23:01 17 November 2019
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    Proteste gegen Bayer AG-Produktion (Archiv)

    Gier frisst Hirn – Monsanto wird wegen Spionage in Frankreich zum Desaster für Bayer

    © AFP 2019 / INA FASSBENDER
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    Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer musste sich für Praktiken seiner neuesten Tochtergesellschaft „Monsanto“ entschuldigen. Monsanto hat in Frankreich Listen von „Gegnern“ des Saatgutkonzerns erstellt. Doch es ist nur eine Hiobsbotschaft von vielen für Bayer, die mit Monsanto zu tun haben und die Übernahme als schweren Fehler erscheinen lassen.

    Die Welt ist in den zurückliegenden Jahren einiges von „Monsanto“ gewohnt gewesen. Die Liste der Gründe, warum dieser, im US-Bundesstaat Missouri beheimatete Saatgut-Multi zu den meistgehassten Firmen, nicht nur in den USA, sondern in der ganzen Welt gehört, ist lang und kann hier nur unvollständig wiedergegeben werden:

    • Monsanto wird vorgeworfen, in aggressiver Weise gentechnisch verändertes Saatgut und Lebensmittel in der Gesellschaft etablieren und Patente auf Grundnahrungsmittel erlangen zu wollen.
    • Monsanto wird vorgeworfen, in geradezu manischer Weise Kritiker seiner Unternehmenspolitik zu verklagen, um sie mundtot zu machen.
    • Monsanto wird vorgeworfen, in ebenso zwanghafter Weise weltweit Prozesse wegen angeblich oder tatsächlich missbräuchlicher Verwendung von patentgeschütztem Monsanto-Saatgut gegen Bauern anzustrengen, obwohl regelmäßig der Verdacht nahe liegt, dass das gentechnisch verseuchte Saatgut des Konzerns naturbelassenes Saatgut in der Umgebung kontaminiert hatte.
    • Monsanto wird vorgeworfen, zweifelhafte Gutachten lanciert zu haben, welche die Unbedenklichkeit seiner Produkte, beispielsweise „Glyphosat“, bescheinigten, obwohl der Verdacht der Befangenheit der Wissenschaftler bestand.
    • Monsanto wird vorgeworfen, weltweit Regierungsapparate mit ehemaligen Mitarbeitern bzw. Gewährsleuten zu unterwandern bzw. diese zu manipulieren.
    • Monsanto wird vorgeworfen, seine Rolle im Vietnam-Krieg, als Hersteller des berüchtigten Entlaubungsmittels „Agent Orange“ jahrelang heruntergespielt und Entschädigungsregelungen erst durch gerichtlichen Druck, aber ohne Schuldeingeständnisse zugestimmt zu haben.

    Monsanto bespitzelte und „bearbeitete“ Kritiker in Frankreich

    Aber das, was jetzt über Monsanto in Frankreich bekannt wurde, setzt dem Ganzen tatsächlich die Krone auf. Monsanto hat demnach Listen anfertigen lassen, auf denen zum Schluss rund 200 Personen mit persönlichen Informationen standen, die vom Konzern als „Gegner“ identifiziert wurden und „bearbeitet“ werden sollten. Unter diesen Personen befinden sich auch Abgeordnete und Journalisten. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen. Bayer musste sich öffentlich entschuldigen und hat eine eigene Untersuchung angekündigt.

    Bayer relativiert in der Pressemitteilung aber zugleich, dass die Liste nur „möglicherweise“ gegen ethische Grundsätze und gesetzliche Bestimmungen verstoßen habe, wofür es, nach Überzeugung von Bayer „derzeit keine Anhaltspunkte“ gebe. Diese Sprachregelung stammt mutmaßlich vom Leiter des Bereiches „Public and Governmental Affairs“, der für den Bayer-Konzern dessen Interessen am Sitz der US-Regierung in Washington D.C. vertritt.

    Ein Grüner macht für Bayer/Monsanto Öffentlichkeitsarbeit und politischen Lobbyismus

    Dieser Leiter ist seit dem 1. Januar 2019 Matthias Berninger, ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft und nach allen bislang zur Verfügung stehenden Informationen immer noch Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Dass ausgerechnet ein Grüner Öffentlichkeitsarbeit für ein solches Unternehmen macht, kann man wohl ohne Übertreibung bemerkenswert nennen. Interessanterweise findet man unter dem Suchbegriff „Matthias Berninger“ auf der Internetseite von Bayer keine Ergebnisse.

    Andererseits scheinen die Grünen kein Problem damit zu haben, Kritiker von und Kritik an Monsanto und der neuen Muttergesellschaft zu unterstützen, aber gleichzeitig einen prominenten Politiker in ihren Reihen nahezu kritiklos zu dulden, der einen Konzern verteidigt, der in seiner Geschichte gegen so gut wie alle Prinzipien der Grünen verstoßen hat. Das ist vor allem deshalb interessant, weil die gleiche Grüne Partei derzeit ein anderes prominentes Mitglied, den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, mehr oder weniger aus der Partei zu mobben versucht.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: „Seitenwechsler“: Vom Grünen-Politiker zum Cheflobbyisten für Bayer<<<

    Warum Bayer unbedingt Monsanto übernehmen wollte, bleibt ein Rätsel

    Im Marketing- und Public-Relations-Bereich gibt es gewisse Grundregeln, die manchmal unlogisch erscheinen, aber ausgesprochen wirkungsvoll sind. Der Mythos, wonach schlechte Werbung besser sei als gar keine, gehört aber definitiv nicht dazu. Schon gar nicht, wenn mit einem Markenamen geworben werden muss, der ungefähr so beliebt ist wie Ebola. Dass in der Bayer-Chefetage bekannt gewesen ist, dass Monsanto abgrundtief verhasst ist, bezeugt die Tatsache, dass der Name umgehend getilgt wurde, nachdem die Übernahme unter Dach und Fach war.

    63 Milliarden US-Dollar hat die Bayer AG für Monsanto hingeblättert. Offiziell wird die Geschichte verbreitet, das Geschäft von Monsanto sollte mit dem guten Markenimage von Bayer neu etikettiert werden. Doch das ganze Gegenteil ist eingetreten. Und es ist erstaunlich, dass im Vorstand und Aufsichtsrat von Bayer niemand gewesen sein soll, der auf den Tisch hauen und darauf hinweisen konnte, dass es eine Illusion ist, zu glauben, das desaströse Image des Markennamens „Monsanto“ könne man über Nacht auslöschen, wenn es in Form seiner anderen Marken wie etwa „Glyphosat“ und aller damit in Zusammenhang stehenden Prozesse weiterlebt.

    Und genau das lässt sich derzeit beobachten. Wie eine düstere Prophezeiung wurde beinahe zeitgleich mit dem Skandal in Frankreich bekannt, dass Bayer einen weiteren Prozess wegen Monsantos „Glyphosat“ in den USA verloren hat und zu einer enormen Schadenersatzsumme verurteilt wurde. Rund 11.000 Einzelklagen liegen noch vor, in Worten elftausend! Doch schon jetzt hat das Katastrophenimage von Monsanto mehr als nur diese Strafzahlungen gekostet. Der Börsenwert von Bayer liegt im Moment unter der Summe, die der Konzern für Monsanto bezahlt hat.

    Bewahrheitet sich am Ende auch im Fall Bayer die alte Warnung „Gier frisst Hirn“?

    Und noch ist völlig unklar, ob und wie eine weitere Leiche im Keller von Monsanto zu einem Krebsgeschwür für Bayer werden kann. Denn aus Vietnam sind nun die ersten Schadenersatzforderungen wegen der Spätfolgen von „Agent Orange“ publik geworden. Monsanto hatte sich nur auf gerichtlichen Druck, zusammen mit anderen Chemiekonzernen der USA in den 80er Jahren zur Einrichtung eines Entschädigungsfonds bereit erklärt, der mit einer Summe von deutlich unter 200 Millionen US-Dollar ausgestattet war und in den 90er Jahren aufgelöst wurde. Selbst die Zustimmung zu diesem Fonds verband Monsanto seinerzeit mit der ausdrücklichen Zurückweisung jedweden Schuldeingeständnisses. Man habe nur zugestimmt, um jahrelange Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden, erklärte Monsanto damals.

    Diese Arroganz könnte Bayer nun auf die Füße fallen. Genauso wie die Ignoranz gegenüber allen Warnungen, wonach der immense Wert der Firma Monsanto eine sprichwörtlich toxische Note hat, weil das immense Negativimage dieses Unternehmens im Zweifel wie ein Mühlstein an Bayer hängen könnte. Doch Bayer wies alle Bedenken zurück und pries stattdessen unverdrossen die hervorragenden Synergieeffekte und Zukunftspotenziale des Kaufs. Möglicherweise wird am Ende auch diese Firmenübernahme ein Fall für die Lehrbücher, als trauriger Beleg für die Warnung, dass Gier Gehirn frisst.

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    Warnung, Die Grünen, Bündnis 90/Die Grünen, Abgeordnete, Journalisten, Glyphosat, Prozess, Unternehmen, Kritik, USA, Monsanto, Bayer, Frankreich, Deutschland