15:52 13 November 2019
SNA Radio
    Mädchen in der Uniform der sowjetischen Soldaten in Berlin

    „S Dnjom Pobedy!“ – Russen und Deutsche feiern in Berlin den Tag des Sieges

    © REUTERS / ANNEGRET HILSE
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    81459
    Abonnieren

    In Berlin stehen der 8. und der 9. Mai ganz im Zeichen des Gedenkens an das Ende des Hitlerfaschismus und an die Befreiung Deutschlands durch die Rote Armee vor 74 Jahren. Gefeiert wird in Treptow, Karlshorst und Tiergarten. Im kommenden Jahr wird der 8. Mai sogar einmalig Feiertag in der Hauptstadt.

    Bereits am Morgen haben sich mehrere Hundert Menschen am Sowjetischen Ehrenmal zur großen Kranzniederlegung versammelt. Im Laufe des 9. Mais besuchen gewöhnlich an die 10.000 Menschen den Treptower Park. Viele haben Decken mit Picknick-Utensilien dabei. Schließlich ist der 9. Mai nicht nur ein Tag des Gedenkens, sondern auch des Feierns und der Freude.

    Berliner Russen in Uniform

    Es dominieren an diesem Donnerstagvormittag russische Farben, das Georgsband, Uniformen. Wenige der letzten noch lebenden Veteranen des Zweiten Weltkriegs stehen in ordenbestückter Paradeuniform am Fuße der Denkmals des unbekannten Soldaten. Aber auch Ehemalige der Sowjetarmee späterer Jahrzehnte und sogar Reservisten der Bundeswehr, von denen sich einige über die Kriegsgräberpflege für die deutsch-russische Freundschaft einsetzen, haben wie jedes Jahr den Weg in den Ostberliner Park gefunden. Viele Berliner Russen verbringen den ganzen Tag hier in Treptow. Am Nachmittag gibt es noch ein Musik- und Kulturfest.

    „Wir hoffen sehr, dass sich Deutsche und Russen nicht wieder entfremden“

    Am Vormittag findet der offizielle Teil statt. Botschafter ehemaliger Sowjetrepubliken erklimmen zusammen mit dem russischen Botschafter Sergej Netschajew die Stufen zur Krypta unter dem 30 Meter hohen Denkmal des Soldaten mit Schwert und Kind. Gekommen sind unter anderem die Botschafter Aserbaidschans, Kirgistans, Belarus, Tadschikistans, Usbekistans. Selbst die Botschaft Vietnams hatte einen Kranz abgelegt. Es fehlen die Botschafter Georgiens, der Ukraine und der baltischen Staaten.

    Der russische Botschafter Netschajew sagt gegenüber Sputnik:

    „Das ist ein bedeutender Tag für das russische Volk und für die Völker der früheren Sowjetunion. Das Andenken an die gefallenen Helden dieses Krieges ist für unser Volk Teil unserer DNA. Wir haben 27 Millionen Menschen geopfert auf den Feldern des Krieges, in Konzentrationslagern oder als Kriegsgefangene. Ein riesiger Preis.“

    Der Botschafter verweist auch auf das besondere deutsch-russische Verhältnis:

    „Auch für Deutschland ist dies ein historischer Tag. Hier in Berlin endete damals der Krieg. Umso mehr freut es mich, dass sich unsere Völker, trotz der schrecklichen Ereignisse des Krieges, die Hände über die Kriegsgräber hinweg gereicht haben. Das hat zu einer historischen Aussöhnung geführt. Wir hoffen sehr, dass sich Deutsche und Russen nicht wieder entfremden.“

    „Dieser Tag sollte ewige Mahnung sein“

    Von deutscher Seite gab es Kränze der Linken, der Bundesregierung, des regierenden Bürgermeisters von Berlin und des Ministerpräsidenten von Brandenburg. Auch Robby Schlund, Bundestagsabgeordneter der AfD, war dort und hat einen Kranz abgelegt. Schlund ist Vorsitzender der deutsch-russischen Parlamentariergruppe, die gerade zu Beginn der Woche ein Fußballspiel zwischen Abgeordneten des Bundestages und der russischen Staatsduma organisiert hatte.
    Der Alterspräsident der Linken und Interims-Regierungschef der DDR in den Monaten nach der Wende, Hans Modrow, war auch wie jedes Jahr im Treptower Park. Er erzählte Sputnik:

    „Ich gehöre zu der Generation, die von Beginn an, als das Denkmal hier eingeweiht wurde, dabei war hier am 9. Mai. Es gehört für mich dazu, an diesem Tag in Treptow zu sein. Dieser Tag sollte ewige Mahnung sein.”

    Die im Mai 1949 fertiggestellte Anlage ist das größte sowjetische Denkmal außerhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion. Die Anlage im Treptower Park in Berlin ist Gedenkstätte und zugleich letzte Ruhestätte für 7000 in der Schlacht um Berlin gefallene Sowjetsoldaten.

    • Das sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow am Morgen des 9. Mai 2019
      Das sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow am Morgen des 9. Mai 2019
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Kränze unter anderem von der Bundesregierung am Ehrenmal
      Kränze unter anderem von der Bundesregierung am Ehrenmal
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Hans Modrow, vorletzter DDR-Ministerpräsident, im Interview mit Sputnik
      Hans Modrow, vorletzter DDR-Ministerpräsident, im Interview mit Sputnik
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Russlands Botschafter Sergej Netschajew gedachte der Opfer des Sieges über den Faschismus
      Russlands Botschafter Sergej Netschajew gedachte der Opfer des Sieges über den Faschismus
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Würdenträger verschiedener Religionen am Ehrenmal
      Würdenträger verschiedener Religionen am Ehrenmal
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Eine junge Frau gedachte der Veteranen aus ihrer Familie
      Eine junge Frau gedachte der Veteranen aus ihrer Familie
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Reservisten der Bundeswehr gedachten der Opfer der Sowjetarmee
      Reservisten der Bundeswehr gedachten der Opfer der Sowjetarmee
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Die Vertreter der „Nachtwölfe“ legten einen Kranz nieder
      Die Vertreter der „Nachtwölfe“ legten einen Kranz nieder
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Die junge Generation setzt das Gedenken fort
      Die junge Generation setzt das Gedenken fort
      © Sputnik / Tilo Gräser
    1 / 9
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Das sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow am Morgen des 9. Mai 2019

    Der 90jährige Modrow mahnte:

    „Es muss alles dafür getan werden, dass Frieden und Freundschaft zwischen den Deutschen und Russen und den Völkern der ehemaligen Sowjetrepubliken herrscht. Nur so kann es Frieden in ganz Europa geben.“

    „Wenn wir die Erinnerung verlieren, wiederholt sich die Geschichte“

    Nachdem die offiziellen Delegationen abgereist waren, marschierten im Treptower Park die „Nachwölfe“ auf. Auch dies ist seit einigen Jahren ein Ritual. Die patriotischen russischen Biker sind bereits seit dem 26. April auf Tour durch ganz Europa, bei der sie sowjetische Denkmäler des Sieges über den Hitlerfaschismus besuchen. Unterwegs schließen sich ihnen befreundete Motorradrocker aus Polen oder Serbien an.

    Deutschland ist die letzte Station der etwa 100 Biker. Hier führt sie die Tour über Dresden und Torgau nach Berlin. Alexej von den „Nachtwölfen“ sagte zum Ziel ihrer Reise: „Wir tragen die Idee durch ganz Europa, die Erinnerung daran zu behalten, wie schlimm der Krieg war und wie viele Millionen Tote er gekostet hat. Wenn wir die Erinnerung verlieren, wiederholt sich die Geschichte.“ Während die harten Jungs am 8. Mai ausgelassen bei dem Fest im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst feierten, zeigten sie am nächsten Morgen in Treptow Disziplin und Respekt und erweisen den Befreiern Berlins die symbolische Ehre mit einem dreifachen „Ura!“.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: „Nachtwölfe“ fahren nach Berlin: Trauerkränze niederlegen und Gedenkkerzen anzünden — VIDEO<<<

    „Спасибо! Thank you! Merci! Danke!”

    Die Abläufe am 9. Mai in Berlin sind inzwischen ritualisiert. Die offiziellen Vertreter der Länder sind um Zehn Uhr zur Kranzniederlegung in Treptow und anschließend noch einmal zum Gedenkakt am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten. Hier hat dann auch die nahezu vollzählige Fraktion von DIE LINKE im Bundestag einen Kranz niedergelegt mit der Aufschrift „Спасибо! Thank you! Merci! Danke! DIE LINKE im Bundestag“  Auch Dirk Wiese, der Russlandbeauftragte der Bundesregierung, war anwesend. Mitglieder der Regierung wurden allerdings weder in Treptow noch im Tiergarten gesehen. Lediglich ein Kranz der Regierung wurde abgelegt.

    Um Zwölf Uhr folgte der „Marsch des Unsterblichen Regiments“ vom Brandenburger Tor zum Ehrenmal im Tiergarten. Auch in diesem Jahr nahmen daran wieder etwa 3000 Menschen teil. Bei diesem Gedenkmarsch tragen die Teilnehmer Bilder ihrer Familienmitglieder, die im Großen Vaterländischen Krieg gekämpft haben. Ursprünglich erstand die Idee dazu 2012 in der sibirischen Stadt Tomsk. Seitdem hat sich das „Unsterbliche Regiment“ in ganz Russland und darüber hinaus verbreitet und ist inzwischen Tradition. In Moskau nehmen über eine halbe Millionen Menschen daran teil. Auch Präsident Putin ist schon mitmarschiert.

    Der 9. Mai in Berlin ist ein Tag der Freude, des Gedenkens, der Versöhnung. Quasi die Fortsetzung des 8. Mai, der in Deutschland als Tag der Befreiung begangen wird. Eine bessere Brücke kann man eigentlich nicht bauen zwischen den beiden Völkern. Im kommenden Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal. Dem zu Ehren soll, auf Antrag der Linken, der 8. Mai 2020 einmalig ein offizieller Feiertag in Berlin sein.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Gedenken, Befreiung, Faschismus, Hans Modrow, Sergej Netschajew, Deutschland, Russland