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00:54 20 Juli 2019
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    der jugoslawische Marschall Josip Broz Tito (Archiv)

    Titos Enkelin: Mein Großvater hätte die Situation im Kosovo geregelt

    © AP Photo /
    Gesellschaft
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    Masa Radovic
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    Zlatica Broz, die Enkelin von Josip Broz Tito, hat in einem Videointerview für Sputnik über den jugoslawischen Marschall als einen liebevollen Großvater gesprochen sowie die verwöhnten Kinder heutiger Politiker kritisiert.

    Außerdem sprach sie von Zeitungs-„Enten“ über den „falschen Tito“, über die Beziehungen ihres Großvaters zu den Russen und zur Sowjetmacht und schließlich über seine Fähigkeit, die vielen Probleme auf dem Balkan, die wohl nie gelöst werden können, im Griff zu haben.

    Wie war Tito als Großvater? War er liebevoll oder streng?

    Er war nicht streng, aber für uns hatte er eine große Autorität, und damit er mit uns zufrieden war und sich keine Sorgen um uns machte, dachten wir immer an unser Benehmen. Er schenkte uns die Wahlfreiheit. Er gab uns auch Ratschläge, wenn er es für nötig hielt. Aber er wollte, dass wir selbstständig werden, unsere eigene Meinung haben und seine eigenen Wünsche erfüllen. Er gab uns eine gewisse Richtung vor.

    Er war sehr liebevoll, obwohl er für uns nicht so viel Zeit hatte. Und als wir Schulkinder wurden, hatten auch wir selbst weniger Zeit, um uns mit ihm zu sehen. Aber unsere Treffen mit ihm, die Zeit, die wir zusammen verbrachten, waren sehr inhaltsreich. Wenn wir gemeinsam spielten, kümmerte er sich sehr um uns: Er sprach mit uns, spielte mit uns. Diese Erinnerungen sind für mich sehr wertvoll.

    Sie und Ihr Bruder Joshka Broz sind für Ihre Bescheidenheit bekannt. Haben die Verwandten der heutigen Politiker auch diese Eigenschaft?

    Also erstens muss ich sagen, dass ich mit diesen Menschen persönlich nicht bekannt bin. Aber daraus, was ich in den Medien sehe und höre, kann ich schließen: Sie haben ein ganz anderes Leben – sie haben viel mehr Privilegien und viel bessere materielle Verhältnisse. Heutzutage werden Politiker und ihre Familien aus meiner Sicht völlig anders wahrgenommen. Und der materielle Aspekt ihres Lebens ist außerordentlich wichtig. Es gibt einen großen Unterschied zwischen uns und den Kindern heutiger Politiker.

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    Welche „Enten“ von damals über Ihren Großvater waren besonders schmerzhaft? In letzter Zeit wird beispielsweise viel über den so genannten „falschen Tito“ geredet….

    Es wurden ja so viele schreckliche Dinge geschrieben; es gab ja so viele Spekulationen, Lügen, Fantasien… Manche sagen ja, wir hätten keine Meinungs- und Pressefreiheit gehabt. Aber in Wahrheit kann man im Grunde alles schreiben, was man will, ohne darauf zu achten, dass sie dadurch jemanden kränken oder dass es Lügen sind.

    Über ihn wurden ja etliche widerliche Dinge geschrieben, aber ich habe nie darauf geachtet und keine solchen Bücher gelesen.

    Aber ja, wir haben mit Joshka tatsächlich Marko Todorovic, den Autor des 2014 erschienen Buchs „Hochstapler“, verklagt. Denn unser Anwalt hatte darin mehr als 1000 Lügen entdeckt. Hören Sie, man darf doch kein historisches Buch mit Thesen wie „es wurde irgendwo geschrieben“, „man konnte hören“, „es wurde überall gesagt“ usw. schreiben! Das sind doch keine historischen Fakten! Aber wir haben davon nichts bekommen. Es gab damals die Tendenz dazu, die Bedeutung der Persönlichkeit Titos möglichst klein zu reden, ihn zu beschmutzen. Im Grunde hält dieser Trend immer noch an. Aus meiner Sicht ist das kulturlos und nicht zivilisiert.

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    Was denken Sie: Hätte Tito die aktuellen Konflikte auf dem Balkan geregelt?

    Was kann ich dazu sagen? Als er an der Macht stand, konnte er sie immer irgendwie im Griff behalten. Es gab Probleme, aber sie wurden unter Kontrolle gehalten. Und die Völker des damaligen Jugoslawiens lebten friedlich, brüderlich und einig, egal wie ironisch man sich heutzutage darüber äußert. Also ich glaube, dass er auch weiterhin hätte alles unter Kontrolle behalten können, damit sich das Land weiter entwickelt.

    Was Kosovo angeht, so hatte Kosovo damit nichts zu tun – in seinen Zeiten war die Situation dort auch unruhig. Ich denke, er hätte auch in diesem Fall die Situation im Geiste des alten Jugoslawiens geregelt, das es nicht mehr gibt, auch wenn sich  dieser Geist mit der Zeit verändert haben könnte.

    Wie verhielt sich Tito zu Russland? In seiner Jugend verbrachte er ja einige Zeit in Omsk…

    Er mochte Russland. Und er respektierte es. Er hat dort mehrere Jahre verbracht. Die Oma Pelageja war Russin. (Pelageja Beloussowa, Titos erste Frau, die er in Omsk heiratete; von ihren vier gemeinsamen Kindern hatte nur der Sohn Zarko überlebt. – Anm. der Red.)  1948 (damals kam es zum Bruch zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien, und Stalin warf Tito antisowjetische Politik, Opportunismus und Revision des Marxismus-Leninismus vor. – Anm. der Red.) – sagte meine Oma einmal zu Hause, sie schämte sich, Russin zu sein, als sie den entsprechenden Bericht des Sowjetischen Informationsbüros hörte. Er wurde aber böse und verlangte, dass sie so etwas nie wieder sagt. Denn man sollte einen Unterschied zwischen dem Volk und seinen Machthabern machen. Er trennte diese beiden Kategorien voneinander. Er mochte die Russen.

    Er war ein Mann, der einfach Frieden in der ganzen Welt wollte, dass die Menschen friedlich miteinander leben. Und für uns war er ein liebevoller Opa, der uns eben mit seiner Liebe beschenkte und uns so viel Zeit widmete, wie er nur konnte. Im Laufe der 31 Jahre meines Lebens, die er mit uns war, war er für mich immer da und war sehr wichtig für mich.

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    Tags:
    Macht, Josef Stalin, Kontrolle, Jugoslawien, UdSSR, Balkan, Josip Broz Tito, Kosovo