wieder als Friedensmacht zu verkaufen glaubt. Doch es zeigt sich mit der Zahl der Militärausgaben und der Auslandseinsätze, dass Deutschland nicht so friedlich ist, wie die politische und auch die mediale Elite den Menschen immer wieder suggerieren will“

    Dr. Neu erklärt, dass rein rechnerisch bei 81 Millionen Menschen in Deutschland und aktuell 43 Milliarden Rüstungsausgaben jeder Deutsche – vom Rentner bis zum Baby – pro Jahr rund 500 Euro bezahle. Bei dem von der Nato angestrebten Zwei-Prozent-Ziel hieße das sogar theoretisch eine Ausgabe von 900 Euro pro Jahr und Bundesbürger. Geld, das an anderer Stelle besser angelegt sei.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Warum Barbarei eine Spezialität der USA ist und wer Europa bedroht<<<

    Der doppelte Selbstmord…

    Im Juni veröffentlicht der Autor Michael Müller ein Buch mit dem Titel „Frieden! Jetzt! Überall!“, auf der Pressekonferenz warnte er am Montag eindringlich vor einem „doppelten Selbstmord“ des Westens. Auch Deutschland befinde sich wieder in einer neuen Form des Kalten Krieges:

    „Beispielsweise wird jetzt von Raketen mit Geschwindigkeiten von Mach 20 geredet, wo es also fast gar keine Vorwarnzeiten gibt. Die Abschussrampen, die man in Rumänien und Ost-Polen gebaut hat, können schnell für Mittelstreckenraketen mit atomarer Bewaffnung umgerüstet werden. Das heißt, die Gefahr des Selbstmordes durch Atomraketen ist gegeben.“

    Auf der anderen Seite schreite die Erderwärmung mit einer Geschwindigkeit voran, wie man sich das vor kurzer Zeit noch nicht hätte vorstellen können. Es gebe in allen Fragen einen eklatanten Widerspruch zwischen Wissen und Handeln, der die Menschheit präge, so Müller.

    Die große Gefahr…

    German Defense Minister Ursula von der Leyen
    © AP Photo / Markus Schreiber
    Doch wie drohend ist das aktuelle Szenario? Lucas Wirl von International Peace Bureau befürchtet, dass die Entwicklung eindeutig sei:

    „Wer Rüstungsausgaben tätigt, wer Waffen baut, wer Rüstungsgüter herstellt, der hat ja eigentlich auch im Sinn, diese irgendwann einmal einzusetzen. Wieso sollten sie sonst gebaut werden?“

    Und die große drohende Gefahr sei es deshalb, dass durch den neuen Rüstungswettlauf, irgendwann irgendwo diese Waffen auch zum Einsatz kämen. Laut Wirl befindet sich die Welt in einer Zeit, in der die Schwelle Atomwaffen einzusetzen niedriger ist, als in den 90er Jahren.

    Das Interview mit Lucas Wirl zum Nachhören:

    Das Interview mit Dr. Alexander Neu zum Nachhören:

    Das Interview mit Michael Müller zum Nachhören:

     

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    NATO, Rolle, Deutschland, Haushalt, Russland, Anstieg, Konflikt, Ranking, USA, Rekord, Ausgaben, Aufrüstung, Geld, Schweden