23:54 25 Juni 2019
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    Jesidinnen im Nordirak (Archivbild)

    Erst vergewaltigt, dann ausgegrenzt: Das Schicksal von Jesidinnen mit „IS-Kindern“

    © AFP 2019 / SAFIN HAMED
    Gesellschaft
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    Valentin Raskatov
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    Im Nordirak wurden jesidische Frauen von IS-Soldaten als Sklavinnen gehalten, misshandelt und vergewaltigt. Manche von ihnen wurden schwanger. Die jesidische Gemeinschaft lehnt nun die Kinder dieser Frauen ab. Schuld daran ist zum Teil auch das irakische Recht.

    Sie wurden vom IS versklavt, vergewaltigt, manchmal auch weiterverkauft. Wegen des schweren Loses jesidischer Frauen im Irak kamen auch einige Tausend von ihnen 2015 im Rahmen eines Sonderkontingents nach Deutschland. Viele der verschleppten Jesidinnen wollen nach der Befreiung aus der Sklaverei in die jesidische Gemeinschaft zurück, aber diesen Wunsch hat ihnen der Hohe Jesidische Geistliche Rat der Jesiden mit einer Entscheidung erschwert. Frauen, die infolge einer Vergewaltigung durch IS-Kämpfer Kinder bekommen haben, dürfen nicht mit ihnen zurückkommen, da sich dies „im Widerspruch zu den Grundprinzipien der jesidischen Religion und ihren sozialen Normen“ stehe, heißt es in der Begründung.

    Von der Gesellschaft abgelehnt

    Dabei sah es drei Tage zuvor recht gut für die Frauen und Kinder aus, denn der Rat hatte zunächst bekannt gegeben, dass die Kinder und Mütter Schutz erfahren sollen, und das wurde als Bereitschaft zur Aufnahme aufgefasst. „Danach gab es einen erheblichen Druck von traditionellen Jesiden und Stämmen im Irak und Europa, der dazu führte, dass sie ihre erste Ankündigung revidierten“, kommentiert Jan Kizilhan gegenüber Sputnik die Positionsänderung des Rates.

    Kizilhan ist Psychologe, selbst jesidischer Abstammung und hat viele der Frauen aus dem Sonderkontingent betreut. Er schließt: „Es werden viele Frauen und deren Kinder unter dieser Entscheidung leiden, die dadurch keine Perspektive haben, wieder in die Gesellschaft aufgenommen zu werden.“

    Die Frauen selbst seien ebenfalls schockiert, bemerkt der Psychologe. „Sie waren fast fünf Jahre lang in den Händen des IS und haben Dinge erlebt, die man sich schwer vorstellen kann – von Vergewaltigung bis zu Folter und Massenexekutionen. Sie haben durch diese Vergewaltigungen auch Kinder bekommen. Viele dieser Kinder sind in der Zwischenzeit drei-vier Jahre alt. Die Frauen haben eine Beziehung zu diesen Kindern aufgebaut und wollen ihre Kinder selbstverständlich behalten und sehen nun keine Perspektive, wie sie in die Gesellschaft zurückkehren sollen.“

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    Nicht nur der Hohe Rat sieht das Ganze übrigens so streng, sondern zuweilen auch die Familien der Frauen. Oft verlangen diese, dass die Frauen zurückkehren – allerdings ohne die Kinder, teilt Kizilhan mit.

    Nach irakischem Recht sind Kinder und Frauen Muslime

    Dass der Hohe Rat so streng verfährt, hat auch etwas mit dem irakischen Rechtssystem zu tun. „Es ist eine mehrfache Diskriminierung der Frauen und ihrer Kinder“, merkt Kizilhan an. „Das irakische Recht geht nach dem islamischen Recht vor und sieht vor, wenn die „Väter“ beziehungsweise die Täter Muslime sind, auch deren Kinder automatisch Muslime sind. Da sie die jesidische Religion nicht als eine der sogenannten Buchreligionen anerkennen, wie das Christentum oder das Judentum, sind die Frauen damit nach dem islamischen Recht auch oft automatisch Musliminnen. Das ist ein Eklat und mit den universalen Menschenrechten und der UN-Charta nicht zu vereinbaren, da die Frauen selber entscheiden müssen und dürfen, welcher Religion sie angehören und damit auch ihre Kinder.“

    Der Schluss des Psychologen und Betreuers: Die internationale Gemeinschaft müsse Druck auf Bagdad ausüben, damit die starren Regeln aufgehoben werden. „Gleichzeitig dürfen die Jesiden selbst nicht vergessen, dass die Frauen nicht freiwillig in die Hände des IS kamen, vergewaltigt wurden und dann die Kinder bekamen. Sie können nichts dafür“, so Jan Kizilhan.

    250 Frauen mit solchen Kindern in Syrien in Not

    Außerdem befinden sich seines Wissens um die 250 Frauen mit solchen Kindern in Syrien in einer Ausnahmesituation. In Syrien könnten sie nicht bleiben, im Irak würden sie in Camps kommen, in denen Jesiden leben, und von diesen fürchten sie ausgegrenzt zu werden. Deswegen wünscht sich Kizilhan, dass zum einen im Irak Schutzhäuser für solche Frauen mit Kindern eingerichtet werden, in denen sie vorübergehend sicher leben können. „Zum anderen wäre es wieder an der Zeit zu diskutieren, ob hier nicht ein neues Sonderkontingent aufgebaut werden soll, mit dem wir gerade Frauen und Kinder, die keine Überlebenschance im Irak haben – bei diesen traditionellen, feudalen Strukturen –, nach Europa, nach Deutschland bringen, damit sie wenigstens hier Schutz und eine Perspektive für sich und ihre Kinder haben“, so Kizilhan.

    Das Interview mit Jan Kizilhan in voller Länge:

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    Tags:
    islamisches Recht, Tradition, Recht, Islam, Islamismus, Menschenrechte, Syrien, Irak, Terrorismus, Islamischer Staat, Vergewaltigung, Versklavung, Gewalt, Krieg, Trauma, Jesidinnen, Jesiden