Widgets Magazine
11:11 21 August 2019
SNA Radio
    Polizisten auf dem Ort des Gefechtes zwischen Soldaten und mutmaßlichen Islamisten bei Razzia in der Stadt Kalmunai, Sri Lanka

    „9/11“ bis Sri Lanka: Schweigen über die Opfer vom „Krieg gegen den Terror“?

    © REUTERS / Dinuka Liyanawatte
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Alexander Boos
    9291

    Die „Welt am Sonntag“ veröffentlicht eine Liste mit allen Opfern durch islamistischen Terrorismus seit September 2001. „Es wird zu sehr auf die Täter geschaut“, kritisiert ein Berliner Innenpolitiker gegenüber Sputnik. Ein arabischer Journalist nennt die US-Außenpolitik in Nahost als eine der Ursachen für die steigende Terror-Gefahr – und nennt weitere Zahlen.

    Unter der Überschrift „18 Jahre Terror“ veröffentlichte die Zeitung „Welt am Sonntag“ (WamS) am vergangenen Wochenende in ihrer Print-Ausgabe eine Liste mit Menschen, die seit dem 11. September 2001 islamistischen Terroranschlägen zum Opfer gefallen sind. Um die Liste zu veranschaulichen, folgend die beiden letzten Angaben: „20.4.: Aleppo, Syrien: 19 Tote (durch die Miliz Haiʾat Tahrir asch-Scham HTS). 21.4.: Colombo, Sri Lanka: 250 Tote (durch den “Islamischen Staat” IS)“.

    Seit „9/11“ wurde der islamistische Terrorismus zum „bestimmenden Faktor der globalen Politik“, schreibt die Zeitung. „Auf diesen Seiten sind jene Anschläge aufgeführt, die zwölf Todesopfer oder mehr forderten. Allein das waren 3071 Angriffe. 95.934 Menschen wurden dabei von Islamisten ermordet. Die allermeisten von ihnen waren Muslime.“

    „Erschreckende Zahlen“ – Innenpolitiker

    „Das sind erschreckende Zahlen“, sagte Karsten Woldeit (AfD), Vize-Vorsitzender und innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin, gegenüber Sputnik. Eine Tatsache habe ihn dabei besonders erschüttert:

    „Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein ermordeter Mensch. Das verliert sich im Rahmen der Berichterstattung ein bisschen. Hinter jedem ermordeten Menschen, der Opfer eines Terroranschlags wurde, steckt eine Familie. Stecken ein Vater, eine Mutter, Bruder, Schwester, Freunde. Diese horrende Zahl zeigt in welcher unfassbaren Situation wir uns seit dem Terroranschlag am 11. September 2001 befinden.“

    Es würden immer die Namen der Terroristen veröffentlicht. „Der Anschlagsurheber steht im Fokus, weniger die Opfer, und ich halte das für eine traurige Entwicklung“, so Woldeit, der ebenso den Vize-Vorsitz im Berliner Anis-Amri-Untersuchungsausschuss führt. „Die Opfer dieses Anschlags kommen auch nicht so in die Öffentlichkeit, wie ich mir das wünschen würde. Sie bedürfen unserer Solidarität, unserer Hilfe, unserer Unterstützung. Amri war in allen Medien im Fokus – die Opfer waren namenlos. Das ist der falsche Weg.“

    „Terror bekämpfen“

    Der Politologe und Historiker Herfried Münkler schrieb begleitend einen Essay zu der Liste. In diesem zog er einen Vergleich zwischen dem aktuellen „Krieg gegen den Terror“ und dem Ersten Weltkrieg. „Was für den klassischen Krieg gilt, gilt erst recht für terroristische Anschläge: Dass von den Opfern her zu denken die eigenen Fähigkeiten zum Durchkreuzen der gegnerischen Pläne einschränkt. Man muss beides voneinander trennen, die Pietät gegenüber den von Terroristen Getöteten und die Strategie zur Bekämpfung der Terroristen.“

    Darauf entgegnete der Berliner Innenpolitiker: „Man kann einen konventionellen Krieg nicht mit Terrorismus vergleichen. Hier geht es um einen massiven, asymmetrischen Angriff auf die Weltgemeinschaft.“

    Es gehe darum, „dass man Terrorismus bekämpfen muss. Terrorismus jeglicher Coleur???. Wir sehen anhand der Zahlen, dass wir hier eine islamistische Bedrohung haben.“ Er betonte, die Mehrheit der Opfer „islamistischen Terrors sind Muslime. Das ist ein Fakt. Wir sehen hier einen Phänomenbereich, der weltweit bekämpft werden muss. Da muss man auch zwischenstaatlich miteinander in Kooperation gehen. Man muss alle rechtsstaatlichen Mittel ausschöpfen, die einem der Gesetzgeber an die Hand geben kann. Das bedarf eventuell dann auch einer Anpassung der Gesetzeslage im Rahmen der Gefahrenabwehr.“

    „Was steckt zwischen den Zeilen und Zahlen?“ – Nahost-Experte

    „Je nachdem, wie man eine Liste zusammenstellt, entsteht da ein Eindruck einer Gefahr“, äußerte der arabische Journalist Aktham Suliman gegenüber Sputnik.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Aktham Suliman über westlichen Militärschlag: „Angriff von drei Mafia-Banden“<<<

    „Wie bei jedem Artikel, wie bei jedem Medienbeitrag muss man sich schon fragen: Aus welchem Zusammenhang heraus kam das jetzt? Was will man damit sagen? Was steckt zwischen den Zeilen und Zahlen?“ Dies seien berechtigte Fragen bei der Betrachtung solcher Statistik-Zusammenfassungen und Listen. Die „WamS“-Liste sei eine „Hervorhebung von Terror für die Öffentlichkeit. Das ist immer medienwirksam. Terror ist immer spektakulär. Leser können das Gefühl bekommen: Ich bin betroffen. Wir wissen, dass viel mehr Menschen bei anderen Anlässen sterben. Allerdings nimmt man dies nicht so wahr.“

    Allein alltägliche Unfälle im Haushalt fordern jährlich deutlich mehr Opfer als Terroranschläge.  

    „Es begann unter Reagan …“

    Dass der „Krieg gegen den Terror“ seit jeher ebenfalls deutlich mehr Opfer als der Terror selbst verbuche, darauf weist der Al Dschasira Korrespondent Suliman seit Jahren kritisch hin. Außerdem seien die meisten Terroropfer islamistischer Anschläge Menschen muslimischen Glaubens, vor allem in der arabisch-islamischen Welt. „Weniger Bürger westlicher Staaten“. Auch dies werde medial nur selten hervorgehoben.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: „Krieg und Chaos in Nahost“: Wie der Westen seit 1991 der arabischen Welt Leid bringt<<<

    „Es geht nicht darum, die eine oder andere Zahl zu relativieren“, betonte der frühere „Al Jazeera“-Korrespondent im Interview. „Es geht aber darum, zu betonen, dass es einen Krieg gegen den Terror gar nicht geben kann.“ Der Terrorismus sei eine begriffliche Kategorie, kein organisierter Staat und auch keine Organisation. „Das ist eine US-amerikanische Erfindung. Es begann langsam in den 80ern des letzten Jahrhunderts unter Präsident Ronald Reagan. Der Höhepunkt war George W. Bushs ‚Krieg gegen den Terror‘.“ Diese neokonservative US-Strategie brachte Konflikte im Nahen Osten – in Afghanistan oder im Irak – hervor, „mit letztendlich Millionen Todesopfern, wenn man die Nachwirkungen der Kriege auch mit einbezieht. Ohne dass man das medial so richtig wahrnimmt.“

    Er nannte einen weiteren Unterschied in der Betrachtung solcher schrecklichen Tragödien. Die flächenmäßige Bombardierung eines Kriegslandes wie beispielsweise Afghanistan sei „ein Kriegsakt. Da bewegt sich eine ganze Armee, es werden Städte bombardiert, es sterben viele Menschen.“ Im Vergleich dazu sei ein Terroranschlag „eine kriminelle Aktion. Es betrifft die Sicherheit des jeweiligen Landes. Kriminalistisch gesehen verfolgt die Polizei diese Straftat.“ Sein Fazit: „Diese Vermischung von innerer Sicherheit bedingt eine Aggressivität nach außen. Das ist das Neue was dieser Krieg gegen den Terror gebracht hat.“ Er bezog sich dabei vor allem auf die US-Außenpolitik der letzten zwei Jahrzehnte. „Das Ausnutzen von Terroranschlägen im Inland, um dann Kriege weltweit zu starten. Mit dem Ergebnis, dass diese Kriege nochmals Leute hervorbringen, die Terroranschläge verüben.“

    Wie sicher sind Deutschland und Berlin?

    Zum Schluss kritisierte AfD-Politiker Woldeit die Sicherheitspolitik des Landes Berlin und der Bundesregierung. „Wir bekommen vom Bundesinnenminister und Innensenator Zahlen vorgehalten, dass Land und Stadt immer sicherer werden. Das wird dem Bürger vorgeheuchelt.“ Deutschland wäre so sicher wie noch nie, so die Behauptung. Dies mache auch die Bevölkerung stutzig.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Wie in Paris? – Berliner Feuerwehr zu Bränden in der Hauptstadt - INTERVIEW<<<

    „Diese Diskrepanz zwischen subjektiver Wahrnehmung, also dem persönlichen Sicherheitsgefühl und dem, was die Politik versucht vorzugeben, wird immer größer. Dies führt zu Politikverdrossenheit.“ Eine sachgerechte und wahrheitsgemäße Betrachtung der Bedrohung durch Terrorismus sei der politisch bessere Weg, so der Berliner Innenpolitiker. Zudem kritisierte er im Interview politische Vorschläge von Innensenator Andreas Geisel (SPD) zur Integration radikaler Islamisten aus Syrien in der Hauptstadt.

    Das Radio-Interview mit Karsten Woldeit (AfD) zum Nachhören:

    Das Radio-Interview mit Journalist Aktham Suliman zum Nachhören:

     

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Glaube, Opfer, Ronald Reagan, Statistik, Anschlag, Deutschland, Gefahr, Explosionen, Sri Lanka, 9/11, Nahosten, Terror