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    Sprechverbote an Hochschulen: „Das trifft die Universitäten im Nerv.“

    © AFP 2019 / Stefan Puchner / dpa
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    Immer häufiger protestieren Studentenvereinigungen, um unliebsame Redner an ihren Universitäten zu blockieren. Professoren werden im Netz kritisiert. Der Deutsche Hochschulverband warnt vor Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Der renommierte Geisteswissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht plädiert im Interview für eine „radikale Freiheit der Rede“.

    In Frankfurt protestieren Aktivisten gegen eine Professorin und deren Tagung zum globalen Islam. In einem Blog dokumentieren Studenten vermeintliche Verfehlungen eines renommierten Berliner Politologen. Politiker bestimmter Parteien sollen nicht an Hochschulen reden. Der Trend, unliebsame Redner an Hochschulen einzuschüchtern zu wollen, geht mittlerweile so weit, dass sogar der Deutsche Hochschulverband (DHV) im April vor Einschränkungen der Meinungsfreiheit an Universitäten warnte. DHV-Präsident Bernhard Kempen sagte, dass die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinken würde. Das habe wiederum Auswirkungen auf die Debattenkultur an Universitäten. Zurück geht dieses Phänomen der Sprech- oder Themenverbote auf das englischsprachige Konzept der „Safe Spaces“ (zu Deutsch „sicherer Raum“).

    „Sichere Räume“ für jeden

    Als „Safe Space“ werden Räume und Räumlichkeiten bezeichnet, in die sich Menschen zurückziehen dürfen, die sich marginalisiert oder diskriminiert fühlen. An diesen Orten sollten Aussagen und Taten verboten sein, die andere als diskriminierend oder abwertend empfinden.

    „Safe Spaces“ gebe es so an seiner Hochschule nicht, erzählt Hans Ulrich Gumbrecht im Sputnik-Interview. Gumbrecht war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2018 Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der renommierten kalifornischen Stanford University. Er berichtet:

    „Es gibt natürlich ein Klima generell und es gibt immer wieder Aufrufe vom Rektorat und von anderen Institutionen, die einen daran erinnern, so wird das nicht formuliert und man darf nicht alles sagen, was man spontan sagen möchte und vielleicht auch spontan sagen könnte.“

    Nicht zu bewältigende Komplexität des Alltags

    Es sei aber eine Projektion, zu denken, dass es besonders in den USA schlimm sei. Gumbrecht hat den Eindruck, dass die Situation an deutschen, an französischen, oder anderen europäischen Universitäten nicht sehr anders sei. Er fragt sich warum „in unserer Situation, in unserer Gegenwart diese institutionellen und offiziellen Sprachverbote um sich greifen.“ Seine Antwort lautet:

    „Das hat mit einer generellen Unsicherheit zu tun. Mit einer Komplexität des Alltags, die von vielen nicht zu bewältigen ist und darauf reagiert man dann mit Sprachverboten, die ethisch und moralisch begründet werden. Man schafft sich dadurch eine kleine Welt, in der man sich glaubt sicher fühlen zu können.“

    Die Forderung nach absoluter Toleranz

    Die Universitäten treffe das im Nerv. Die Universität, zitiert Gumbrecht den bekannten Naturforscher Alexander von Humboldt, „ist nicht vor allem die Institution der Wissensvermittlung, sondern die Institution an der neues Wissen entstehen kann.“ Deswegen würden solche Sprech- und thematischen Verbote die Universitäten mehr treffen als andere Institutionen wie Krankenhäuser oder eine Autofabrik. Leute, die solche Sprachverbote vertreten würden – zum Teil Studenten, zum Teil politisch korrekte Dozenten – würden von anderen eine absolute Toleranz fordern, die sich darin artikuliere, dass niemand verletzt werden darf. Gumbrecht schildert:

    „Es gibt ja bei uns in den USA diesen Begriff ‚Trigger Warning‘ (zu Deutsch: Auslöser-Warnung). Wenn sie irgendein Wort gebrauchen, oder irgendeine Meinung artikulieren, die irgendjemand, der im Raum sitzt, potenziell verletzen könnte, müssen sie eine Warnung vorrausschicken, so dass die- oder derjenige, die durch die Meinung verletzt würden, den Raum verlassen kann. Diese Erwartung wird zum Teil auch von den Leitungen der Universitäten gestützt. Ich glaube, dass sie erstens dem, worum es in den Universitäten als Institution geht, in fundamentaler Weise wiederspricht und zweitens, dass sie eigentlich nicht durchsetzbar ist. Das würde ja voraussetzen, dass jeder, der das Wort ergreift, über alle psychische Dispositionen, Traumata und so weiter von all denen die anwesend sind informiert wäre.“

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    Freie Sprache ist nötig, um neue Ideen zu schaffen

    Für den Philologen Gumbrecht sind besonders die Universitäten und vor allem die Geisteswissenschaften ein Ort, wo es keine Sprachverbote geben dürfe, denn „keine Sprachverbote und die Möglichkeit, sich frei und spontan zu artikulieren, ist die Bedingung dafür, dass Komplexität, das neue und alternative Ideen geschaffen werden können.“

    Sollte das Konzept der Sprechverbote tatsächlich langfristig institutionalisiert werden, könnte es zu einer Lähmung des intellektuellen Lebens führen. Gumbrecht bedient die Allegorie des Mehltaus, der sich über die Universitäten lege und sie damit der Möglichkeit beraube, ihre zentrale Funktion zu erfüllen.

    Es trifft besonders die Universitäten

    Tendenzen, solche Sprachverbote zu erlassen und durchzusetzen, auch außerhalb der Universität, gebe es aus ganz verschiedenen Standpunkten, auch von einem rechten Standpunkt, heraus. Dass Vertreter bestimmter Positionen versuchen, ihre eigene, subjektive Meinung verbindlich zu machen, habe es historisch schon immer gegeben. Gumbrecht betont:

    „Die besondere Innovation heute liegt erstens darin, dass das mit einer großen Intensität und geradezu flächendeckend geschieht – fast alle haben solche Sprachverbote im Kopf – und dass es zweitens heute besonders die Universitäten trifft.“

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    Es braucht eine „radikale Freiheit der Rede“

    Im März gab es eine Diskussion, weil der AfD-Chef Jörg Meuthen zu einer Podiumsdiskussion bei der „University of Applied Sciences“ in Frankfurt geladen war. Kritiker forderten die Ausladung. Sie waren der Meinung, dass Meuthen eine Partei vertrete, die die Religionsfreiheit von Moslems einschränken wolle und offen rassistisch sei. Außerdem toleriere sie Antisemiten in ihren Reihen. Für Gumbrecht wäre der Vorsitzende der rechten Partei AfD Meuthen ein idealer Kandidat, um an einer Universität zu sprechen:

    „Universitäten sollten vor allem auch Vertreter von Positionen einladen, von denen ich zum Beispiel denke, sie sollten nicht existieren, gegen die ich sehr hart diskutieren würde. Es liegt ja auch ein Wert darin, dass man sich klar macht, was an Meinungen existiert. So sehr man diese Meinung verurteilt.“

    Dafür argumentieren Gumbrecht auch historisch: Was wäre, wenn es Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland ein deutliches Bewusstsein dafür gegeben hätte, was die Nationalsozialisten tatsächlich vorhatten?

    „Der Holocaust wird in ‚Mein Kampf‘, das 1926 erschienen ist, beschrieben. Insofern könnte ein Wert darin gelegen haben, dass man sich mit Nazis damals konfrontiert hätte, um abschätzen zu können, was die vorhaben, um sie politisch und nicht durch Meinungsterror ausgrenzen zu können.

    Ich bin ein Vertreter der Möglichkeit zumindest in bestimmten Institutionen eine radikale Freiheit der Rede durchzusetzen, dass keine Meinung ausgeschlossen wird.“

    In den USA würde immer wieder diskutiert, dass der erste Zusatz zur Verfassung (First Amendment) praktisch und in seiner Auslegung auch rassistische Bemerkungen schütze. Das klinge paradoxal und schrecklich, aber selbst das, so Gumbrecht, sollte in bestimmten Räumen artikuliert werden können. „Der Wert liegt darin, dass man dann weiß, dass es so etwas gibt.“

    Das komplette Interview mit Professor Hans Ulrich Gumbrecht zum Nachhören:

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    Tags:
    Studenten, Redefreiheit, Meinungsfreiheit, Zensur, Universität, Deutschland