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04:55 22 August 2019
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    Soldaten der muslimischen Division der Waffen-SS bei der Ausbildung (Archiv)

    Für Prophet und Führer: Wie der Islam durch das NS-Regime instrumentalisiert wurde

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv / Waffen-SS, 13. Gebirgs-Div. "Handschar"
    Gesellschaft
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    Sascha Konkina
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    Der Historiker David Motadel hat als erster die Islampolitik im Nationalsozialismus umfassend erforscht. In seinem international gefeierten Buch „Für Prophet und Führer – Die Islamische Welt und das Dritte Reich“ schildert er die Geschichte der Muslime im 20. Jahrhundert.

    Das Buch wurde bereits in viele Sprachen übersetzt, dieses Jahr erscheint es auch in russischer Übertragung. Im Interview mit Sputnik erklärt der Autor, wie die Einbindung von Muslimen mit der nationalsozialistischen „Rassenpolitik“ zusammenkam und warum dieses Thema bis heute wichtig ist.

    Warum haben Sie sich entschieden, sich mit der Islampolitik des NS-Regimes zu befassen?

    Das Buch entwickelte sich aus meiner Doktorarbeit heraus, ich wollte von Anfang an zur islamisch-deutschen Geschichte arbeiten. Und während meiner ersten Archivarbeiten fiel mir dann schnell auf, dass eines der wichtigsten und am wenigsten beachteten Kapitel dieser Geschichte die der Muslime unter deutscher Herrschaft im Zweiten Weltkrieg ist.

    Wie sah die deutsche Islampolitik vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus?

    In Berlin befasste man sich bereits seit dem späten neunzehnten Jahrhundert zunehmend mit dem Islam. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Kaiserreich über beachtliche muslimische Bevölkerungsgruppen in den Kolonien herrschte – in Togo, Kamerun und Deutsch-Ost-Afrika. Deutsche Kolonialbeamte versuchten hier regelmäßig die Religion als Herrschafts-Instrument zu nutzen: So erkannten sie etwa Scharia-Gerichte und Koranschulen an und herrschten mit Hilfe islamischer Vermittler. Am Ende führte diese deutsche Islampolitik zu Versuchen, Muslime im Ersten Weltkrieg zu mobilisieren – so überzeugten sie 1914 die osmanischen Verbündeten dazu, einen Jihad gegen die Entente-Mächte zu erklären.

    Während des Zweiten Weltkrieges dann, in den Jahren 1941-42 – als deutsche Truppen in muslimisch bevölkerte Gebiete auf dem Balkan, in Nordafrika, auf der Krim und im Kaukasus einmarschierten und sich dem Nahen Osten und Zentralasien näherten – begann man, den Islam als politisch bedeutsam wahrzunehmen. Das NS-Regime versuchte nun zunehmend Muslime zum Kampf gegen angeblich gemeinsame Feinde zu mobilisieren – gegen das Britische Empire, die Sowjetunion, Amerika und die Juden.

    Vor allem Hitler und Himmler waren vom Islam fasziniert. Warum?

    Ja, einige führende Nazis, vor allem Hitler und Himmler, waren vom Islam fasziniert und hatten auch wiederholt ihre Sympathie für den Islam bekundet. Wann immer Hitler während der Kriegsjahre die katholische Kirche kritisierte, verglich er sie mit dem Islam als positives Gegenbeispiel: Während er den Katholizismus als schwache, verweichlichte Religion verurteilte, lobte er den Islam als starke, aggressive Krieger-Religion. Vertreter des NS-Staates gingen gemeinhin davon aus, dass Religion und Politik in der „muslimischen Welt“ eng miteinander verknüpft seien, also könnte der Islam für die eigenen politischen und militärischen Ziele instrumentalisiert werden.

    In Ihrem Buch steht, Hitler hätte mit seiner Begeisterung für islamische Geistliche und Soldaten am Ende „mehr Muslime nach Deutschland gebracht, als dort je gelebt hatten“. Wie passte die Einbindung von Muslimen mit der nationalsozialistischen „Rassenpolitik“ zusammen?

    Vor dem Krieg hatte sich Hitler tatsächlich immer wieder verächtlich über nicht-europäische Völker wie Inder oder Araber geäußert. Während des Krieges jedoch zeigte sich das NS-Regime hier pragmatisch: Türken, Iraner und Araber wurden bereits in den 1930er Jahren explizit von jeglicher offizieller, rassistischer Diskriminierung ausgenommen. Während des Krieges bewiesen die Deutschen ähnlichen Pragmatismus gegenüber Muslimen vom Balkan und den Türk-Minderheiten der Sowjetunion. In den Kriegsjahren ersetzte man zudem zunehmend Begriffe wie „semitisch“ und „antisemitisch“ durch „jüdisch“ und „antijüdisch“, aus Rücksicht gegenüber den arabischen Verbündeten.

    Welche Rolle spielten die Muslime in Hitlers Truppen?

    Die Wehrmacht und Waffen-SS rekrutierte ab 1941 Zehntausende muslimische Freiwillige – darunter Bosnier, Albaner, Krimtataren und Muslime aus dem Kaukasus und Zentralasien. Man erhoffte sich dadurch, deutsches Blut zu sparen und die Verluste an der Ostfront auszugleichen. Muslimische Soldaten wurden an allen Fronten eingesetzt – sie kämpften in Stalingrad, Warschau und sogar bei der Verteidigung Berlins.

    Warum schlossen sich Muslime dem deutschen Militär an?

    Die meisten der Rekruten hatten keine religiösen Beweggründe. Viele wurden in Kriegsgefangenenlagern rekrutiert und viele hofften einfach, dass ihnen eine deutsche Uniform ermöglichen würde, den Krieg zu überleben. Andere – vor allem die Türk-Minderheiten aus der Sowjetunion – hofften aber auch, dass sie mit Hilfe Deutschlands ihre Heimat von der Sowjetherrschaft befreien könnten.

    Wie gingen die deutschen Soldaten mit Muslimen vor Ort um?

    Bereits 1941, kurz vor dem Einmarsch in Nordafrika, gab die Wehrmacht die Tornisterschrift „Der Islam“ heraus, um die deutschen Soldaten im Umgang mit den dortigen Muslimen zu instruieren. An der Ostfront – wo Stalin vor dem Krieg den Islam brutal unterdrückt hatte – bauten die deutschen Besatzer Moscheen und Koranschulen wieder auf, in der Hoffnung, so die Sowjetherrschaft zu unterminieren.

    Benutzte man in der an Muslime gewandten Propaganda solche Begriffe wie „Jihad“?

    Ja, deutsche Propagandisten politisierten religiöse Texte, wie den Koran, und religiöse Imperative, wie das Konzept des Dschihad, um Muslime zur religiösen Gewalt gegen die Alliierten anzustacheln. Am Ende waren aber die deutschen Versuche, muslimische Verbündete zu gewinnen, weniger erfolgreich, als in Berlin erhofft.

    Zu einem gewissen Grad kann diese Geschichte der Islam-Propaganda als Teil der längeren Geschichte der Versuche europäischer Großmächte gesehen werden, den muslimischen Glauben für geopolitische Zwecke zu instrumentalisieren. Historiker haben eine ganze Reihe solcher Fälle untersucht: Die britischen, französischen und osmanischen Versuche, die Krimtataren während des Krimkriegs zum Kampf gegen das Zarenreich zu bewegen; die Versuche der Mittelmächte, fromme Muslime im ersten Weltkrieg zum Jihad aufzurufen; und nicht zuletzt die westliche Unterstützung islamischer antikommunistischer Bewegungen im Kalten Krieg – eine Episode, die mit der Unterstützung der Mujaheddin in Afghanistan endete, wo Washington nicht nur Stinger-Raketen, sondern auch antisowjetische religiöse Literatur und Korane verteilte.

    Einige der ehemaligen muslimischen SS- und Wehrmacht-Soldaten, die nach dem Rückzug in Deutschland gelandet waren, gründeten dort die ersten muslimischen Organisationen der Bundesrepublik. Sind von diesen Organisationen irgendwelche bis heute erhalten?

    Einige der ehemaligen muslimischen SS- und Wehrmacht-Soldaten, die nach dem Rückzug in Deutschland gelandet waren, blieben nach dem Krieg in Deutschland und gründeten die ersten muslimischen Gemeinden der Bundesrepublik. Viele gründeten Familien in Deutschland, und die Nachkommen dieser Familien leben auch heute noch in Deutschland. Das bedeutendste Zentrum dieser Minderheit war München. Hier gründeten sie die ersten islamischen Vereine der Bundesrepublik. Die Vereine selbst gibt es heute nicht mehr; allerdings ihre Nachfolgeorganisationen.

    Eine besondere Rolle in den Einheiten spielten damals Militär-Imame – eine Kategorie von Militärgeistlichen, die jetzt in der Bundeswehr fehlt. Was meinen Sie, sollte man wieder Militär-Imame einführen?

    Ja, wenn andere Religionsgemeinschaften eine Militärseelsorge haben, so sollte man diese Muslimen in der Bundeswehr nicht vorenthalten. Prinzipiell jedoch, aber dies ist meine persönliche Meinung, sehe ich den Einfluss der Religion – insbesondere der Kirchen – auf staatliche Institutionen skeptisch. Oft ist uns mit mehr religiöser Neutralität – mehr Trennung von Religion und Staat – besser gedient. Im Fall der Militärseelsorge sollte gelten: Entweder Militärseelsorge für alle größeren Religionsgruppen – und dazu zählen natürlich auch die Muslime – oder für keine.

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    Tags:
    Waffen-SS, Muslime, Soldaten, Instrument, Islam, Nazi-Deutschland, Deutschland