12:58 07 Dezember 2019
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    Menschen bekommen Arzneien von den Mitgliedern des Roten Kreuzes in Caracas (Archiv)

    Wie die Venezuela-Blockade der Vereinigten Staaten Menschen tötet

    © AP Photo / Ariana Cubillos
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    Isabella lebt, weiß aber nicht, dass ihr Leben von bunten Pillen abhängt. Sie ist 21 Monate jung, und was sie sagt, können nur die Menschen verstehen, die mit ihr Tag für Tag im Krankenhaus Italiano in Buenos Aires verbringen und entscheiden, welche Pille ihr gerade verabreicht werden muss.

    Isabella hat eine angeborene Krankheit. Die Ärzte warnten ihre Eltern, dass sie eine Lebertransplantation braucht, um weiter zu leben. Ihre Eltern, Douglas und Yelibeth, mussten sich also mit folgenden Fragen befassen: Wer kommt als Organspender in Frage? Wie kann die Operation finanziert werden? Wo und wann kann ihre Tochter operiert werden?

    Viele dieser Fragen konnten relativ schnell gelöst werden: Yelibeth wurde zur Spenderin. Die gesamte Behandlung wurde mit Geldern der Simon-Bolivar-Stiftung finanziert – auf Kosten der Firma Citgo, der amerikanischen Filiale des venezolanischen staatlichen Ölkonzerns PDVSA. Das Abkommen zwischen dem italienischen Krankenhaus in Buenos Aires und Venezuela gibt es seit 2007, und bis dato wurden im Rahmen dieses Programms insgesamt 109 venezolanischen Kindern Spenderorgane transplantiert.

    Douglas und Yelibeth mussten alles, was sie in Venezuela hatten, hinter sich lassen und nach Buenos Aires ziehen. Das geschah im September 2018. Dabei machten sie sich keine Gedanken über die politische Situation in ihrem Land. Ihr zwölfjähriger Sohn Abraham ging in der argentinischen Hauptstadt zur Schule.

    Isabellas Familie musste alles, was sie in Venezuela hatte, hinter sich lassen und nach Buenos Aires ziehen, damit das Mädchen dort behandelt wird. Die Behandlung wurde aus Venezuela finanziert.
    © Foto : FAMILIA DE ISABELLA
    Isabellas Familie musste alles, was sie in Venezuela hatte, hinter sich lassen und nach Buenos Aires ziehen, damit das Mädchen dort behandelt wird. Die Behandlung wurde aus Venezuela finanziert.

    Alles verlief relativ gut: Am 26. November fand die Lebertransplantation statt. Danach verbrachte Isabella anderthalb Monate auf der Intensivstation, weil sie gewisse Komplikationen hatte. Am 9. Januar wurde sie für geheilt erklärt, aber die Ärzte warnten, dass die Reha ziemlich schwer verlaufen würde. Das neue Körperorgan musste sich „einnisten“, und die Ärzte sich vergewissern, dass es richtig funktioniert. Auf das Mädchen kamen sechs bis zwölf Monate intensive Behandlung zu.

    Aber am 28. Januar verkündete das US-Finanzministerium neue, schärfere Sanktionen gegen Venezuela, diesmal auch gegen die Firma Citgo, die die Stiftung für Behandlung von Kinderkrankheiten finanziert. Die Mittel der Firma wurden gesperrt. Wo sich ihre sieben Milliarden Dollar aktuell befinden, ist völlig unklar. Der Sicherheitsberater des US-Präsidenten, John Bolton, versprach quasi, dass der venezolanische Ölkonzern im nächsten Jahr zusätzlich elf Milliarden Dollar Verluste tragen würde. Citgo würde weiter arbeiten, aber in den USA, und die Finanzmittel würden nicht mehr nach Venezuela überwiesen – auch nicht an die Simon-Bolivar-Stiftung.

    Das Geld soll auf ein „spezielles blockiertes Bankkonto“ überwiesen werden, „damit sie künftig der neuen Regierung überlassen werden“, sagte US-Finanzminister Steven Mnuchin. Inzwischen sind vier Monate vergangen, und es gibt keine „neue Regierung“ – und deshalb auch kein Geld für die Behandlung Isabellas und anderer kranker Kinder.

    Isabellas Gesundheit schwebt in Gefahr, weil für eine erfolgreiche Lebertransplantation extrem teure Medikamente erforderlich sind, die sich ihre Familie aber ohne Hilfe der venezolanischen Regierung nicht leisten kann. Venezuela hat seinerseits wegen der Blockade seiner Finanzmittel durch die USA nicht die Möglichkeit, die Behandlung des Kindes zu bezahlen.
    © Foto : FAMILIA DE ISABELLA
    Isabellas Gesundheit schwebt in Gefahr, weil für eine erfolgreiche Lebertransplantation extrem teure Medikamente erforderlich sind, die sich ihre Familie aber ohne Hilfe der venezolanischen Regierung nicht leisten kann. Venezuela hat seinerseits wegen der Blockade seiner Finanzmittel durch die USA nicht die Möglichkeit, die Behandlung des Kindes zu bezahlen.

    Und da das italienische Krankenhaus kein Geld bekommt, kann es keine Spenderorgane mehr transplantieren. Die venezolanische Botschaft in Argentinien leistet die Hilfe, zu der sie überhaupt fähig ist. „Das Krankenhaus bietet uns Obdach, und die Botschaft leistet uns materielle Hilfe. Allerdings wissen wir nicht, wie lange wir noch durchhalten können“, so Douglas per Telefon gegenüber Sputnik Mundo.

    Er ist 34 Jahre alt und musste seinen Job als Manager in einer venezolanischen Firma aufgeben, um sich ganz seiner Tochter widmen zu können. „Meine Tochter muss ständig überwacht  werden, damit sie richtig behandelt wird.“ Bisher habe sich ihre neue Leber noch nicht vollständig „eingenistet“ und lasse sich nur durch Medikamente kontrollieren, erläuterte Douglas.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Eindringen in Venezuelas Botschaft: Caracas wirft Washington Verstoß gegen internationales Recht vor<<<

    Die Stiftung stellte seiner Tochter die nötigen Medikamente zur Verfügung, bis die USA ihre Finanzmittel sperrten. Isabella braucht insgesamt 16 Arzneimittel, von denen jedes mehr als 1500 Dollar pro Packung kostet. Eine Durchschnittsfamilie kann sich so etwas nicht leisten. Die restlichen Medikamente werden noch für ungefähr einen Monat reichen.

    „Falls Isabellas Rehabilitationsabläufe nicht eingehalten werden, könnte sie ihre transplantierte Leber verlieren, und dann wäre eine neue Operation nötig. Wir müssen wieder bei null anfangen, und das wäre noch viel schwieriger, denn meine Frau könnte nicht mehr Spenderin werden. Wir haben nicht so viel Zeit“, so der Mann.

    Die Blockade wird wie eine Militärwaffe gegen Venezuela eingesetzt. Diese Taktik gibt es seit jeher. Wer die Medienschlacht gewinnt, wird die ganze übrige Realität bestimmen. Im jüngsten Bericht des Washingtoner Zentrums für politische und wirtschaftliche Studien wurden erschreckende statistische Angaben angeführt: Die US-Sanktionen beziehungsweise die Blockade Venezuelas haben seit 2017 zum Tod von etwa 40.000 Menschen geführt. Wegen der Blockade sei der Zugang zu Lebens- und Arzneimitteln problematisch geworden, dadurch sei die Zahl von Erkrankungen und Todesfällen gestiegen, heißt in dem Dokument. Es seien insgesamt 80.000 HIV-Infizierte, 16.000 Krebskranke und vier Millionen Diabetiker dieser Blockade zum Opfer gefallen, die  in dem Bericht als „gnadenlose, illegitime und untaugliche Politik“ bezeichnet wurde.  

    Isabellas Mutter Yelibeth hat ihrer Tochter einen Teil ihrer Leber gespendet. Aber die Behandlung in Argentinien droht zu scheitern, weil die USA die Bankkonten des venezolanischen staatlichen Unternehmens Citgo blockiert haben, die solche medizinischen Behandlungen im Ausland finanziert.
    © Foto : FAMILIA DE ISABELLA
    Isabellas Mutter Yelibeth hat ihrer Tochter einen Teil ihrer Leber gespendet. Aber die Behandlung in Argentinien droht zu scheitern, weil die USA die Bankkonten des venezolanischen staatlichen Unternehmens Citgo blockiert haben, die solche medizinischen Behandlungen im Ausland finanziert.

    „Aus Sicht der Menschenrechte ist die von der US-Führung verhängte illegitime Wirtschafts- beziehungsweise Finanzblockade das größte Hindernis auf dem Weg zum Respekt für die Menschenrechte in Venezuela“, stellte der Exekutivsekretär des Nationalen Rats für Menschenrechte und Venezuelas Vertreter beim Internationalen Menschenrechtssystem, Larry Devoe, fest. Er beobachtet die Situation um Isabella und auch um andere Familien mit ähnlichen Problemen sehr aufmerksam. „Allein in Caracas gibt es mindestens zwölf Personen, denen eine Knochenmarktransplantation zugesichert wurde. Sie wollten nach Italien reisen, um dort operiert zu werden, konnten das wegen der Blockade jedoch nicht tun“, betonte Davoe gegenüber Sputnik Mundo.  

    Hinzu kommen 25 venezolanische Kinder in Italien, von denen Außenminister Jorge Arreaza unlängst auf einer Pressekonferenz in der Uno sprach. Sie warten auf eine Knochenmarktransplantation, die aber nicht stattfinden kann. Und wie viele weitere solche Fälle um venezolanische Kinder gibt es weltweit? Wie viele von ihnen werden sterben? Wie viele sind schon gestorben – in Italien oder irgendwo anders? Und wer wird die Schuld dafür tragen?

    Kritiker der Maduro-Regierung behaupten, der Lebensmittel- und Medikamentenmangel lasse sich nicht auf die Blockade zurückführen, weil die Situation bereits vor den US-Sanktionen kritisch gewesen sei.

    Dr. Antony Moreno, der Pressesprecher des Komitees von Patienten und Verwandten der Opfer der Finanzblockade, weist diesen Irrtum zurück. „Wir haben diverse Studien durchgeführt und herausgefunden, dass zwischen 2013 und 2015, als Maduro schon an der Macht war, aber es noch keine Sanktionen gab, jeder Venezolaner die Möglichkeit hatte, bis zu 20 diverse Arzneien einzunehmen, falls er krank wurde. Selbst die Uno bestätigt, dass Venezuela die so genannten Entwicklungsziele des Jahrtausends erreicht hat“, erklärte Dr. Moreno gegenüber Sputnik Mundo per Telefon.

    Isabella hat eine angeborene Krankheit und benötigte eine Lebertransplantation. Die US-Sanktionen gegen Venezuela gefährden allerdings ihre Behandlung.
    © Foto : FAMILIA DE ISABELLA
    Isabella hat eine angeborene Krankheit und benötigte eine Lebertransplantation. Die US-Sanktionen gegen Venezuela gefährden allerdings ihre Behandlung.

    „Aber alles hat sich verändert, nachdem die Opposition die Präsidentschaftswahl 2015 gewonnen und Sanktionen gegen Venezuela verlangt hatte“, ergänzte er.

    Gerade 2015 erschien der umstrittene Erlass des damaligen US-Präsidenten Barack Obama, in dem Venezuela als „eine außerordentliche Gefahr für die Vereinigten Staaten“ bezeichnet wird. Und jetzt verfügen die Venezolaner höchstens über fünf Medikamente jährlich, betonte Dr. Moreno. „Das ist so gut wie nichts. Der dadurch zugefügte Schaden ist kolossal. Ich arbeite in der Abteilung für Arbeitshygiene und sehe den Unterschied seit dem Jahr 2015.“

    Venezuela muss alle „lebenswichtigen“ Medikamente gegen Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen, Hochdruckkrankheit, HIV usw. importieren. In Venezuela gibt es keine Laboratorien, die mit primären Ausgangsstoffen arbeiten könnten. Caracas finanzierte diesen Import dank den Einnahmen aus dem Rohstoffimport. Und da diese blockiert worden sind, hat es kein Geld mehr dafür.

    Menschen kämpfen gegen diese Situation, organisieren Protestaktionen, verbreiten die wenigen Medikamente, die sie bekommen oder selbst herstellen. Aktuell können Douglas, Isabella und andere Familien dank der Simon-Bolivar-Stiftung und anderen gesellschaftlichen Bewegungen ihren Weg weiter gehen, deren Unterstützung sie in Argentinien bekommen.

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    „Außenminister Arreaza sagte, wir müssen durchhalten. Aber wie lange noch?“, sagte Douglas. Er will nicht über Politik reden, denn die Situation, in die er und viele andere Menschen geraten sind, hat nichts mit Chavismus beziehungsweise Anti-Chavismus, mit Revolutionen oder mit politischem Marketing zu tun. „Bei der Blockade geht es um keine politischen Fragen. Die Blockade ist gegen uns gerichtet. Sie schadet uns, gegebenenfalls meiner Tochter und nicht Nicolas Maduro oder anderen Beamten. Ich habe Angst davor, was passieren könnte. Und was ist, wenn meine Tochter das transplantierte Organ verliert?“

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