19:08 15 Dezember 2019
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    Einheiten der lettischen Freiwilligen-SS-Legion

    Nichtdeutsche in der Waffen-SS: Zwischen Zwang und Ideologie – INTERVIEW

    © CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv / Lettland; Appell der SS-Legion
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    Eine halbe Million nichtdeutscher Männer aus im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten haben in der Waffen-SS gedient: Viele zwangsrekrutiert, andere freiwillig. Sie waren in Kampfeinheiten oder als Wachleute in Konzentrationslagern. Dr.Jochen Böhler forscht zu den „Fremdvölkischen“ in der Eliteeinheit der Nazis. Sputnik hat mit ihm gesprochen.

    Ein Teilbereich der europäischen Kulturgeschichte ist Kollaboration in Kriegszeiten. Bei der Waffen-SS etwa, der Elitetruppe der Nationalsozialisten, dienten auch Ausländer, also Nichtdeutsche.

    „Das war schon ein ideologischer Widerspruch“, so Dr. Jochen Böhler:  Die Chefideologen hätten „eine Menge Saltos“ schlagen müssen, um das argumentativ zu rechtfertigen. Der Historiker leitet, unterstützt von der Gerda-Henkel-Stiftung, eine internationale Forschergruppe zu den „Fremdvölkischen“ in der Waffen-SS.

    Die Beschäftigung von Ausländern, wenn sie nicht dem „Germanischen“ Kulturkreis zugeordnet wurden, sei angesichts der NS-Rassenideologie ideologisch nicht begründbar gewesen. Sie erfolgte aus pragmatischen Gründen, erläutert Böhler. Als der Krieg gegen die Sowjetunion sich als Desaster herauskristallisierte, hätte Nazi-Deutschland Menschen gebraucht, um etwa die Front zu halten.

    Eingesetzt wurden die Nichtdeutschen in Abhängigkeit der „Kriegsnotwendigkeit“ europaweit, also überall dort, wo gekämpft wurde und die Waffen-SS agierte: In Frankreich gleichermaßen wie in Jugoslawien, in Russland. Sie dienten bei den Fronttruppen und Schutzbataillonen, bei Einheiten, die zur Sicherung des Hinterlandes abgestellt waren.

    Die Wissenschaftler gehen der Frage nach, aus welchen Gründen sich die Männer in den besetzten Gebieten Europas der Waffen-SS anschlossen.

    So gehörten etwa die finanzielle Versorgung des Einzelnen und seiner Familie sowie die Übereinstimmung mit den deutschen Kriegszielen zu den wichtigsten Motiven.

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    Die Mitgliedschaft in der Waffen-SS bot vielen Männern in den besetzten Gebieten Ost-Europas die einzige Möglicheit, den Krieg zu überleben. Der Wille, der harten deutschen Besetzungsrealität zu entkommen, war oft ausschlaggebend, sich anzuschließen:

    „Das Leben der Menschen in Osteuropa war direkt durch die deutsche Besatzung bedroht ... Hunderttausende sind bereits im Rahmen der sogenannten Bandenbekämpfung erschossen oder in ihren Häusern verbrannt worden. Man sah täglich, dass das Leben an einem seidenen Faden hing“, erläutert Böhler die Motive. Es handelte sich um „Zwangslagen, die durch den Krieg geschaffen wurden“.

    In anderen Ländern wie Norwegen, Holland oder Frankreich überwog hingegen die Idee, gemeinsam mit den Deutschen gegen den Bolschewismus zu kämpfen. Männer aus Nord- und Westeuropa, die in die NS-Kategorie der „Germanischen Völker“ fielen und aus einem eher intellektuellen rechten Spektrum stammten, sympathisierten mit der NSDAP, identifizierten sich mit dem Kampf und schlossen sich der SS an, um sich im „großen deutschen Imperium“ auf lange Sicht eine gute Zukunft zu sichern.

    Viele Freiwillige seien auch aus den baltischen Ländern rekrutiert worden, da diese hofften, die infolge der zwischen der UdSSR und Nazi-Deutschland getroffenen Vereinbarung verlorene staatliche Unabhängigkeit wiederzuerlangen.

    Es gab aber auch Abenteuerlustige und diejenigen, die „dem Kult“ um die Elitetruppe der Waffen-SS folgen wollten.

    In ihrer Beteiligung an Gräueltaten hätten die Ausländer den Deutschen in nichts nachgestanden, erläutert der Wissenschaftler anhand des Beispiels des Massakers von Oradour-sur-Glane unter Beteiligung von französischen Waffen-SS-Mitgliedern aus dem Elsaß.

    Allerdings sei es unter den nichtdeutschen Freiwilligen in der Waffen-SS zuweilen auch zu Widerstand gekommen: Etwa in Fällen, in denen sie sich nicht mehr mit den Zielen ihrer Rekrutierung identifizieren konnten – von Befehlsverweigerung bis hin zu offener Rebellion. Es hätte sogar „Aufstände“ von nichtddeutschen Einheiten gegen die Waffen-SS gegeben.

    Einen besonders „tragischen Fall“ von für die Waffen-SS Beschäftigten stellten allerdings die sogenannten „Trawniki“ dar. Es handelte sich dabei um eine Gruppe von Männern aus Russland und der Ukraine, die nach der ost-polnischen Stadt Trawniki benannt wurde, wo sich deren Ausbildungslager befand.

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    Sie stammten meist aus den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht, wo „Massensterben verwaltet wurde“. Etwa drei Millionen Rotarmisten starben in deutscher Kriegsgefangenschaft. So ließ etwa die mangelnde Versorgung Opferzahlen hochschnellen. Mit der Rekrutierung entgingen sie ihrem so gut wie sicheren Tod. 

    Viele seien sich über ihre Bestimmung in der Waffen-SS allerdings nicht gewahr gewesen: Im Einsatz als „Helfer bei der Vernichtung der Juden“ im deutsch-besetzten Polen – sie hätten keine andere Wahl gehabt, als sich am Massenmord zu beteiligen, da sie allein, um ihr Leben zu retten, in deutschen Dienst getreten wären, erläutert Dr. Böhler.

    Allerdings hätte es keine Hinweise auf Waffen-SS-Einheiten, die aus Polen rekrutiert worden wären, gegeben, unterstreicht Dr. Böhler.

    Die Forscher durchforsteten Archive und Prozessakten zu Kollaborationsverfahren aus der Nachkriegszeit. Sie lasen auch Memoiren von Ehemaligen aus dem südosteuropäischen Raum, wo es viele muslimische Freiwillige gab. Die Motivlage bei diesen Rekruten lag häufig in regional bestimmten interethnischen Machtkämpfen begründet.

    Die Forschergruppe um Dr. Böhler will einen differenzierten Umgang mit den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges in Ost- und Südosteuropa ermöglichen:

    Die übliche Sichtweise des ideologischen Kampfes des Nationalsozialismus mit dem Bolschewismus würde eine Problematik in Südost- und Mitteleuropa oftmals überdecken: Zwischen den beiden Weltkriegen hätten dort bereits ethnische Spannungen, bürgerkriegsähnliche Zustände geherrscht, bevor der Deutsche dort einmarschierte. Daher seien die Motivlagen sehr viel komplizierter, als gemeinhin anerkannt, und diese sollten sehr genau unter die Lupe genommen werden im jeweiligen Einzelfall und dem geschichtlichen Kontext, ohne jedoch die deutsche Schuld zu relativieren.

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    KZ, Massensterben, Mitgliedschaft, Leben, Nationalsozialismus, Rasse, Ideologie, Waffen-SS, Deutschland, Nazi-Deutschland