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04:47 22 August 2019
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    Michail Gorbatschow (Archivbild)

    Regisseur der Doku über Gorbatschow: Er war letzter Romantiker der Politik

    © Sputnik / Sergej Gunejew
    Gesellschaft
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    Sascha Konkina
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    Im Rahmen des 41. Internationalen Filmfestivals Moskau hat der Film von Regielegende Werner Herzog und André Singer Russland-Premiere gefeiert. Die Doku „Meeting Gorbachev“ soll ein menschliches Porträt über Michail Gorbatschow sein.

    Im Gespräch mit Sputnik hat André Singer erzählt, warum auch für Russland die Zeit gekommen ist, stolz auf den letzten Staatschef der Sowjetunion zu sein.

    „Gorbatschow als Deutscher zu treffen, ist belastet von der Geschichte“, sagt Werner Herzog zu Beginn des Films. „Die ersten Deutschen, die Sie gesehen haben, wollten Sie töten.“ „Nein“, antwortete ohne Verzögerung Gorbatschow. Seine erste Begegnung mit Deutschen sei mit den Besitzern eines Süßwarenladens in der Nachbarschaft gewesen. „Ich dachte, wer solche Süßigkeiten macht, kann nicht böse sein.“ So fing der Film an – ganz persönlich, ungekünstelt und vertrauensvoll.

    „Ich hoffe, dass die Leute verstehen, dass der Film kein politisches Essay ist. Natürlich gibt es da Politik, da wir mit einem Politiker gesprochen haben. Aber wir wollten einen Menschen hinter diesem Politiker zeigen. Wir wollten verstehen, wovon Gorbatschow als Persönlichkeit während dieser entscheidenden Jahre angetrieben wurde“, erklärte Regisseur André Singer bei der Premiere in Moskau.

    Keine klassische politische Doku

    Das Herzstück des Films sind drei ausführliche Interviews mit Gorbatschow, die in seinem Moskauer Büro aufgenommen wurden. Im Mittelpunkt stehen natürlich die wichtigsten Merkmale der Zeit: Das Ende des Kalten Krieges, die Wiedervereinigung Deutschlands, die Katastrophe von Tschernobyl, der Abzug der Sowjets aus Afghanistan und die Auflösung der Sowjetunion.

    Michail Gorbatschow (Archiv)
    © Sputnik / Ewgenij Odinokow
    Dabei sprach Gorbatschow aber nicht über die politischen Erfolge, sondern über seine persönlichen Errungenschaften und Enttäuschungen. Ganz offen erzählte er von seinen Fehlern und Entscheidungen, die er heute vielleicht anders treffen würde.

    Die Filmemacher versuchten, die Geschichte abseits einer klassischen politischen Doku darzustellen. So wurde die Narration oft mit ungewöhnlich persönlichen Fragen unterbrochen – etwa wie sehr ihm seine Frau fehle.„Was fühlten Sie nach dem Tod Ihrer Frau?“ „Als sie starb, wurde mir mein Leben genommen.“

    Aktuelle Politik tauchte im Film nur am Rande auf. Gorbatschow nannte kaum konkrete Fakten, ging nicht ins Einzelne und vermied die Parallelen zur Gegenwart. „Wir wollten nicht mit dem Finger auf die Politiker der Gegenwart zeigen“, erklärte der Regisseur. „Das ist keine Reflexion, ob Putin oder Trump Gorbatschow irgendwie ähneln. Er war ein absolut anderer Typ des Politikers.“

    Neben Gorbatschow nahmen auch andere prominente Politiker am Film teil: Ex-Kohl-Berater Horst Teltschik, Ex-US-Außenminister George Shultz, der ehemalige polnische Präsident Lech Walesa und der ehemalige ungarische Ministerpräsident Miklós Németh. Ihre Meinungen vom letzten sowjetischen Präsidenten gehen weit auseinander, aber in einer Frage sind sie sich einig: Gorbatschow war eine absolute einzigartige Figur.

    Gorbatschow: Auf meinem Grabstein soll stehen „Wir haben´s versucht“

    Für den Westen und besonders für Deutschland gilt Gorbatschow eindeutig als eine heroische Figur, wegen der Rolle, die er bei der Wiedervereinigung spielte. Seine Außenpolitik, die er das „Neue Denken“ nannte, trug zum Ende des Kalten Krieges bei. „Wir Deutschen lieben Sie, Mister Gorbatschow, und ich persönlich liebe Sie auch“, sagte Herzog beim Gespräch. In Russland im Gegenteil verurteilen ihn viele, weil er angeblich die Sowjetunionverfallen ließ, und in Teilen der Gesellschaft wird er sogar als Verräter gesehen, was den ehemaligen Präsidenten bis heute trifft.

    „Die Ironie besteht darin, dass das Ende der Sowjetunion nie sein Ziel war, er wollte nur ihre Erneuerung. Vielleicht wird Russland in der Zukunft einen Blick zurückwerfen und das verstehen“, bemerkte André Singer. Die Person Michail Gorbatschow findet der Regisseur insofern tragisch.

    „Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?“, fragt Werner Herzog. „Wir haben´s versucht“, antwortet Michail Gorbatschow.

    „Gorbi, Gorbi!“ – noch ein Held für die neue Generation?

    Nicht nur bei der russischen Premiere, sondern auch bei den Premieren weltweit zeigten viele jüngere Leute ihr Interesse für diesen Film. Sie sind schon eine ganz andere Generation, die begeisterten Gorbi-Rufe sind ihnen unbekannt, destotrotz bleibt Gorbatschow noch ein Thema für sie.

    „Er unterschied sich von den anderen Politikern seiner Zeit. Thatcher, Reagan, Kohl waren bitterernst, sehr gründlich, und Gorbatschow war charismatisch, jung, dynamisch. Er war Superstar. In irgendwelchem Sinne war er sogar der letzte Romantiker der Politik“, erklärte Singer.

    Das Filmfestival in Moskau sei das wichtigste Festival weltweit für diesen Film. „Ich will, dass sich die Leute hier, in Russland, diesen Film ansehen. Und ich hoffe, dass eine neue Generation, die Gorbatschow als Präsident der Sowjetunion nicht miterlebte, stolz auf seine Zeit zurückblicken kann“, resümierte der Regisseur.

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    Tags:
    Premiere, Interview, Regisseur, Russland, Moskau, Filmfestival, Doku, Michail Gorbatschow