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09:35 19 August 2019
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    (v.l.n.r.) Generaloberst Stumpf, Generalfeldmarschall Keitel, und Generaladmiral von Friedeburg unterzeichnen die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Berlin-Karlshorst (Archiv)

    „Waffenruhe und kein Friedensvertrag“ - Historiker Dr. Morré zum Tag der Befreiung

    © AFP 2019 / STF / AFP FILES
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    Paul Linke
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    Vor 74 Jahren wurde die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst unterzeichnet. Heute befindet sich dort das Deutsch-Russische Museum Karlshorst. Sputnik sprach mit Museumsdirektor Dr. Jörg Morré über die Kapitulation und die Bedeutung des Gedenktages.

    Herr Dr. Morré, heute vor 74 Jahren wurde die Kapitulation der Wehrmacht unterschrieben. Wie hat sich das ereignet? Wie verlief dieser Prozess?

    Die Veranstaltung selbst in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 hier in Karlshorst war eigentlich sehr kurz – ungefähr 20 Minuten. Denn es war ja eine bedingungslose Kapitulation. Das heißt, die Wehrmachtsvertreter der Luftwaffe, von Heer und Marine — Generalfeldmarschall Keitel, Generaladmiral von Friedeburg und Generaloberst Stumpf — kamen in den Saal, kriegten dieses Dokument vorgelegt und mussten es unterschreiben, vermutlich in fünf Exemplaren – vier für die Alliierten und eine für die deutsche Seite und haben den Saal anschließend verlassen. Danach — das wissen wir — gab es ein Siegesbankett. Aber das ist dann nicht mehr die Kapitulation als solche.

    Der Akt selbst ist natürlich extrem wichtig. Denn hier wurde amtlich von der kriegsführenden Seite der Wehrmacht bescheinigt: Wir hören auf zu kämpfen. Das Ergebnis selbst wurde eigentlich bereits am 7. Mai in Frankreich, in Reims vorweggenommen worden. Da war also der erste Schritt der Kapitulation. Das war der Moment, an dem die Wehrmacht einwilligte, an allen Fronten bedingungslos zu kapitulieren. Die Wiederholung dieses Schrittes in Karlshorst war trotzdem wichtig, weil es so eine Art Ratifizierung war. Das war für den sowjetischen Verbündeten wichtig und es war auch symbolisch wichtig, dass es in der Reichshauptstadt passierte.

    Wer war an diesem bedeutsamen Ereignis noch beteiligt?

    Die andere Seite ist die Anti-Hitler-Koalition. Diese bestand aus der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Frankreich rutschte in den letzten Kriegsmonaten dann mit an den Tisch. Hier in Berlin-Karlshorst war der Marschall Schukow der Hausherr als Vertreter der Sowjetunion. Und sein Gegenpart war Luftmarschall Tedder, ein Brite, der aber für die Vereinigten Streitkräfte sprach. Als Zeugen waren der französische General de Lattre de Tassigny und der amerikanische General Spaatz anwesend. Dieses etwas merkwürdige Setting hatte damit zu tun, dass man nicht wusste, wie man mit dem französischen Vertreter umgehen sollte.

    Wieso wurde eben dieser Ort für die Unterzeichnung gewählt?

    Hier befand sich das Hauptquartier der Roten Armee. Schukow hatte bei der Einnahme Berlins, hier am Stadtrand, sein Quartier aufgeschlagen. Die Kaserne war noch unbeschädigt. Berlin hatte bereits am 2. Mai kapituliert. Deswegen wurden auch die Vertreter der Alliierten nach Karlshorst gebeten.

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    Was steht in der Kapitulation drin?

    Das ist ein Dokument im Deutschen von ungefähr anderthalb Seiten. Im Kern steht drin: Wir hören auf zu kämpfen. Dann gibt es noch ein Paar Formulierungen, wo es um die Abgabe der Waffen geht. Und es steht dann exakt drin, dass ab 23:01Uhr Waffenruhe herrscht. Der Ausdruck Frieden kommt da gar nicht vor, sondern es ist eine Waffenruhe. Das heißt, der Kampf hört auf. Es steht deswegen so kurz und knapp drin, weil alle Soldaten dachten, dass den echten Friedensvertrag die Politiker machen. Das war die Potsdamer Konferenz, die aber nicht das Ergebnis gebracht hat.

    Sie begehen diesen Tag heute mit einem Fest im Museum. In Russland ist es ein großer Feiertag. Am Tag des Sieges feiern die ehemaligen Sowjetrepubliken diesen Tag mit Paraden und Gedenkfeiern. Wie wichtig ist dieser Tag für die Deutschen?

    Ehrlich gesagt, ist der 8. Mai irgendwie ein Nicht-Datum in der deutschen Gesellschaft. Einige kennen dieses Datum, aber die meisten verbinden damit wenig bis gar nichts. Wir hier als Museum haben den Auftrag, dafür zu werben, dass man da ein bisschen darüber nachdenkt. Ich halte das auch als Historiker für wichtig, sich klarzumachen, wann endet dieser Zweite Weltkrieg in Europa. Und der dritte Aspekt ist, er endete hier in Deutschland. Nicht irgendwo weit weg in Frankreich, an einem Ort, den kaum jemand kennt. Man kann mit der S-Bahn herfahren. Also direkt vor unserer Haustür. Und da einmal im Jahr einmal daran zu denken, das fände ich schon wichtig.

    Der Berliner Senat hatte ja die Überlegung den 8. Mai zum offiziellen Feiertag zu erklären. Wie fänden Sie diese Idee?

    Es ist eine charmante Idee. Aber was ich eben gesagt habe: Die Basis dafür fehlt dann doch noch. Man kann natürlich einen Gedenktag per Dekret festsetzen, aber er würde dann nicht so richtig gelebt werden. Mal sehen, was das nächste Jahr bringt. Da haben wir den 8. Mai frei. Das ist ein Feiertag in Berlin. Es gibt ja auch zwei Landesverfassungen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, die den 8. Mai als Gedenktag festgesetzt haben. Das ändert in den Bundesländern aber auch nicht so viel. Da setze ich doch auf die Macht der historisch-politischen Bildung und unsere Arbeit, dass wir das den Leuten klarmachen. Ob es dann ein Feiertag ist oder nicht, ist dann sekundär.

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    Das Deutsch-Russische Museum Karlshorst ist ein wichtiges Denkmal. Ein weiteres großes Denkmal ist der Soldat im Treptower Park. Kürzlich wurde die Statue der Trauernden Mutter geschändet, offenbar mit Maschinenöl übergossen. Wie kommentieren Sie eine solche Aktion?

    Schändung von Denkmalen ist nie in Ordnung. Hier nochmal mehr, weil das Bild der Trauernden Mutter in dieser riesigen Gedenkanlage fast schon ein intimer Moment ist. Da hat jemand das ganz grundsätzlich nicht verstanden.

    Sie kommen gerade von einer Begegnung mit der ukrainischen Delegation. Wie begehen die Ukrainer diesen Tag, wie wichtig ist dieser Tag für die Ukraine?

    Ich komme gerade aus dem Tiergarten vom sowjetischen Ehrenmal. Dorthin hat die ukrainische Botschaft eingeladen. Es ist schon Absicht, dass es der 8. Mai ist. Und es war sehr würdig. Wir standen dort alle vor dem Ehrenmal, es haben dann die Vertreter unterschiedlichster Religionen ein Gebet gesprochen. Aus religiöser Sicht erinnerten sie daran, dass es auch der Opfer zu gedenken gilt, dass es diese Opfer gibt. Und ja, es ist auch ein freudiger Tag. Es ist auch ein Dank an die Befreier, an die Kämpfer. Wir stehen auch hier an einem Ehrenmal, wo es um die Ehrung dieser Kämpfer geht. Aber diese Verinnerlichung, dass es auch Opfer gekostet hat, dass es auch Leid und Trauer über viele gebracht hat, ist auch ein Grund, dass sich so etwas bitte nie wieder wiederholen darf.

    Interview mit Historiker Dr. Jörg Morré zum Nachhören:

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    Tags:
    Bedeutung, Unterzeichnung, Friedensvertrag, Waffenruhe, Tag des Sieges, Wehrmacht, Berlin-Karlshorst, Deutschland, Ukraine