22:09 11 Dezember 2019
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    Verena Bahlsen (Archivbild)

    „Haben NS-Zwangsarbeiter immer gut behandelt“: Netz über „Dividenden“ der Millionenerbin empört

    © AFP 2019 / Monika Skolimowska / dpa
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    Eine junge Millionenerbin freut sich über den Kapitalismus und will für ihre Dividenden Segeljachten kaufen. Als sie dann die Frage nach der NS-Vergangenheit ihres Unternehmens beantworten soll, zeigt sie wohl null Kenntnis über die Schicksale der Zwangsarbeiter im „Dritten Reich“ - und sorgt für Unmut.

    Während Jungsozis der SPD wie Kevin Kühnert sich für den „demokratischen Sozialismus“ einsetzen und den Kapitalismus überwinden wollen, wirbt die Erbin des Keksherstellers Bahlsen, Verena Bahlsen, verstärkt für dessen Vorteile. „Ich bin Kapitalistin. Mir gehört ein Viertel von Bahlsen, und da freue ich mich auch drüber. Es soll mir auch weiterhin gehören. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und so was“, sagte sie kürzlich auf der Digitalmarketingkonferenz OMR in Hamburg. Sie, die auch als Unternehmensgründerin aktiv ist, glaube zudem wirklich „dass ich langfristig mit dem Weltverbessern mehr Geld verdienen kann“. Mit Weltverbessern Geld verdienen dürfte sie sich dochwohl konkret auf ihr eigenes Start-up-Unternehmen beziehen. Vor zwei Jahren gründete Bahlsen die Berliner Firma Hermann’s, mit der sie Lebensmitteltrends aufspürt und in einer Restaurantküche testen lässt.

    Doch strömten die Kritiker sofort in die sozialen Netzwerke. Man hielt Bahlsen entgegen, der Erfolg der Firma - und ihr Wohlstand - basiere auch auf der Ausbeutung der NS-Zwangsarbeiter, die für Bahlsen im „Dritten Reich“ arbeiten mussten und nie entschädigt worden seien. Im Jahre 2000 musste unter anderem die Firma Bahlsen nach einem Urteil die Entschädigung an NS-Zwangsarbeiter wegen Verjährung nicht zahlen.

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    Auf die Kritik folgte die Reaktion, für die der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil die 25-Jährige nun als „abgehoben“ kritisiert und die nun noch für mehr Shitstorm im Netz sorgt. Auf die Bild-Anfrage antwortete Bahlsen, es sei nicht in Ordnung, dass man ihre Äußerung zum Kapitalismus mit dem Thema NS-Zwangsarbeit bei Bahlsen in Verbindung bringe: „Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt.“ Also „Bahlsen hat sich nichts zu Schulden kommen lassen.“

    Erbschaftssteuer und freiwilliges soziales Jahr für „abgründigen Zynismus“

    Vor allem von links wird die Erbin nun massiv unter Druck gesetzt. Der Bundesgeschäftsführer der Linke, Jörg Schindler, schrieb auf Twitter: „Bei uns Linken gäbe es für diese 25-jährige Hundertmillionen-Erbin keine Jachten, sondern eine Erbschaftssteuer. Die ist übrigens eine durch und durch liberale Idee, weil sie verhindert, dass die Genlotterie entscheidet, wer im Leben zu Besitz kommt.“ Aus Empörung vor dem Gesagten startete der ehemalige SPD-Politiker Christopher Lauer sogar eine Petition, in der er ein freiwilliges soziales Jahr für Helena Bahlsen fordert.

    Der Politiker und Chef der „Partei“ Martin Sonneborn ließ das Gesagte ebenso auf seine Weise interpretieren.

    Historiker und Publizist Michael Wolffsohn äußerte, die Stammtisch-Schnoddrigkeit der Erbin des Keks-Imperiums Bahlsen, Verena Bahlsen, sei geschichts- und geschäftsmoralisch unerträglich und eines bundesdeutschen Unternehmens unwürdig.

    Der Journalist Martin Eimermacher verweist darauf, als Holocaust-Profiteure hätten ihre Vorfahren 200 Zwangsarbeiter deportieren lassen. Es muss tatsächlich so sein, dass das Unternehmen in Nazideutschland glänzende Geschäfte machte und als kriegswichtiger Betrieb galt. Zwischen 1941 und 1945 mussten bis zu 250 zum Teil gewaltsam von den Nazis ins Deutsche Reich verschleppte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus insgesamt sieben europäischen Nationen im hannoverschen Bahlsen-Werk ihren Dienst verrichten.

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    Der Journalist Florian Schroeder nannte es, dass die Worte „Zwangsarbeiter“ und „immer gut behandelt überhaupt“ in einem Satz auftauchen, „abgründigen Zynismus“. Was die Bahlsen da suggeriere, grenze an NS-Verharmlosung, sei beschämend und empörend, schrieb die Mitarbeiterin der Freien Uni Berlin Anna Delius.

    Der Schiffsführer bei der Seenotrettung Claus-Peter Reich schrieb seinerseits, er würde ihr gerne über Zwangsarbeit zur NS-Zeit erzählen und das Segeln beibringen, sollte sie sich eine Jacht kaufen.

    Der Nutzer Alf Frommer zieht daraus den Schluss, indem er schreibt, im Grunde zeige Verena Bahlsen nur, wie weit die Verbrechen der Nazis für die junge Generation schon entfernt seien… „In 50 Jahren ist Hitler vielleicht nur noch eine Art Napoleon mit Holocaust.“

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    Tags:
    Holocaust, Unternehmen, NS-Zeit, Zwangsarbeiter, Michael Bahlsen